Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

MUSIK: «Wir hören auf unsere Herzen»

Jahr für Jahr kommen Jacques Zoon und Iseut Chuat nach Luzern, um am Lucerne Festival zu spielen. Mit dabei – wie auf allen Reisen: ihre beiden Kinder. Musik sei die beste Lebensschule, finden sie.
Interview Annette Wirthlin
Zuerst an die Probe ins KKL, dann vielleicht noch etwas Pedalo fahren auf dem Vierwaldstättersee: Jacques Zoon und Iseut Chuat mit ihren Kindern Noëmie und Emmanuel. (Bild: Manuela Jans)

Zuerst an die Probe ins KKL, dann vielleicht noch etwas Pedalo fahren auf dem Vierwaldstättersee: Jacques Zoon und Iseut Chuat mit ihren Kindern Noëmie und Emmanuel. (Bild: Manuela Jans)

Ich treffe Sie kurz vor einer der letzten Proben, in zwei Tagen ist das Eröffnungskonzert des Lucerne Festival. Sind Sie schon nervös?

Jacques Zoon: Nein, ich werde nur nervös, wenn ich weiss, dass ich nicht gut vorbereitet bin. Wenn man auf der Bühne sozusagen «überleben» muss, das ist gar nicht schön. Aber diese Stücke hier kennen wir sehr gut – es ist unser «eisernes Repertoire». Und sowieso: Wenn man sich auf die grosse Freude am Spielen konzentriert, vergisst man die Nerven.

Iseut Chuat: Ich kenne dieses komische Gefühl im Magen vor einem Auftritt, es ist fast schmerzhaft und gleichzeitig hilfreich, weil man dann Adrenalin ausschüttet und sich voll konzentrieren kann. Wenn man auf der Bühne nervös ist, sich also mit dem eigenen Ego befasst, heisst das, dass man nicht mehr in der Musik ist. Die Musik lehrt einen, wirklich nur in der Gegenwart zu sein.

Zoon: Genau. Wenn man spielt, gibt es kein Zurück. Man muss in jeder Zehntelsekunde wissen, wo man ist – vollkommen präsent sein.

Haben Sie irgendwelche speziellen Rituale vor einem Auftritt – zum Beispiel ein Maskottchen …

Chuat: Nein, weil wir dann in die Falle des Aberglaubens fallen würden. Aberglauben hat etwas Repetitives, er macht uns mechanisch. Man verlässt sich auf etwas anderes wie eine Krücke und ist dann nicht mehr voll bei der Sache. Stattdessen übe ich lieber.

Zoon: Mein einziges Ritual besteht darin, mit dem Velo zum Auftrittsort zu fahren, frische Luft einzuatmen und auf keinen Fall zu früh dort sein!

Chuat: Genau deshalb haben wir den Ruf, immer die Letzten zu sein und die anderen nervös zu machen! (lacht)

Was bringt einen professionellen Musiker dazu, Jahr für Jahr die Sommerferien in Luzern zu verbringen, nur um im Lucerne Festival Orchestra mitzuspielen?

Chuat: Als Musiker muss man die Idee von Ferien im Sommer ohnehin vergessen. Da ist immer irgendwo auf der Welt gerade ein wichtiges Festival.

Zoon: Und man müsste wirklich blöd sein, so ein aussergewöhnliches Angebot abzulehnen: Das Lucerne Festival ist hervorragend organisiert, das Fernsehen ist live dabei, wir spielen mit hochkarätigen Kollegen in einer fantastischen Konzerthalle – und natürlich unter der Leitung von Claudio Abbado.

Wie ist es, mit so einem grossen Dirigenten-Star zu spielen?

Zoon: Andere Dirigenten müssen ihre Macht ständig demonstrieren. Abbado hingegen ist kein Boss, sondern ein wahrer Meister. Er führt uns, indem er uns Freiheiten und den Raum gibt, aufeinander zu hören. Er weiss genau, was er musikalisch will. Er kreiert hier in Luzern mit einem wild zusammengewürfelten, grossen Orchester diese ganz spezielle Atmosphäre, die man sonst eher von kleinen Kammermusik-Formationen kennt.

Chuat: Und da wir alle dies nur für ganz kurze Zeit im Jahr machen, besteht keine Gefahr, in irgendwelche Routinen zu verfallen. Das könnte man mit keinem etablierten Orchester erreichen, und das hat er bewusst so gewählt.

Bewusst gewählt hat Abbado auch, wen er in seinem Orchester mitspielen lässt. Was ist das für ein Gefühl, diesem weltweit einzigartigen Eliteorchester angehören zu dürfen? Sind Sie stolz darauf?

Chuat: Ich bin überhaupt nicht stolz. Musik lehrt uns, bescheiden und demütig zu sein – und keine Auserwählten.

Zoon: Man könnte es Dankbarkeit nennen. Ich bin glücklich, hier zu sein.

Es heisst, dass die Orchester-Mitglieder, die aus aller Welt hierher reisen, wie eine Familie seien. Aber mal ehrlich, ist da nicht auch viel gegenseitiger Neid und divamässiges Getue?

Zoon: Vielleicht war das in den Anfängen noch ein bisschen der Fall. Jetzt sind die Leute einfacher geworden. Keiner, der den anderen ausstechen oder unbedingt sein Ding durchziehen will. Wir sind alle erwachsener geworden.

Sie haben Ihre sicher sehr wertvollen Instrumente mitgebracht. Was haben Sie zu diesen für ein Verhältnis?

Chuat: Nun, ein Cello ist sehr teuer, und ich habe nur eines, das ich übrigens heiss liebe. Natürlich möchte ich nicht, dass es gestohlen oder beschädigt wird. Ich bin also vorsichtig mit meinem Instrument, aber sicher nicht besessen davon.

Zoon: Ich auch nicht. Obwohl ich meine Flöten teilweise selbst aus Holz baue. Ich mag den Klang viel mehr als den von Metallflöten, welche es übrigens erst seit 1850 gibt. Ich habe in Holland drei Jahre lang Unterricht in der Kunst des Flötenbauens genommen. Als ich vor 25 Jahren begann, mit Holzflöten zu spielen, setzte ich eine Art Trend. Immer mehr Flötisten griffen ebenfalls wieder zu Holzflöten.

Treten Sie eigentlich immer gemeinsam auf?

Zoon: Wir lieben es, zusammen zu spielen, doch leider gibt es nicht so viele Noten für Cello und Flöte. Wir versuchen möglichst oft Engagements für dieselben Konzerte zu bekommen, wenn auch nicht immer in den gleichen Stücken. Nur so können wir gemeinsam mit der ganzen Familie reisen. Wenn wir zwei völlig voneinander getrennte Karrieren hätten, würde es schwierig mit dem Familienleben.

Gibt es auf musikalischer Ebene keine Konkurrenz zwischen Ihnen beiden?

Zoon: Ich sehe keinen Grund, weshalb man sich konkurrenzieren sollte, wenn man zwei verschiedene Instrumente spielt. Und sowieso wäre das nicht sehr intelligent.

Chuat: Allerdings. Wie kann man ein Paar sein und ständig im Wettbewerb stehen? Das Problem hatten wir nie. Die Beziehung würde sonst nie funktionieren.

Streiten Sie sich auch manchmal, wenn Sie zusammen musizieren?

Zoon: Nein, ich lasse immer alles meine Frau entscheiden. Ich habe herausgefunden, dass dies das Beste ist. (lacht)

Chuat: Nein, wirklich: Spannungen gibt es höchstens mal zwischen mir und unserem Sohn, wenn er wieder mal nicht üben will. Emmanuel ist 13, er spielt Geige auf sehr hohem Niveau. Er kam schon als Dreijähriger mal mit mir zu einer siebenstündigen Probe und sagte am Schluss: «Ich will Geige lernen.»

Dann können Sie ja bereits Familienkonzerte bestreiten.

Chuat: Theoretisch schon, aber dafür bleibt nicht mehr viel Zeit. Einmal im Monat gehen wir für ein paar Tage nach Madrid oder Bonn, wo Emmanuel von einem russischen Lehrer unterrichtet wird. Dann hat wieder Noëmie, die Kleine, Klavierstunden in Basel oder Tanzunterricht in Genf. Auch sie ist extrem talentiert.

Zoon: Zuerst müssen jetzt die Kinder «aufgegleist» werden, später können wir dann alle gemeinsam spielen. Heute singen wir höchstens mal alle miteinander.

Die Kinder gehen nicht zur normalen Schule. Wieso nicht?

Chuat: So viel, wie wir reisen, wäre das gar nicht möglich. Ich unterrichte die Kinder selbst – unter Aufsicht der Schulbehörden. Ich finde, Schule ist manchmal eine Zeitverschwendung. Den Stundenplan und die Unterrichtsfächer gestalten wir nach Lust und Laune. Vielleicht machen wir mal zwei Monate lang nur Englisch oder nur Physik. Schon durch das viele Reisen allein lernen die Kinder unheimlich viel, und ich glaube, durch die Musik kann man Wissen viel besser verarbeiten. Zudem gibt es ja so viel mehr zu lernen auf dieser Welt als pures Fachwissen.

Sind Sie denn kaum je zu Hause?

Chuat: Das hat schon was. Wir sind praktisch ständig unterwegs. Manchmal wohnen wir in Hotels, und wenn wir länger als eine Woche an einem Ort bleiben, mieten wir eine Ferienwohnung, damit wir selber kochen können. Ende Jahr geht es übrigens für zwei Monate nach Indien – zu unserem spirituellen Meister.

Dies ebenfalls für die Musikkarriere?

Chuat: Für die Karriere nicht, aber für die Musik schon.

Zoon: ... und fürs Leben!

Chuat: Wir möchten unsere Kinder als ganzheitliche Menschen erziehen. Sie sollen nicht nur oberflächliches Wissen erlangen. Es ist uns sehr wichtig, dass sie lernen, sich selbst und andere zu respektieren, eins zu sein mit der Natur, was der Zweck unseres Daseins ist. Spiritualität – das Göttliche zu finden – ist für mich das Wichtigste im Leben. Musik kommt nur an zweiter Stelle.

Das Lucerne Festival steht dieses Jahr unter dem Motto Revolution. Sind Sie auch auf Ihre Art kleine Revoluzzer?

Zoon: Wir wollen nicht revolutionär oder originell sein. Wir versuchen nur herauszufinden, was wir wollen, und das dann zu leben – einfach uns selber zu sein.

Chuat: Wir hören auf die Stimme in unseren Herzen und tun, was die uns sagt – nicht, was uns von aussen befohlen wird.

Sie haben – also Ihre ganze Familie hat – einen sehr eigenen Kleiderstil. Was steckt dahinter?

Zoon: Ach, für uns ist das ganz normal. Wenn man das anzieht, was einem selber gefällt und nicht irgendwelchen anderen Leuten, dann sieht man eben etwas anders aus.

Aber heute passen Sie alle vier farblich hervorragend zusammen. Das war doch Absicht!

Chuat: Nein, ehrlich nicht. Wir haben das Hotel nicht einmal zum gleichen Zeitpunkt verlassen! Wir haben übrigens auch unser Haus allein gebaut, ganz ohne Architekten. Es besteht nur aus Holz und Glas. Das Haus sieht aus wie kein anderes, obwohl das nie unser Ziel war.

Und Sie ernähren sich auch speziell, wie ich gehört habe.

Zoon: Ja, wir essen kein Fleisch und keinen Fisch, keine Eier und nur ganz wenig Milchprodukte – wenn, dann vor allem aus Ziegenmilch. Und wir trinken keinen Alkohol. Früher taten wir das alles rein intuitiv, weil wir uns so gesünder fühlten, wir haben dann aber irgendwann festgestellt, dass das einem vedischen Prinzip aus dem alten Indien entspricht.

Und die Kinder machen das alles freiwillig mit?

Chuat: Die würden niemals Fleisch essen wollen. Mein Sohn zum Beispiel wusste als Kleinkind gar nicht, dass Menschen Fleisch essen. Als er es herausfand, weinte er stundenlang. Die Kinder haben das also ganz allein entschieden. Wenn wir es ihnen verbieten würden, würden sie später garantiert extra das Gegenteil machen.

Sie beide haben in den renommiertesten Orchestern gespielt, sind gefeierte Solisten und unterrichten an den besten Konservatorien. Hat man da trotzdem noch Träume?

Zoon: Ich werde mit einem ehemaligen Studenten eine Firma gründen, in der wir ganz spezielle Flöten herstellen – mit Ideen, die ich über die Jahre angesammelt habe. Darauf freue ich mich sehr.

Chuat: Mein Wunsch für die Zukunft ist es, dass unsere Kinder auch gute Musiker werden und dass wir eines Tages gemeinsam Kammermusik machen können. Es ist eine wunderbare Herausforderung, mit jungen Menschen Musik zu machen!

Zoon: Ach ja, ein weiteres Projekt ist, dass wir, ebenfalls mit Studenten von uns, ein Non-Profit-Orchester namens «The Worldwide Philharmonic» aufgestellt haben. Unser erstes Konzert findet im November in Saragossa, Spanien, statt. Iseut wird dort als Solistin ...

Chuat: ... nein, nein, nein. Das hättest du jetzt nicht sagen müssen! Dann verrate ich halt auch, dass du der Dirigent sein wirst.

Das klingt nach einem vielversprechenden Projekt! Wo werden Sie übrigens künftig noch leben – nach Holland, den USA, Kanada, Berlin, und Genf?

Chuat: Ach, keine Ahnung. Vielleicht Südamerika? Jedenfalls an einem exotischeren Ort als der Schweiz.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.