MUSIKTHEATER: Salle Modulable: Paris hat sie schon

Paris hat Luzern in Sachen Salle Modulable überholt. In Luzern verfolgt man das mit Argus- augen. Derweil tobt in Paris Architekt Jean Nouvel.

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Ein Beispiel für eine Salle Modulable: Teilansichten der soeben eröffneten «Philharmonie de Paris» von innen (links) und von aussen. (Bilder PD/William Beacardet/Guy Montagu-Pollock)

Ein Beispiel für eine Salle Modulable: Teilansichten der soeben eröffneten «Philharmonie de Paris» von innen (links) und von aussen. (Bilder PD/William Beacardet/Guy Montagu-Pollock)

Hugo Bischof

Die Pläne für ein räumlich flexibles neues Theatergebäude in Luzern, die Salle Modulable, haben seit Ende 2014 neue Fahrt aufgenommen. Damals kam es nach jahrelangem Rechtsstreit zur spektakulären Einigung zwischen den Geldgebern und den beharrlichen Luzerner Promotoren des grossen Werks.

Eine modulable Bühne

Salle Modulable: Das tönt bahnbrechend, visionär, geradezu waghalsig. Wie ein solches Projekt reale Form annimmt, zeigt nun die Weltstadt Paris. Hier wurde am vergangenen Wochenende die «Philharmonie de Paris» eröffnet, ein Konzertsaal mit modulabler, flexibler Akustik und Architektur. Insbesondere die Bühnen- und Zuschauerräume sind hier variabel. Die Bühne befindet sich quasi mitten im Publikum und kann je nach Bedarf stark vergrössert oder verkleinert werden.

Genau dieses Prinzip ist auch für Luzern vorgesehen. In Luzern hat man die Eröffnung des neuen Pariser Kulturtempels denn auch mit Argusaugen verfolgt. Philipp Zingg, Päsident des Theaterclubs Luzern, der dank vieler von ihm organisierter Kulturreisen die bedeutendsten Konzertsäle Europas kennt, war zwar nicht selber bei der Eröffnung dabei. Er verfolgte sie aber im Fernsehen und im Internet.

«Atemberaubend schön»

Der Luzerner Theaterclub-Präsident kommt aus dem Schwärmen nicht heraus, wenn er von der «Pariser Salle Modulable» spricht. Mit seinen «runden, fliessenden Formen» sei der Saal von geradezu «atemberaubender Schönheit», so Zingg. Auch die Akustik sei gemäss Experten ausgezeichnet «jener im Luzerner KKL-Konzertsaal ebenbürtig». Das hätten auch zahlreiche namhafte Musiker in Interviews bestätigt. Für Philipp Zingg ist klar: «Die ‹Philharmonie de Paris› ist eines der nächsten Ziele unserer Theaterreisen. Ich schnüre bereits ein Paket mit Führung vor Ort und Konzertbesuchen.»

Fotos, die in französischen Zeitungen erschienen sind oder auf der Website der «Philharmonie de Paris» einsehbar sind, zeigen: Von aussen wirkt das 52 Meter hohe Gebäude im Parc de la Vilette mit seinen ineinandergeschobenen Steinplatten je nach Blickpunkt wie ein Piratenhut oder ein startbereites Flugzeug. Die Fassade besteht aus 340 000 glänzenden Aluminiumplättchen mit stilisierten Vogelmotiven. Das Dach ist begehbar.

Luzern will Vergleich nicht scheuen

Bei der Stiftung Salle Modulable Luzern reagiert man auf die Neueröffnung in Paris zwar mit Respekt, aber dennoch gelassen. Von der Modulierbarkeit her sei die «Philharmonie de Paris» mit dem in Luzern geplanten Gebäude vergleichbar, erklärt Hubert Achermann, Präsident der Stiftung Salle Modulable. Es gebe aber auch klare Unterschiede, so Achermann. Vor allem: «Die ‹Philharmonie de Paris› ist ein reiner Konzertsaal, während wir in Luzern einen Saal planen, der sowohl für Oper, Tanz und Theater dienen soll.»

Ein weiterer Unterschied besteht laut Achermann darin, dass die Salle Modulable in Luzern in Kombination mit dem KKL, «einem weltweit einmaligen, erstklassigen Konzertsaal», entstehen soll entweder auf dem Inseli oder an einem der anderen diskutierten Standorte Theaterplatz und Motorboothafen. Diese städtebaulich zentrale Lage, als Identifikationsort für die Bevölkerung, sei ein Vorteil gegenüber Paris, wo der neue Konzertsaal in einem viel weniger zentralen Aussenquartier stehe.

Grosse Unterschiede gibt es auch bei den Dimensionen der Gebäude. Während die «Philharmonie de Paris» 2400 Sitzplätze bietet (bei einer Umfunktionierung des Parterres in Stehplätze haben hier gar bis zu 3650 Zuhörer Platz), soll die Luzerner Salle Modulable dereinst maximal 1200 Sitzplätze haben.

Bei der «Philharmonie de Paris» so bestechend diese nun auch daherkommt – gab es im Vorfeld viele Misstöne. Da waren die aus dem Ufer laufenden Baukosten; von zunächst kalkulierten 200 landete man schliesslich bei 380 Millionen Euro. Im Gegensatz zu Luzern, wo der Bau der Salle Modulable grösstenteils privat finanziert wird, ging der Bau in Paris praktisch vollumfänglich auf staatliche Rechnung

Jean Nouvel boykottierte Eröffnung

Zum grossen Eklat kam es bei der Eröffnung selber. Der Architekt Jean Nouvel blieb der Eröffnung nämlich demonstrativ fern. In der Zeitung «Le Monde» kritisierte er, die Eröffnung erfolge viel zu früh. Denn das Gebäude ist noch gar nicht fertig. Es handle sich um eine «Frühgeburt», deren Korrektur die Steuerzahler später teuer zu stehen kommen werde, so Nouvel. Das Gebäude erfülle noch nicht alle architektonischen und technischen Anforderungen. Nouvel ist in Luzern kein Unbekannter. Er hat hier das weltberühmte KKL gebaut. Ob der mittlerweile 69-Jährige sich dereinst auch für den Bau der Salle in Luzern bewerben wird, ist noch offen.

In Luzern ist man von der Ausschreibung eines Architekturwettbewerbs noch weit entfernt; hier beginnt nun erst die konzeptionelle Planung. Doch wenn der Standort für die Salle Modulable dereinst gefunden und die Nutzung konkretisiert ist, wird das Pariser Projekt wohl auch in Luzern wieder im Fokus stehen. Die «Philharmonie de Paris» ist im Prinzip eine Kombination von zwei ineinandergestellten Räumen. Der ovale Konzertsaal ist aufgehängt in einer grossen Klangschale. Das Publikum ist rund um die Konzertbühne angeordnet. Das ergibt «eine intime visuelle und akustische Nähe zwischen Zuhörern und Musikern», wie es auf der Website der Philharmonie heisst. Auffällig und spektakulär sind auch die wellenförmigen, weit nach vorne auskragenden Balkone, in denen die Zuhörer sitzen. Dahinter, im Rücken des Publikums, entsteht aufgrund der doppelten Gebäudestruktur ein riesiger Resonanzraum, der für eine optimale Akustik sorgen soll.