MUSIKTHEATER: Wann wird die Salle Modulable stehen?

Wie viel Geld fliesst aus Bermuda? Welcher Standort wird favorisiert? Im Zusammenhang mit der Salle Modulable gibt es viele offene Fragen.

Interview Hugo Bischof
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«Sehr wenige Leute haben an unseren Erfolg geglaubt»: Hubert Achermann, Präsident der Stiftung Salle Modulable. (Bild Pius Amrein)

«Sehr wenige Leute haben an unseren Erfolg geglaubt»: Hubert Achermann, Präsident der Stiftung Salle Modulable. (Bild Pius Amrein)

Hubert Achermann, der Richter in Bermuda gab der Stiftung Salle Modulable bis Mitte Dezember 2015 Zeit, eine optimierte Machbarkeitsstudie für das geplante neue Musiktheatergebäude in Luzern zu verfassen. Sind Sie nun mit Volldampf am Arbeiten?

Hubert Achermann*: Die Vorbereitungsarbeiten laufen. Dabei geht es vor allem darum, wer welche Aufgaben übernehmen wird und mit welchen Experten wir in bestimmten Bereichen zusammenarbeiten werden. Wirklich Vollgas geben können wir erst, wenn der Rechtsstreit erledigt ist; und wie Sie wissen, haben die Vertreter des Butterfield Trust angekündigt, dass sie eine Berufung gegen das zu unseren Gunsten ausgefallene Urteil ernsthaft prüfen.

Wann wird die Salle Modulable – oder wie immer das Gebäude dereinst heisst – eröffnet werden?

Achermann: Das hängt von vielen Dingen ab. Zuerst, wie lange es dauert, bis ein rechtskräftiges Urteil vorliegt, und dann vor allem auch, wie sich der Butterfield Trust bei der Umsetzung des Urteils verhalten wird. Als Jurist habe ich Verständnis dafür, dass man ein Urteil anficht, wenn man glaubt, gute Gründe zu haben. Wenn aber das Urteil bestätigt wird, wovon ich aufgrund der Ausgangslage ausgehe, erwarte ich, dass wir, wie vom Richter gefordert, partnerschaftlich und mit guten Absichten zusammenarbeiten können. Wir haben auch Anzeichen dafür, dass dies der Fall ist.

Die Gegenseite, der Butterfield Trust, ist nach wie vor sehr skeptisch, was die Machbarkeit betrifft. Was sagen Sie zur Kritik?

Achermann: Die Vertreter des Butterfield Trust haben diese Kritik dem Richter in epischer Breite und in stundenlangen Plädoyers vorgetragen. Dieser liess sich davon nicht beeindrucken und ist zum Schluss gekommen, dass wir eine Chance verdient haben, die Machbarkeit zu beweisen. Gleichzeitig verknurrt er die Gegenseite zu kooperativem Verhalten und bestimmt, dass diese den grössten Teil der Prozesskosten übernehmen und die Machbarkeitsstudie bezahlen muss.

Die Stiftung Salle Modulable liess sich die Prozesskosten durch eine dafür spezialisierte Londoner Investmentfirma finanzieren. Als Gegenleistung fliesst ein beträchtlicher Teil der Streitsumme als Erfolgsprämie nach London. Man redet von bis zu 35 Millionen Franken. Wie viel ist es wirklich?

Achermann: Man redet viel, oft ohne zu wissen. Tatsache ist, dass das Urteil noch nicht in Kraft ist und die Erfolgsprämie noch nicht feststeht. Die Details des Vertrags mit Harbour Litigation Funding sind vertraulich; ich kann nicht darüber sprechen, ohne unsere vertraglichen Verpflichtungen zu verletzen. Es ist aber auch klar, dass wir im Rahmen der Machbarkeitsstudie aufzeigen werden, wie das Projekt finanziert werden soll, und damit auch, welcher Anteil mit dem Geld aus dem Prozess gedeckt werden kann.

Wie viel Geld letztlich immer nach London fliessen wird – ist es nicht doch ein zu hoher Preis für den Gerichtserfolg in Bermuda? Muss man gar von einem Pyrrhussieg reden?

Achermann: Ganz im Gegenteil! Ohne die Unterstützung von Harbour Litigation Funding hätten wir dieses Verfahren niemals führen können. Dann stünden wir jetzt bei null Komma null Franken. Sehr wenige Leute haben an unseren Erfolg geglaubt, aber jetzt haben wir Recht bekommen. Mit unserem Kampf haben wir jetzt Aussicht auf einen substanziellen Betrag, welcher der Stadt und dem Kanton Luzern, ihren Kulturinstitutionen und der ganzen Region zugute kommen wird.

Tatsache bleibt: Von den einst von Mäzen Christof Engelhorn in Aussicht gestellten 120 Millionen Franken fliesst letztlich nur eine Teilsumme nach Luzern, vielleicht 80 Millionen. Reicht das, um die ursprüngliche Vision zu realisieren?

Achermann: Die Vision von Herrn Engelhorn war nicht ein Gebäude aus Beton für X Millionen Franken. Er liess sich von Michael Haefliger, dem Intendanten des Lucerne Festival, von der Idee für modernes Musiktheater begeistern. Es ging um Kunst und die Weiterentwicklung des Lucerne Festival, das Christof Engelhorn während seiner Luzerner Jahre sehr eng ans Herz gewachsen war. Er wollte seiner Wahlheimat Luzern ein bleibendes Geschenk machen. Die Machbarkeitsstudie wird zeigen, wie viel Geld es unter den veränderten Rahmenbedingungen für das Projekt braucht und wie es sinnvoll finanziert werden kann.

Von Kosten von insgesamt 157 Millionen war einst die Rede. Da nehmen sich die jetzt in Aussicht stehenden vielleicht 80 Millionen doch sehr bescheiden aus, auch wenn inzwischen der geplante Neubau der Musikhochschule nicht mehr Teil des Gesamtprojekts ist. Muss die Salle Modulable massiv redimensioniert werden?

Achermann: Nochmals: Die 80 Millionen sind reine Spekulation, erstens bezüglich des Beitrags, der aus dem Prozess fliessen wird, und zweitens bezüglich der Baukosten. Wenn das Ergebnis des Prozesses feststeht, werden wir wissen, wie viel wir von dieser Seite bekommen werden. Und was das Projekt kosten wird und wie die Finanzierung geregelt werden soll, wird die Machbarkeitsstudie zeigen.

Muss letztlich doch die öffentliche Hand einspringen, um eine allfällige Finanzlücke beim Bau des neuen Kulturgebäudes zu stopfen?

Achermann: Stadt und Kanton haben das Projekt «Neue Theaterinfrastruktur» ins Leben gerufen, als die Verantwortlichen noch nicht davon ausgehen konnten, dass überhaupt ein Beitrag von Seiten Salle Modulable fliessen wird. Es ist nicht realistisch, davon auszugehen, dass eine neue Theaterinfrastruktur gratis zu haben wäre. Bei der Diskussion über einen möglichen Neubau des Theaters war ja von 60 bis 80 Millionen Franken die Rede. Mit der Zusammenführung der beiden Projekte NTI und Salle Modulable, die vom Richter übrigens explizit akzeptiert wurde, haben wir eine einmalige Chance, die ursprüngliche Vision von Herrn Engelhorn und das Geld, das er dafür zur Verfügung stellen wollte, optimal mit den Bedürfnissen von Stadt und Kanton Luzern zu verbinden und dabei die öffentliche Hand massiv zu entlasten.

Gibt es Anzeichen, dass sich zusätzliche private Gönner finden werden?

Achermann: Wie auch die verantwortlichen Politiker schon mehrfach betonten, sind weitere private Gönner eine Option, um eine mögliche Lücke bei den Baukosten zu schliessen. Allerdings gehe ich schon davon aus, dass auch die öffent­liche Hand einen Beitrag dazu leisten wird.

Wie stehts mit den Betriebskosten? Wie hoch werden diese sein? Und wer wird diese bezahlen?

Achermann: Auch das ist Teil der Machbarkeitsstudie, sowohl was die Höhe als auch was die Finanzierung angeht.

Die Salle Modulable heisst nun Neue Theaterinfrastruktur (NTI). Es geht um einen Ersatz für das veraltete Luzerner Theater. Auch hier übt die Gegenseite heftige Kritik. Es gehe nicht, einfach ein neues Luzerner Theater zu bauen; das sei nicht im Sinne Engelhorns.

Achermann: Ich bin doch sehr erstaunt, dass nach dem klaren Urteil vom Februar und der ebenso klaren Verfügung von Ende Mai der Schweizer Sprecher des Butterfield Trust immer noch auf solch abstruse Weise argumentiert. Wir, und dabei schliesse ich die Vertreter des Butterfield Trust mit ein, sind schon lange einen Schritt weiter.

Ein strittiger Punkt ist das Sprechtheater. In der Salle Modulable, wie sie Engelhorn vorschwebte, sei lediglich Musiktheater vorgesehen gewesen, also kein Schauspiel, argumentiert die Gegenseite. Stimmt dies?

Achermann: Diese Aussagen sind reine Schlaumeierei, um in der Öffentlichkeit Verunsicherung zu verbreiten. Urteil und ergänzende Verfügung lassen hier keine Zweifel offen. Natürlich schliesst die Umsetzung der Vision von Herrn Engelhorn in keiner Weise aus, dass in einem flexiblen Saal, wo Musiktheateraufführungen stattfinden, auch Schauspiel dargeboten werden kann. Das wäre ja absurd und war auch während des zweieinhalbjährigen Verfahrens, inklusive Tausender Seiten Schriftwechsel, gar nie ein Thema.

Umstritten war auch die Standortfrage. Wo soll das neue Gebäude nach Ihrer Ansicht dereinst stehen?

Achermann: Die Machbarkeitsstudie wird zeigen, welche Standorte bezüglich der verschiedenen Kriterien in Frage kommen und auch politisch umsetzbar sind. Im Zusammenhang mit dem Urteil war der Standort übrigens kein Thema.

Welchen Standort favorisieren Sie?

Achermann: Zusammen mit meinen Mitstreitern habe ich fast vier Jahre lang mit sehr viel persönlichem Aufwand für dieses Projekt gekämpft. Ich bin stolz und dankbar, wenn ich sehe, wie weit wir schon gekommen sind. Ich kann mit jedem Standort leben, der die Anforderungen erfüllt und von der Politik umgesetzt werden kann. Mir ist nur wichtig, dass wir uns diese einmalige Chance nicht entgehen lassen und die Vision von Herrn Engelhorn zum Nutzen von Luzern und seinen Kulturinstitu­tionen mit vereinten Kräften erfolgreich realisieren.

* Hubert Achermann (63) ist Präsident der 2008 in Luzern gegründeten Stiftung Salle Modulable. Ihr Zweck ist der Bau eines flexiblen Musiktheater­gebäudes in Luzern – mit den von Mäzen Christof Engelhorn in Aussicht gestellten 120 Millionen Franken. Das Interview wurde schriftlich geführt.

Langer Gerichtsprozess

hb. Die Salle Modulable ist das Projekt eines flexiblen Musiktheaters in Luzern. Für dessen Realisierung stellte Mäzen Christof Engelhorn 120 Millionen Franken zur Verfügung. Diese waren im Butterfield Trust Bermuda deponiert. Nach dem Tod Engelhorns 2010 zog der Trust die Gelder zurück. Es folgte ein langer Gerichtsprozess. Der Richter in Bermuda entschied am 21. Februar 2014, der Rückzug der Gelder sei zu Unrecht erfolgt. Anfang Mai kam es zu einer Nachverhandlung. Dabei gab der Richter der Stiftung bis 15. Dezember 2015 Zeit für eine neue Machbarkeitsstudie. Gemäss seinem Sprecher Sacha Wigdorovits hat der Trust noch nicht entschieden, ob er das Urteil weiterzieht.