MUSLIME: Blancho regelmässig in Luzern

Der umstrittene Präsident des Islamischen Zentralrats referierte seit August drei Mal in einer Luzerner Moschee. Jetzt schiebt der zuständige Verein den Riegel.

Alexander von Däniken Mitarbeit: Christian Hodel
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Zentralratspräsident Nicolas Blancho bei seinem Auftritt in der Stadtluzerner Moschee Barmherzigkeit am 20. September. (Bild: Screenshot Facebook)

Zentralratspräsident Nicolas Blancho bei seinem Auftritt in der Stadtluzerner Moschee Barmherzigkeit am 20. September. (Bild: Screenshot Facebook)

Der als radikal geltende Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) sorgt in der Region Luzern weiter für Gesprächsstoff. Wie unsere Zeitung aufgedeckt hat, drehte der IZRS am 9. November in Kriens einen Propagandafilm (Ausgabe vom Samstag). Treffpunkt für die Aktion, an der rund 60 Muslime aus der Region Luzern teilnahmen, war die Moschee Barmherzigkeit an der Baselstrasse 61a in Luzern. Yusuf Sabadia, Präsident der Islamischen Gemeinde Luzern (IGL), distanzierte sich im Namen aller Vorstandsmitglieder der angeschlossenen muslimischen Vereine deutlich vom Zentralrat (Ausgabe vom Dienstag).

«Die Zentralschweiz ist eine der Top-Regionen des IZRS in der Schweiz», sagt die Luzerner Muslimin Valentina Smajli (31), Vizepräsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Das zeigen auch neue Recherchen unserer Zeitung, wonach der umstrittene IZRS-Präsident Nicolas Blancho offenbar ein gern gesehener Gast in Luzern ist. In den letzten drei Monaten referierte er drei Mal in der Luzerner Moschee: am 11. Oktober («Wer immer den Weg des geringsten Widerstands geht, wird eines Tages keinen Weg mehr vorfinden!»), am 20. September («Reden ist Silber, Handeln ist Gold ... also zweifle nicht, wenn dich dein Feind verfolgt») und am 30. August. Zur Erinnerung: Der Konvertit Blancho will sich nicht klar von der Steinigung distanzieren und fordert etwa eigene Schulen für Muslime.

Vorbeter aus den eigenen Reihen

Aus lokalen muslimischen Kreisen ist zu vernehmen, dass es rund um die Moschee Barmherzigkeit ein Vakuum gibt. Dies seit Petrit Alimi 2011 als Imam zurückgetreten ist. Für die Moschee verantwortlich zeichnet der Islamische Kulturverein Barmherzigkeit. Dessen Präsident Clirim Salihu lässt schriftlich mitteilen: «Führung und Kontrolle sind intakt, und es herrscht kein Vakuum. Die Moschee wählt aus den eigenen Ressourcen die Vorbeter. Periodisch laden wir Theologen aus albanisch sprechenden Gebieten ein.» Wer ausser ihm sonst noch im Vorstand sitzt, will Salihu «aufgrund des Personenschutzes» nicht sagen.

Allerdings: «Nicolas Blancho wird keinen Vortrag in der Moschee Barmherzigkeit mehr halten», schreibt Salihu weiter. Mehr Fragen wollen derzeit weder Salihu noch der Präsident der Islamischen Gemeinde Luzern, Yusuf Sabadia, beantworten. Laut Sabadia wolle man zuerst interne Abklärungen treffen.

Jugendliche im Visier

Der IZRS wirbt vor allem bei den jungen Muslimen, wie Valentina Smajli sagt: «Die Vereinigung Islamische Jugend, welche die Jugendorganisation des IZRS ist, rekrutiert auch in Luzern gezielt Jugendliche. Je mehr Menschen sich dieser radikalen Ausrichtung anschliessen, umso stärker wird der Druck auf gemässigte Organisationen. Je mehr Mitglieder die Radikalen haben, umso grösser wird ihre Legitimation, ihre salafistische Ideologie zu verbreiten und als den Islam anzupreisen.» Die Islamische Jugend Schweiz traf sich übrigens am 12. Juli in der Moschee Dar As-Salam in Kriens.

«Schleichende Radikalisierung»

Laut Smajli gibt es in der Region Luzern einige Personen mit radikalem Gedankengut: «Gefährlich wird es, wenn extremistische Gruppierungen die Lokalitäten von vermeintlich moderaten Organisationen nutzen und so eine schleichende Radikalisierung stattfindet.» In den Kanton Luzern werden laut Smajli Radikale aus dem In- und Ausland zu Referaten und Auftritten eingeladen. «Diese Aktivitäten bilden den Nährboden für totalitäre und menschenfeindliche Ideologien.» In Luzern leben viele junge Muslime aus dem Kosovo, aus Bosnien und der Türkei, so Smajli. «Ihre Integration in unsere Gesellschaft ist gefährdet, wenn sie in die Fänge dieser Extremisten geraten. Hier muss der Staat einschreiten.»

Einer dieser jungen IZRS-Sympathisanten stand gestern vor dem Luzerner Kriminalgericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, in der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober 2011 zusammen mit einem Kollegen und einem Cousin (alle mazedonischer Abstammung und heute 23-jährig) eine bulgarische Prostituierte vergewaltigt zu haben. Die Staatsanwaltschaft fordert für H. eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten sowie eine Busse von 200 Franken. Der Verteidiger plädiert auf eine zweijährige, bedingte Freiheitsstrafe. Die Mittäter von H. sollen ausserdem eine Woche zuvor eine weitere Prostituierte vergewaltigt haben (Ausgabe vom Mittwoch). Die Urteile stehen noch aus.

«Provokation hat beim IZRS System»

Andreas Tunger, was halten Sie davon, dass Nicolas Blancho, Präsident des Islamischen Zentralrats (IZRS), in den letzten drei Monaten dreimal in der Moschee Barmherzigkeit in Luzern aufgetreten ist?
Andreas Tunger:
Das ist kein Grund zur Panik. Ich war an einem Referat dabei. Es ging um die enge Verbundenheit unter den Muslimen. Ich habe nichts Illegales gehört. Auch sonst wird der IZRS radikaler wahrgenommen, als er meiner Meinung nach ist. Im Übrigen wäre «radikal» erst einmal zu definieren.

Immerhin distanziert sich Blancho nicht klar von der Steinigung, und er will muslimische Schulen errichten, in denen teilweise Arabisch unterrichtet wird.
Tunger:
In seinen Statuten bekennt sich der IZRS zum rechtlichen Rahmen der Schweiz. In seinen Positionen ist er konservativ bis fundamentalistisch, wie Sie es bei manchen christlichen Freikirchen finden. Am anderen Ende des Spektrums stehen die Moschee-Vereine, die man mit den Landeskirchen vergleichen kann. Eine kräftige Dosis Provokation gehört beim IZRS zum System. Medien und Politik spielen sein Spiel mit. Dabei ginge es auch anders.

Wie denn?
Tunger:
Indem Medien, Behörden und Politik gelassener mit dem IZRS umgehen. Aussenstehende können noch immer Anlässe besuchen, um allfällige Rechtsverletzungen nachher anzuzeigen.

Diese Gelassenheit kann auch erreicht werden, wenn der IZRS mit den Provokationen aufhört.
Tunger:
Tatsächlich ist der IZRS auf Zickzack-Kurs: Mit Provokation versucht er die Basis zu vergrössern, verspielt aber andernorts Kredit. Wie lange die Rechnung aufgeht, wird sich zeigen.

Was bedeutet die Front zwischen IZRS und Bevölkerung für die gemässigten muslimischen Vereine?
Tunger:
Sie stehen mit den Behörden in engerem Kontakt als der IZRS und bilden die der Muslime eher ab. Wenn der IZRS mit seinem ausgebauten Medien- und PR-Team die ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkt, verstehe ich, dass die Moschee-Vereine allergisch auf den Zentralrat reagieren.

Andreas Tunger-Zanetti, Islamwissenschaftler am Institut für Religionsforschung der Uni Luzern.

Die Moschee ist in diesem Gebäude an der Baselstrasse beheimatet. (Bild: Eveline Beerkircher)

Die Moschee ist in diesem Gebäude an der Baselstrasse beheimatet. (Bild: Eveline Beerkircher)