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MUSLIME: «Radikalisierung erfolgt schleichend»

Ein Verbot der umstrittenen Koran-Verteiler ist kontraproduktiv, sagt Extremismus-Experte Samuel Althof (60). Dafür sollen die Moscheevereine mehr in die Jugendarbeit investieren.
Interview Alexander von Däniken
Ein Mitglied der «Lies!»-Bewegung präsentiert an einer Standaktion in Berlin einen Koran. (Bild: Getty/Adam Berry)

Ein Mitglied der «Lies!»-Bewegung präsentiert an einer Standaktion in Berlin einen Koran. (Bild: Getty/Adam Berry)

Interview Alexander von Däniken

Bärtige Männer verteilen in immer mehr Städten gratis den Koran und sprechen Passanten an: Die in Deutschland gegründete «Lies!»-Bewegung ist mittlerweile auch in der Schweiz aktiv – alleine in Luzern wurden bisher 19 Standaktionen durchgeführt. Sie wird mit Argwohn betrachtet, weil junge Muslime nach einem Kontakt mit der Bewegung in den Dschihad gezogen sind. Das Forum für einen fortschrittlichen Islam fordert deshalb ein Verbot der Standaktionen (Ausgabe vom 28. Juli).

Welche Auswirkungen hätte ein Verbot? Der Extremismus-Experte Samuel Althof befasst sich unter anderem mit Jugendlichen, die sich radikalisieren (siehe Hinweis). Sein prominentester Fall war Valdet Gashi: Der Thaiboxweltmeister aus Winterthur radikalisierte sich und schloss sich 2014 dem IS an. Althof hatte mit dem 28-Jährigen regelmässig Kontakt, konnte aber dessen Reise nach Syrien nicht verhindern. Gashi gilt mittlerweile als tot.

Samuel Althof, was halten Sie von der Forderung, die «Lies!»-Stände zu verbieten?

Samuel Althof*: Das ist rechtlich kaum durchsetzbar. Ausserdem wäre ein Verbot kontraproduktiv. Was verboten ist, kann erst recht anziehend wirken. Die Bewegung würde dann – wie bereits geschehen – wieder auf Sandwichplakate setzen: Die Männer hängen sich ein Plakat über die Schultern, tragen ein paar Koran-Exemplare unter dem Arm und brauchen dafür nicht einmal eine Bewilligung. Dafür fehlt dann die Kontrolle der Bewilligungsbehörden ganz.

Wer gehört dieser Bewegung an?

Althof: Es sind radikale Muslime dabei, aber auch gemässigte. Neben Konvertiten auch als Muslim Geborene. Die Bewegung ist sehr heterogen.

Wie gefährlich sind denn die Koran-Stände?

Althof: Grundsätzlich sind sie nicht gefährlich. Nur vom Koran alleine wird man nicht radikalisiert. Gefährlich wird es, wenn mehrere Elemente gleichzeitig dazukommen: wirtschaftliche und soziale Ausgrenzung, Demütigungen, Kleinkriminalität, Isolation, Gewalt, eine apokalyptische Weltsicht und schliesslich die Selbst- oder Fremdindoktrination im Internet oder durch einen Hassprediger.

Und die «Radikalisierung über Nacht», wie sie immer wieder kolportiert wird?

Althof: Das ist ein Märchen. Radikalisierung ist in den allermeisten Fällen ein langer, schleichender Prozess. Das war auch bei Valdet Gashi zu beobachten. Seine Eltern waren aus dem Kosovo nach Deutschland geflüchtet. Dabei verlor der Vater – in der Heimat ein geachteter Polizist – seine Ehre und seinen Stolz. Als Valdet mit dem Thaiboxen anfing, gab das seinem Vater Halt: Er unterstützte seinen Sohn, feuerte ihn an. Daraus entstand eine konditionierte Vater-Sohn-Beziehung, wobei sich der Vater zunehmend über die Erfolge seines Sohns definierte, dieser sich dabei aber immer mehr selbst entleerte, da er dadurch keine eigenen Interessen entwickeln konnte. Die Leere begann Valdet sich dann mit dem Islam zu füllen. Dieser gab ihm einen scheinbar neuen Sinn, Heimat und Halt.

Warum konnte man ihn nicht von der Radikalisierung abhalten?

Althof: Das wäre ein sehr komplexer Vorgang gewesen. Valdet schloss sich der «Lies!»-Bewegung an und ging darin richtig auf. Sie wurde zu seiner Ersatzfamilie, die ihn scheinbar so akzeptierte, wie er war. In Wirklichkeit war es jedoch nur ein Austausch der konditionierten Verhältnisse, die er schon zuvor leben musste. Diese scheinbare Akzeptanz war für ihn existenziell. Als er erstmals seine Absicht äusserte, für den IS in den Krieg zu ziehen, war es bereits zu spät. Als ich ihn darauf angesprochen hatte, dass er damit seine beiden Töchter ihrem Schicksal überlasse, antwortete er: «Es ist Allahs Vorsehung.» Mit Prävention gegen Radikalisierung kann nicht früh genug begonnen werden!

Zurück zur «Lies!»-Bewegung. Würden denn verstärkte Kontrollen der Behörden etwas bringen, um dieses eine Element der Radikalisierung in den Griff zu bekommen?

Althof: Die Bewilligungsbehörden machen bereits das, was sie müssen: Sie wägen ab, ob etwas gegen unser Grundrecht verstösst, auf öffentlichem Grund für eine Religion zu werben. Die Polizeikorps und der Nachrichtendienst machen ebenfalls ihren Job: Sie identifizieren mögliche Gefährder. Dabei sind ihnen aber strikte Grenzen gesetzt.

Welche?

Althof: Es ist in der Schweiz zum Beispiel verboten, Moscheen zu überwachen. Dafür fehlt die rechtliche Grundlage. Ausserdem können soziale Netzwerke zwar auf radikale Aussagen durchforstet werden. Das heisst aber noch lange nicht, dass die Verfasser auch radikal sind und die klare Absicht haben, gegen ein Gesetz zu verstossen. Manchmal steckt hinter radikalen oder brutalen Aussagen ein Jugendlicher, der auffallen möchte, die Grenzen auslotet oder sich damit brüsten will.

Wenn ein Verbot nichts bringt und schärfere Kontrollen praktisch nicht möglich sind, bleiben die Moscheevereine. Welche Rolle haben diese Gemeinschaften, die für die Moscheen in der Schweiz zuständig sind?

Althof: Eine eminent wichtige. Vor allem in der Jugendarbeit müssten die Verbände noch viel mehr machen. In unserer christlich geprägten Gesellschaft haben wir Pfadi, Jungwacht oder Blauring. So etwas braucht es auch im Schweizer Islam. Aber nicht im Sinne von: Wir stellen einen Töggelikasten hin, dann gibt es weniger Terroristen. Sondern: Kümmern wir uns um unsere Jugendlichen und geben ihnen eine sinnvolle Beschäftigung. Jugendliche müssen eine Heimat haben. Dies ist vor allem dann wichtig, wenn sie im Elternhaus keine finden.

Viele Moscheevereine klagen aber über Geldnot. Oft sind auch die personellen Ressourcen begrenzt.

Althof: Ich weiss. Ich kenne darum auch die Diskussionen um eine öffentlich-rechtliche Anerkennung der muslimischen Gemeinschaften gut. Dieser Schritt ist bei der jetzigen Situation aber unrealistisch. Ich kann mir jedoch Vereinbarungen zwischen der öffentlichen Hand und Moscheevereinen vorstellen: Für einen staatlichen Beitrag, nach einer vielleicht gemeinsam erarbeiteten Projekteingabe, stellen die Vereine die Infrastruktur und das Personal für die Jugendarbeit zur Verfügung.

Warum ist die Anerkennung derzeit ein Wunschdenken?

Althof: Weil eine sachliche Annäherung verhindert wird durch polarisierte, oft populistische, verkürzte und vergiftete Debatten. Es gibt nicht nur gemässigte Muslime, sondern auch strengreligiöse. Diese fühlen sich auch durch Medienberichte zunehmend in die Ecke gedrängt und missverstanden. Andererseits fühlen sich die gemässigten Muslime von den Diskussionen ausgeschlossen, unsere Gesellschaft ist in Angst und fühlt sich bedroht. Es braucht kreative und unorthodoxe Impulse in die Richtung, dass man sich annähert, und zwar mit persönlichen Kontakten vor Ort. Aber wie gesagt: Das Problem der Radikalisierungen zu lösen, ist und bleibt schwierig. Jede Variante hat Nachteile, Vorteile und Widersprüche.

Hinweis

* Samuel Althof (Jahrgang 1955) ist Leiter der privaten Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention (Fexx). Als solcher beschäftigt er sich seit über 25 Jahren überwiegend mit Links- und Rechtsextremismus, in den letzten fünf Jahren aber auch zunehmend mit Extremismus im Islam. Samuel Althof ist gemeinsam mit Amira Hafner-Al Jabaji Träger des Fischhof-Preises 2016. Der mit 50 000 Franken dotierte Preis wird von der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz und der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus verliehen.

Weitere Infos: www.fexx.ch

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