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«Mutter ist man 24 Stunden am Tag, Journalistin auch»

Flurina Valsecchi (35), Reporterin, Leiterin Ausbildung
Flurina Valsecchi. (Bild Pius Amrein)

Flurina Valsecchi. (Bild Pius Amrein)

Flurina Valsecchi (35) hat in ihrer Journalistenlaufbahn bei diversen Redaktionen gearbeitet. Angefangen hat sie im Jahr 2001 bei der Zeitung «Südostschweiz» in Chur. Per Zufall, wie sie sagt, zog es sie nach Luzern. Im Ressort Region bei der «Neuen Luzerner Zeitung» schrieb sie über die Gemeinde Kriens. Später wechselte sie nach Bern als Bundeshauskorrespondentin wiederum für die «Südostschweiz», dann für den «Sonntagsblick». Als Reporterin gehörte sie anschliessend zum Gründungsteam der «Schweiz am Sonntag». Seit Anfang 2010 arbeitet sie wieder bei unserer Zeitung. In einem 50-Prozent-Pensum ist Flurina Valsecchi einerseits als Reporterin, andererseits als Leiterin der Ausbildung tätig. Die Bündnerin lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern – zwei Mädchen (vier- und sechsjährig) und einem Buben (zwei) – in Horw.

Flurina Valsecchi, Sie haben eine Lehrerausbildung absolviert. Unterrichtet haben Sie aber nie. Warum wurden Sie überhaupt Primarlehrerin?

Flurina Valsecchi: Meine Eltern sagten: «Du musst eine Berufsausbildung abschliessen, danach kannst du machen, was du willst.» Aber es ist tatsächlich so: Ich habe nie Schule gegeben.

Warum nicht?

Valsecchi: Schreiben war schon immer meine grosse Leidenschaft. Mit 13 Jahren verfasste ich meinen ersten Artikel für unsere Lokalzeitung. Während des Lehrerseminars war ich als freie Journalistin für verschiedene Bündner Zeitungen im Einsatz. Und so war es für mich einfach der logische Schritt, dass ich nach Abschluss der Ausbildung ganz in den Journalismus einsteige. Man kann sagen, ich bin in diesen Beruf hineingewachsen.

Wie es scheint, haben Sie den Schritt nie bereut?

Valsecchi: Nein, nie. Ich habe mich in meinem Job noch keinen einzigen Tag gelangweilt.

Nun sind Sie bei unserer Zeitung für die Ausbildung der Jungjournalisten verantwortlich. Jetzt sind Sie also doch noch Lehrerin geworden!

Valsecchi: Ja, das zeigt, dass man keine Ausbildung vergebens macht. Es war die Idee unseres Chefredaktors, die interne Ausbildung unter meiner Leitung auszubauen. Ich durfte ein ganz neues Ausbildungskonzept entwickeln und umsetzen.

Was macht das Lernprogramm denn so einzigartig?

Valsecchi: Die Ausbildung besteht aus zwei Schwerpunkten: Einerseits lernen die Volontäre in der Gruppe die Theorie, andererseits coache ich die einzelnen Jungjournalisten ganz individuell direkt in ihrem Alltag. Ich betreue sie beim Recherchieren und beim Schreiben. Näher an der Praxis können wir fast nicht mehr sein.

Warum ist eine eigene Ausbildung überhaupt nötig? Es gibt das Medienausbildungszentrum (MAZ) in Luzern, und an verschiedenen Unis kann man Journalismus studieren.

Valsecchi: Das ist richtig. Ich will auch gar keine Ausbildung gegen eine andere ausspielen. Fakt ist: Wir müssen unseren Journalistennachwuchs selber «aufziehen». Und das bedeutet, dass man die Jungen gut betreuen muss, damit sie nicht gleich wieder abspringen. Wir brauchen Leute, die bereit sind, vor Ort zu leben und sich mit unserer Region zu identifizieren. Nur so kommt ein Journalist an gute Geschichten. Gutes Handwerk wird dabei immer wichtiger. Beim Start unseres neuen Programms engagierten wir gleich zehn Jungjournalisten, acht von ihnen sind heute bei uns als redaktionelle Mitarbeiter und Redaktoren tätig. Ich bin stolz auf sie alle.

Wie sehr kommt Ihnen bei der Arbeit mit den jungen Journalisten zugute, dass Sie dreifache Mutter sind?

Valsecchi: Für meinen Alltag als Ausbildnerin hat dies vermutlich keinen Einfluss. Auf meine Arbeit als Journalistin hingegen umso mehr. Meine Kinder eröffnen mir jeden Tag einen neuen, breiteren Blick auf die Welt, meine Familie macht mich zu einer besseren Journalistin. Oft sind es nicht die grossen Skandale, sondern die kleinen Geschichten des Lebens, welche mich und bestimmt auch viele Leser berühren. Auch habe ich gelernt, gelassener zu werden. Glauben Sie mir, so schnell bringt mich nichts mehr aus der Ruhe.

Was ist anstrengender, Ihre Jungjournalisten oder Ihre Kinder?

Valsecchi (lacht): Sagen wir es so: Ich bin froh, dass ich zwischen den zwei Welten – zwischen meinem Beruf und meiner Familie – pendeln darf. Man schätzt das Büro und auch das Daheim mehr, wenn man auch mal weg ist. Kommt dazu, dass ich beide Welten nicht trennen kann: Mutter ist man 24 Stunden am Tag, Journalistin auch. Der Einsatz, den ich dafür bringen muss, ist hoch. Der Schlaf ist kurz, Hobbys gibts wenige, und einen Verein suche ich mir, wenn ich pensioniert bin. Trotzdem bereue ich nichts – beide Welten geben mir ebenso viel wieder zurück.

Sie genossen als junge Journalistin keine Einzelbetreuung, wie nun Ihre Schützlinge. Im Gegenteil: Mit 24 Jahren waren Sie schon Bundeshauskorrespondentin in Bern. Hat man Sie respektiert?

Valsecchi: Tatsächlich war ich eine der jüngsten Medienvertreterinnen im Bundeshaus. Christoph Blocher oder Hans-Rudolf Merz hätten beinah meine Grossväter sein können. Aber ich sah es als Chance, und ich fühlte mich ernst genommen – dank drei Tricks, die ich auch meinen Jungjournalisten verrate: intensive Vorbereitung auf Interviews (inklusive grosse Dossierkenntnis), Offenheit gegenüber dem Interviewpartner und der nötige Mut, hartnäckig Fragen zu stellen.

Gibt es Themen, die Sie nicht interessieren oder an die Sie sich nicht heranwagen?

Valsecchi: Ich bin eine Allrounderin. Ein Spezialgebiet habe ich nicht, dafür kann ich bei vielen Dingen mitreden – mit Vorteil, wenn es um Politik geht. Ausgenommen ist der Sport. Da bin ich froh, dass ich den richtigen Mann geheiratet habe.

Und er erklärt Ihnen, was ein Abseits im Fussball ist?

Valsecchi: Genau! Dank ihm weiss ich auch, wer Godi Waser ist.

Partner von Journalisten müssen tolerant sein. Wie geht Ihr Mann damit um?

Valsecchi: Er unterstützt mich in bewundernswerter Art und Weise. Bei heiklen Recherchen ist mir sein Urteil sehr wichtig. Wir sind ein gutes Team, er arbeitet in einem 80-Prozent-Pensum und hilft zu Hause stark mit. Ohne die Unterstützung der Grosseltern, unserer Tante und unseres Au-pairs würde es nicht gehen. Als Journalistin hat man keine geregelten Arbeitszeiten – man arbeitet dann, wenn es brennt. Eine Krippe mit fixen Betreuungszeiten würde mich zur Verzweiflung bringen.

Welches ist Ihre Lieblingsdisziplin?

Valsecchi: Ganz klar das Interview.

Wohl eher in der Rolle der Fragestellerin?

Valsecchi: Ja. Es ist jetzt das erste Mal, dass ich befragt werde.

Welches war Ihr bemerkenswertestes Interview?

Valsecchi: Carla Del Ponte, die ehemalige Chefanklägerin des UNO-Kriegsverbrechertribunals, war lange Zeit meine Traum-Interviewpartnerin. Als dann endlich ein Treffen in Den Haag klappte, führten wir ein sehr eindrückliches Gespräch. Jetzt fehlt mir eigentlich nur noch der Papst ... (lacht)

Zum Schluss würde mich noch interessieren, warum eine Bündnerin – Ihren Dialekt legen Sie hoffentlich nie ab – derart in der Zentralschweiz verwurzelt ist.

Valsecchi: Ich habe mich damals bei mehreren Medienhäusern beworben und bin eher zufällig bei der «Neuen Luzerner Zeitung» gelandet. Die Liebe hat mich ein zweites Mal in die Zentralschweiz geführt. Mein Dialekt bleibt mir bestimmt erhalten. Ich glaube, er hat mir schon manche Türe geöffnet. Heimweh kenne ich aber nicht. Diesmal bleibe ich, bis ich alt bin.

Roger Rüegger

Serie: Weitere Interviews finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/autoren

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