Gastkommentar

Nach dem Fassaden-Knatsch in Kriens: Sag, wer ist die Schönste im ganzen Land?

In unserer Gastkolumne zur Stadtentwicklung schreibt Peter Schwehr von der Hochschule Luzern über das Potenzial von Architektur – und dass dieses nicht auf die Fassadengestaltung reduziert werden darf.

Peter Schwehr*
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Majestätsbeleidigung in Kriens! Stehen doch in unmittelbarer Nähe Gebäude mit ähnlich auffallender Farbgebung in bronzefarbenem Aluminium. Doch dummerweise – mit geringfügiger zeitlicher Verzögerung – hatte der Nachbar die gleiche Idee. Aber wo liegt denn nun eigentlich das Problem?

Sehen sich doch viele Gebäude recht ähnlich. Der Anspruch dieser Gebäude macht den Unterschied: Während das eine klar erkennbar als Bürogebäude in Erscheinung tritt, würde das andere doch sehr gerne viel mehr sein: nämlich ein Stadthaus. Ein Haus als Zentrum für die Bewohner und Bewohnerinnen von Kriens. Eine starke Geste, die ein Zentrum schafft, Begegnung ermöglicht und die Adresse «Stadthaus Nr. 1» verdient.

Doch es ist wohl nur beim Versuch geblieben, trotz modischen Kleides. Denn nimmt man etwa das Haus, durch geschickt platzierte Werbung, als Bürogebäude einer grossen Versicherung wahr, man sieht auch eine Arztpraxis und, richtig, man entdeckt, nach einer gewissen Zeit, auch die Verwaltung, obschon genau diese doch eigentlich den Ton machen sollte. Wenn Eingänge aber ähnlich behandelt werden, Fassaden trotz unterschiedlicher Nutzung gleich aussehen, es zu keiner Differenzierung des Erscheinungsbildes kommt, besteht die Gefahr, dass das Stadthaus eben mit seinem Nachbarn verwechselt wird. Dies allerdings nicht in erster Linie aufgrund seiner Farbe.

Es besteht aber noch eine weitere Verwechslungsgefahr: Die grosse asphaltierte Fläche vor dem Stadthaus, die wahrscheinlich als Platz und Ort der Begegnung gedacht war, erinnert eher an einen leeren Parkplatz an einem verkaufsfreien Sonntag als an ein Zentrum für Kriens. Nicht umsonst war das Amt gezwungen, ein Halteverbotsschild mit der Aufschrift «Für den ganzen Platz» aufzustellen. Hier wurde in unverantwortlicher Weise Potenzial vergeudet. Wer Architektur auf Fassadengestaltung und Farbgebung reduziert und mit dem Aussenraum so fahrlässig umgeht, muss sich nicht wundern, wenn sein Gebäude «in inakzeptabler Weise konkurrenziert» wird (Zitat CVP-Einwohnerrat Kurt Gisler).

Eine Haltung, die schon per se höchst fragwürdig ist. Hören wir doch mit dem Konkurrenzdenken auf! Fangen wir an in Synergien zu denken! Also: Die Stadt als Ganzes zu sehen und nicht als Ansammlung von Einzelgebäuden, die wie trotzige Kinder um Aufmerksamkeit buhlen. Eine Stadt ist gelebte Vielfalt. Selbstverständlich übernimmt dabei ein Stadthaus eine andere Rolle als ein Bürogebäude. Ein Stadthaus ist repräsentativ, hat eine andere Funktion, ist ein Gebäude für die Bevölkerung. Es ist daher nicht nur die Form und die Fassade entscheidend. Vielmehr geht es hier um den kreativen Impuls, der vom Gebäude mit seinem Platz für den Ort und seiner Bewohnerschaft ausgehen sollte. Glückt dies, dann begegnen sich hier Menschen, reden miteinander, tauschen sich aus. Trinken einen Kaffee oder ein Glas Wein. Kinder spielen. Die Krienserinnen und Krienser machen es zu ihrem Zentrum. Ihr Haus, ihr Platz – weil es das Stadthaus ermöglicht.

Ein getuntes Bürogebäude allerdings, und wenn es noch so schön glitzernd erscheint, kann dies nicht leisten und wird immer der Gefahr ausgesetzt sein, «banalisiert» zu werden. Wie war nochmals dieses Zitat? «Jeder sei, in seiner Art, majestätisch. Wenn er auch kein König ist, müssen doch alle seine Handlungen, nach seiner Sphäre, eines Königs würdig sein.» – Baltasar Gracián y Morales, Handorakel und Kunst der Weltklugheit.

Hinweis: Peter Schwehr ist Leiter des Kompetenzzentrums Typologie & Planung in Architektur der Hochschule Luzern, Departement Technik & Architektur.

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