Nach dem Vortrag gehts erst richtig los

Das Jodlerfest in Interlaken ist an diesem Wochenende das Folklore-Zentrum der Schweiz. Mittendrin sorgen die Frauen des Heimatchörlis Luzern für gute Stimmung.

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Volle Konzentration: Das Luzerner Heimatchörli. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

Volle Konzentration: Das Luzerner Heimatchörli. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)

«Oh, das ist selten.» Der eine oder andere schaute gestern kurz nach 15 Uhr verwundert auf die Bühne in der randvollen Aula der Sekundarschule Interlaken. Forschen Schrittes betraten die Jodlerinnen des Heimatchörlis Luzern das Parkett – 26 Frauen zwischen 27 und 67 Jahren, gekleidet in sieben verschiedene Trachten, zusammengewürfelt aus den Kantonen Luzern, Obwalden, Nidwalden und Aargau. «Frauen können nicht jodeln, das sei ein Gekreische, hiess es früher. Mittlerweile sind wir aber akzeptiert», sagte Margrit Huber, die als Klubälteste seit 30 Jahren dabei ist. Der tosende Applaus unterstrich ihre Einschätzung, die Luzernerinnen erfreuten die Zuhörer mit dem Jodellied «B’hüet di Gott, mi liebi Heimat». Entsprechend erleichtert war die Gruppe im Nachhinein. «Vor dem Auftritt sind wir jeweils angespannt wie ein Pfeilbogen», sagte Präsidentin Christina Bucher. Ihr Fazit war positiv – der Maximalnote eins, mittlerweile Gewohnheit, sollte nichts im Wege stehen.

Gast am Fernsehen

Mit dem knapp sechs Minuten langen Vortrag war der musikalische Teil indes noch längst nicht beendet. Nur eine Stunde später stand der nächste Termin auf dem Programm. Das Schweizer Fernsehen lud die Powerfrauen aus der Zentralschweiz ins Live-Programm der Sendung «Hopp de Bäse! extra» ein. Als der Pflichtteil schliesslich erledigt war, lebte das Chörli so richtig auf. «Dann geht die Post ab, das sind richtige Stimmungsmacherinnen. Sie können ein ganzes Zelt unterhalten», sagte Dirigent Franz-Markus Stadelmann. Es wird gejodelt, gesungen, getanzt, eins, zwei oder auch mehr über den Durst getrunken, geschnupft (mit anzüglichen Sprüchen) und viel gelacht. «Mein Mann sagt, wir wirken wie eine Büchse, die voller Würmer ist. Alles lebt», erklärte Vizepräsidentin Silvia Hafner. Einige dachten jedenfalls nicht daran, ins Bett zu gehen. So, wie Klubseniorin Margrit Huber: «Die Jüngeren vertragen es eben nicht mehr so gut …», lachte sie.

Fischer reicht Fahne weiter

Den grossen Auftritt erst heute hat Stefan Fischer. Der 32-jährige Füriger ist der Fähnrich des Eidgenössischen Jodlerverbands (EJV). Der Vize-Präsident der Fahnenschwinger-Vereinigung Luzern und Umgebung übernahm die Fahne am letzten Eidgenössischen Jodlerfest 2008 in Luzern. In den letzten drei Jahren hat Fischer an über 15 Ereignissen die Fahne präsentiert. Besonders in Erinnerung ist ihm die Bestattung von Ruedi Rymann (Schacher Seppli) in Giswil. «Ich hielt die Fahne über zwei Stunden lang.» Eine Aufgabe, die dem Nidwaldner viel Freude bereitet hat, auch wenn es nicht immer leicht war, das rund 12 Kilo schwere Gestänge bei jeder Witterung zu halten. Aufbewahrt wurde das 20 000 Franken teure Seiden-Banner beim Büro von Luzerns Sicherheitsdirektorin Ursula Stämmer. Fischer ist erst der zweite Fahnenschwinger in der Geschichte des EJV und der Jüngste überhaupt, der das Amt des Fähnrichs übernehmen durfte. «Normalerweise sind es verdiente Jodler mit weissen Haaren», sagte Fischer mit Schmunzeln. Heute Vormittag gibt der «junge, flotte Fähnrich», wie er vielerorts genannt wurde, sein Amt ab. «Sicher mit Wehmut.»

Stephan Santschi