Nach den schlimmen Sturmschäden wird der Wald im Entlebuch wieder auf Kurs gebracht

Gefallene Bäume werden weggeräumt, neue werden gepflanzt: Aktuell laufen die Aufarbeitung der Waldschäden und die Wiederbelebung des Waldes.

Livia Fischer
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Der Sturm hat Spuren hinterlassen.

Der Sturm hat Spuren hinterlassen.

Bild: Livia Fischer (Escholzmatt, 12. Juni 2020)

Freitagvormittag im Entlebuch. Blauer Himmel, viel Sonnenschein, Temperaturen über zwanzig Grad – schöner könnte das Wetter kaum sein. Auch im Waldgebiet Hürnli in Escholzmatt-Marbach macht sich ein Sommergefühl breit. Nur das ringsum herumliegende Sturmholz erinnert an den Föhnsturm von letztem November. Im Wald vermischt sich Vogelgezwitscher mit Sägegeräuschen: Die Aufräumarbeiten der Waldschäden sind in vollem Gange.

Christiane Guyer.

Christiane Guyer.

Bild: Livia Fischer (Escholzmatt, 12. Juni 2020)

«Ich bin beeindruckt, wie viele Journalistinnen und Journalisten heute in die hinterste Ecke des Kantons gekommen sind.» Mit diesen Worten eröffnet Christiane Guyer, Leiterin Dienststelle Landwirtschaft und Wald (Lawa) ad interim, den Medienanlass. Zusammen mit drei weiteren Vertretern des Lawa will sie zeigen, wie die Aufarbeitung ablaufen, und darüber informieren, wie der Klimawandel bei der Wiederbewaldung berücksichtigt wird und welche wirtschaftliche Herausforderungen bestehen.

Schutzwald ist besonders stark betroffen

90 Prozent der Sturmschäden betreffen Schutzwald, wie er hier in Escholzmatt-Marbach einer ist. Er ist steil, uneben, hat einen lehmigen Boden und vor allem aber hat er eine wichtige Funktion. Er soll nämlich Häuser wie auch Kantonsstrassen vor Murgängen und Hochwasser schützen. Aber nicht nur Winterstürme, auch Trockenheit und Hitze sowie der Borkenkäfer setzen dem Wald zu.

Ein Gebirgsharvester im sogenannten Ernteverfahren.

Ein Gebirgsharvester im sogenannten Ernteverfahren.

Bild: Livia Fischer (Escholzmatt, 12. Juni 2020)

Gerade Letztere sind ein grosses Problem und der Grund, warum die Aufarbeitung so rasch wie möglich vorwärtsgehen sollte. Guyer sagt:

«Unser Ziel ist es, Folgeschäden möglichst zu vermeiden.»

Hierfür muss das gefallene Holz weggeräumt oder zumindest entrindet werden. So wird dem Borkenkäfer nämlich das Brutmaterial entzogen, einer starken Vermehrung kann vorgebeugt werden.

Ein Lastwagenfahrer transportiert das Holz ab.

Ein Lastwagenfahrer transportiert das Holz ab.

Bild: Livia Fischer (Escholzmatt, 12. Juni 2020)

Erwin Meier, Leiter Staatsforstbetrieb, rechnet damit, dass die Aufräumarbeiten noch bis im November andauern – angefangen habe man nach der Schneeschmelze vor knapp zwei Monaten. Die Schadmenge beträgt rund 30 000 Kubikmeter Holz, was 20 000 Bäumen entspricht. Schätzungsweise braucht es laut Meier bis zu 800 Lastwagen, die den schmalen Weg bis ins Tal fahren und das Holz abtransportieren.

Zu viel Holz, zu geringe Nachfrage und tiefe Preise

Urs Felder.

Urs Felder.

Bild: Livia Fischer (Escholzmatt, 12. Juni 2020)

Bei den ganzen Forstarbeiten darf aber nicht vergessen werden, dass sich die Natur ein Stück weit auch selbst heilt. «Wir Menschen haben das Gefühl, wir müssen alles flicken. Aber die Natur flickt auch», sagt darum Urs Felder in Bezug auf die Wiederbewaldung. Er ist Fachbereichsleiter Waldregion Entlebuch und Schutzwald beim Lawa. So laute ein Kredo des Kantons: Nur das pflanzen, was die Natur nicht bringt. Dabei denke man klimaorientiert. Heisst: Gepflanzt werden nur Bäume, die das künftige Klima – viel Hitze und Trockenheit – ertragen. Auf dieser Höhe Lärchen zum Beispiel.

Es brauche zwar viel Zeit und Geduld, die Mitarbeiter des Lawa sind aber zuversichtlich, was die Zukunft des Waldes anbelangt. Felder zeigt auf ein grünes Stück Wald in der Ferne. Vor 30 Jahren wütete dort der Sturm Vivian. Von den Schäden ist jetzt nichts mehr zu sehen.

Die wirtschaftliche Situation hingegen bereitet ihnen Sorgen. In Mitteleuropa gibt es ein Überangebot, die Holzpreise sind tief. Guyer sagt, sie habe darum Verständnis für die Vorstösse der Kantonsräte (siehe Box). Viel mehr will sie nicht verraten, die Diskussionen laufen noch. Doch:

«Die finanzielle Unterstützung des Kantons gilt weiterhin prioritär dem Schutzwald und nicht dem Wirtschaftswald.»

Drei Vorstösse von Luzerner Kantonsräten

Der missliche Zustand des hiesigen Walds beschäftigt auch Luzerner Kantonsräte. CVP-Kantonsrat Ludwig Peyer, der als Präsident des Kooperationenverbands die grossen Waldbesitzer des Kantons vertritt, reichte erst kürzlich zwei Postulate zu dem Thema ein. Er und seine Mitunterzeichner aus CVP, FDP, SVP und Grüne wollen, dass der Regierungsrat Fördermassnahmen zur Stärkung der Luzerner Holzkette prüft. Diese umfasse den gesamten Holzkreislauf – von der Jungwaldpflege, über die Käferbekämpfung, den Abtransport des geschlagenen Holzes bis hin zur Vermarktung.

Die Gründe sind vielfältig. Einer davon: Stürme, Trockenperioden und Hitze setzen dem Wald zu. Gleichzeitig komme dem Wald durch seine CO2-Speicherkapazität aber eine wichtige Schutzfunktion für den Menschen zu. Die Initianten warnen: «Im selben Mass, wie die Bedeutung des Waldes im Klimawandel steigt, schwinden aber gleichzeitig die Qualität und die Nachhaltigkeit des Waldes, wenn nicht entschlossen Gegensteuer gegeben wird.» So würden private und öffentliche Waldeigentümer etwa zu wenig in den Wald investieren, da die Kosten nicht mehr gedeckt seien. Denn der billige Import aus dem Ausland sowie das Überangebot an Sturmholz drücken den Holzpreis – «teilweise mit fatalen Auswirkungen». Leidet die regionale Wertschöpfungskette, könne nicht nur viel Wissen bei der Holzverarbeitung verloren gehen, sondern schlimmstenfalls auch Betriebsschliessungen die Folge sein. Darum solle die Holzkette stärker im Fokus der Wirtschaftsförderung und regionalpolitischen Projekte sein. Der Wirtschaftswald solle dabei dem Schutzwald gleichgestellt werden.

Im zweiten Postulat geht Peyer explizit auf die Jungwaldpflege ein; auch hier haben Kantonsräte aus CVP, FDP und SVP mitunterschrieben. Die Forderung: Der Regierungsrat solle prüfen, die Beiträge für das bestehende Förderprogramm Jungwald deutlich zu erhöhen. Die letzten Jahre unterstützten Bund und Kanton die Jungwaldpflege mit über einer halben Million Franken. Doch: «Wegen der tiefen Holzerlöse fehlt den Waldeigentümern das Geld für die wichtigen Investitionen in den Jungwald.» Schliesslich könne der Wald im Klimawandel nur bestehen, wenn in den nächsten Jahren grosse Anstrengungen zu Gunsten der Baumartenvielfalt, der genetischen Vielfalt – sie fördert Bäume, die gut an die herrschenden Lebensbedingungen angepasst sind – und der Verbesserung der Stabilität gemacht würden.

Weil die Coronakrise die Probleme der Waldwirtschaft zusätzlich verschärft hat, formulierten FDP-Kantonsrat Ruedi Amrein und Mitunterzeichner aus SVP, FDP, CVP, GLP und Grünen einen weiteren Vorstoss. Amrein, Präsident Waldregion Pilatus Nord, und dessen Unterstützer fordern eine befristete Erhöhung der Beiträge an Forstbetriebe für die Pflege des Jungwaldes oder Biodiversitätsprojekte. Zudem solle der Regierungsrat Infrastrukturprojekte im Wald vorziehen und damit den Forstbetrieben Hilfe zur Überbrückung anbieten.

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