Nach Eichhof-Eklat und Insulin-Vorfall: Stadtrat stellt sich hinter Viva Luzern

Die Pflegeheime der stadteigenen Viva Luzern AG haben ein turbulentes Jahr hinter sich. Personalmangel führte offenbar zu Unmut und Stress unter den Mitarbeitern. Nun bekennt sich der Stadtrat klar zu den Betrieben – und legt eine Statistik vor, die ein anderes Bild zeichnet.

Simon Mathis
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Betagtenzentrum, Altersheim Eichhof in Luzern fotografiert am 20. Juli 2018. Corinne Glanzmann (Luzern, 20. Juli 2018)

Betagtenzentrum, Altersheim Eichhof in Luzern fotografiert am 20. Juli 2018. Corinne Glanzmann (Luzern, 20. Juli 2018)

Personalmangel, eine Kündigungswelle auf Kaderstufe und vernachlässigte Bewohner: Die Viva Luzern AG kam dieses Jahr nicht aus den Negativschlagzeilen heraus. Besonders die beiden Pflegeheime Eichhof und Staffelnhof, die zum Unternehmen gehören, machten von sich reden. An beiden Standorten soll es an Personal fehlen. Im Littauer Staffelnhof kam es vergangenen Sommer zu einem gefährlichen Fehler: Eine Mitarbeiterin spritzte einem Bewohner versehentlich Insulin (wir berichteten).

Die Viva Luzern AG ist vollständig im Besitz der Stadt Luzern; vor drei Jahren lagerte sie den Alters- und Pflegebereich in die gemeinnützige Aktiengesellschaft aus. Anlässlich der drei Jahre forderten die Grüne- und SP/JUSO-Fraktionen des Grossstadtrats per Interpellation eine Standortbestimmung.

Diese hat der Stadtrat nun vorgelegt – und sie ist sehr positiv ausgefallen. Der Stadtrat hält fest, dass Viva Luzern «Marktleaderin» in der Zentralschweiz sei und «attraktive Arbeitsbedingungen» biete. Das Unternehmen sei «innovativ ausgerichtet» und könne sich flexibel an neue Herausforderungen anpassen.

Viva Luzern ist «ungewohnt exponiert»

Der Stadtrat erwähnt indes, dass der Pflegebedarf künftig «rückläufig» und «unsicher» sein werde. 22 geplante Reserveplätze werden deshalb nun doch nicht realisiert. Grossstadtrat Marco Müller (Grüne), der die Interpellation mit eingereicht hat und selbst ein Pflegeheim in Horw leitet, sieht hierin eine «grosse betriebswirtschaftliche Herausforderung».

Eine Gefahr, der sich das Unternehmen zudem zu stellen habe, sei der Mangel an Pflege- und Kaderpersonal. Auch die Fluktuation der Mitarbeiter erwähnt der Stadtrat warnend. Dass der Stadtrat diese Gefahren erkennt, nimmt Urban Sager, Präsident der Gewerkschaft VPOD Luzern, «mit Genugtuung» zur Kenntnis. Aus den Antworten des Stadtrates gehe hervor, «dass sich die Einflussmöglichkeiten der Politik durch die Auslagerung in eine AG verkleinert haben». Deshalb müsse Geschäftsleitung und Verwaltungsrat mehr Verantwortung übernehmen, so Sager.

Der Stadtrat stellt denn auch fest, dass Viva Luzern bei «politisch heiklen Entscheidungen ungewohnt exponiert» sei. Gemäss Sager ist das ein Zeichen dafür, dass Viva Luzern ihre Verantwortung in der Vergangenheit unterschätzt habe.

85 Prozent der Mitarbeiter zufrieden

Was die Stimmung der Mitarbeiter betrifft, zieht der Stadtrat eine positive Bilanz. 85 Prozent der Viva-Mitarbeiter gaben bei einer Befragung an, «zufrieden» oder «sehr zufrieden» zu sein. Bei den befragten Angehörigen zeige sich ein ähnliches Bild: Hier bezeichneten sich 83 Prozent mindestens als zufrieden.

Die Zufriedenheit der Heimbewohner wird nicht prozentual angegeben, sondern mit der Ziffer 1,2. Dies heisst laut Schreiben des Stadtrates, dass es «mehr positive als negative Antworten» gegeben habe. Jeder Wert unter 0 würde bedeuten, dass die Bewohner unzufrieden sind. Diese Form der Erhebung wurde gewählt, um auch Demenzkranken eine Antwort zu ermöglichen. Die Zahl 1,2 liege genau im Durchschnitt des Sozialforschungsinstitut Qualis, das schweizweit 228 Pflegeheime befragt, teilt die Stadt Luzern auf Anfrage mit.

«Existierende Probleme zu negieren und sie kleinzureden, frustriert die Betroffenen.»
Urban Sager, Präsident Gewerkschaft VPOD Luzern

Die Zufriedenheitsumfrage sei mit Vorsicht zu geniessen, sagt Urban Sager von der VPOD. Wenn solche Umfragen vom Arbeitgeber organisiert würden, fielen sie erfahrungsgemäss gut aus. «Wir haben immer betont, dass es sich um einzelne Abteilungen handelt, auf denen die Situation prekär ist und die Angestellten entsprechend unzufrieden sind», so Sager.

«Wichtig ist uns, dass die Anliegen, Bedenken und Probleme der Angestellten ernst genommen werden. Existierende Probleme zu negieren und sie kleinzureden, frustriert die Betroffenen.» Sager betont aber auch, dass sich die Situation nach einem «offenen und konstruktiven Gespräch» mit Viva Luzern bereits verbessert habe.

Ombudsstelle ab 2019 wieder bei der Stadt

Für Diskussionen sorgte auch die Tatsache, dass Viva Luzern 2018 den Vertrag mit der Stadtluzerner Ombudsstelle auslaufen liess und mit einem Anwaltsbüro vorlieb nahm. Nun teilt der Stadtrat mit, dass Viva Luzern ab Anfang nächsten Jahres wieder mit der städtischen Ombudsstelle zusammenarbeitet.

«Die Verlagerung der Ombudsstelle war ein unsensibler Schritt.»
Marco Müller, Grossstadtrat (Grüne)

Grossstadtrat Marco Müller (Grüne) wertet dies als positives Signal: «Viva Luzern hat erkannt, dass die Verlagerung der Ombudsstelle ein unsensibler Schritt war.» Die Ombudsstelle der Stadt sei spezialisiert auf den Umgang mit schwierigen Situationen. «Sie ist eine anerkannte, neutrale Anlaufstelle», so Müller.

Den Vorwurf, dass Viva Luzern mit dem verfrühten Wechsel zu einer privaten Ombudsstellen den politischen Willen des Parlaments missachtet habe, bestreitet der Stadtrat.