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Interview

Nach einem erfolgreichen Arbeitstag auf dem Minenfeld werden die Fundstücke gesprengt

Katrin Stauffer (41) räumte früher Minenfelder. Die Bernerin hatte mit 29 ihr Grafik- und Marketinggeschäft verkauft und liess sich in der Armee zur Kampfmittelbeseitigerin ausbilden. Am Montag hält sie in Luzern einen Vortrag über ihre Erfahrung und wie sie heute mit Risiken umgeht.
Roger Rüegger
Karin Stauffer mit Metalldetektor und einem Teil ihrer Ausrüstung. (Bild: Stephan Rappo / 13 Photo)

Karin Stauffer mit Metalldetektor und einem Teil ihrer Ausrüstung. (Bild: Stephan Rappo / 13 Photo)

Was ist ein guter Arbeitstag einer Minenräumerin?

Katrin Stauffer: Wenn ich als Leiterin eines Räumungsteams am Abend das Gefühl habe, das Maximum herausgeholt zu haben. Das bedeutet nicht unbedingt, möglichst viele Minen zu bergen, aber dass alles reibungslos und unfallfrei vonstatten geht. Wenn wir dann noch eine Mine aus dem Boden holen, ist es perfekt.

Sie sagen, das Risiko beim Räumen von Minen und Sprengen von Blindgängern sei relativ. Wie meinen Sie das?

Es kommt darauf an, wie man sich verhält. Unfälle lassen sich eigentlich vermeiden. Ich erlebte in zehn Jahren einmal, dass ein Minenräumer verunfallte. Meist passieren Unfälle, wenn Vorschriften nicht eingehalten werden. Wer sich an die Regeln hält, geht kein grosses Risiko ein.

Was lief das eine Mal schief?

Der Mann hatte einen Kater und war nicht bei der Sache. Er trat aus Versehen aus seiner Suchgasse auf ungesichertes Terrain.

In Ihrem Job ist das fatal.

Es kommt auch darauf an, wo man sich aufhält. Es hat zwar jedes Team einen Sanitäter dabei, der in der Lage ist, eine Blutung bei einem abgetrennten Fuss zu stillen. Entscheidend ist aber auch, wie schnell ein Verunfallter ins Spital überführt werden kann. In der Demokratischen Republik Kongo arbeiteten wir teilweise in abgelegenen Gegenden. Es gab keinen Helikopter-Support. Da kann es zu Todesfällen kommen. Die grösseren Gefahren lauern aber abseits des Minenfelds.

Gab es brenzlige Situationen?

Nach einer Inspektion eines Minenfelds war ich später als geplant auf dem Heimweg – und hatte ausgerechnet dann eine Reifenpanne. Als eine Patrouille betrunkener Regierungssoldaten auftauchte, wurde es ungemütlich. Sie pöbelten mich an, also schrie ich sie im breiten Berner Dialekt an. Sie fuhren weiter.

Was war dort Ihre Aufgabe?

Die Schweizer Armee stellt den Vereinten Nationen Experten zur Minenräumung zur Verfügung. Ich hatte Führungsaufgaben wie Trainings oder Qualitätskontrollen bei Räumteams oder das Führen von regionalen Büros, um die Räumarbeiten zu koordinieren.

Sie persönlich suchen nicht selber in den Minenfeldern?

Es klingt fremd, zum Minen auslochen wären wir zu teuer.

Also lehren Sie vor Ort lokale Minenräumer an?

Ja, die Ausbildung für Minenräumer dauert wenige Wochen. Minen räumen ist physisch hart, vor allem wenn es darum geht, über Stunden in der Hitze zu arbeiten. Diese Bedingungen halten lokale Leute, die sich das Klima gewohnt sind, besser aus. Es ist im Interesse der Räumorganisation, Einheimische anzustellen.

Eben weil sie billiger sind?

Nicht nur. Es sind immer regionale Personen eingebunden. Mit den Projekten generiert man auch Arbeitsplätze. Die Projekte der Vereinten Nationen haben mehrere Aspekte. Auch den, dass die Leute Probleme vor ihrer Haustüre zu lösen lernen. Die UN baut Minenräumprogramme auf und hilft, nationale Strukturen aufzubauen, an welche die Arbeit später übergeben werden kann.

Entsorgt man Minen sofort?

Wenn möglich, versucht man diese vor Ort zu sprengen. Am Ende eines Arbeitstages.

Den Feierabend läutet man mit einem Feuerwerk ein?

Ja, je lauter es knallt, desto ergiebiger war der Arbeitstag. Man transportiert geborgene Minen nicht, wenn es nicht sein muss.

Wie stellen Sie fest, wo ein Minenfeld ist?

Man befragt die Leute in den Dörfern, welche Beobachtungen gemacht haben. Ob tote Tiere entdeckt wurden. Und man analysiert, wo es Sinn gemacht haben könnte, Minen zu legen.

Mit welchem Gefühl betreten Sie ein Minenfeld?

Mit Respekt. Die ersten Male waren mulmig. Wenn man ein Minenfeld betritt, räumt man sich einen Administrationsbereich frei, richtet ein Büro ein, den Sanitätsposten, eine Ecke, wo sich das Räumteam erholen kann. Dann arbeitet man sich in Räumgassen von einem Meter Breite vor. Die Aufregung legt sich, irgendwann wird es Routine.

Sie sagten einmal: «Gib mir Probleme und schwierige Umstände, setze mich mitten hinein, dann blühe ich auf.» Was meinten Sie damit?

Nach sechs Jahren Geschäftstätigkeit mit meiner Werbeagentur fragte ich mich, ob das die Aufgabe für den Rest meines Lebens bleiben würde. Ich suchte eine Option, um meine Grenzen neu auszulotsen.

Warum wurden Sie Expertin für Kampfmittelbeseitigung?

Ich erwog ein Politologiestudium. Mich interessierte die Konfliktforschung. Als in einer Stadt in Deutschland eine Bombe aus dem 2. Weltkrieg geborgen wurde, interessierte ich mich, wie man mit einer solchen Situation umgeht. Dann besuchte ich die Sprengschule Dresden. Das war genau das, was ich suchte.

Sie liessen sich aber in der Armee ausbilden. Wieso?

Weil die Ausbildung zur Kampfmittelbeseitigerin in der Schweiz nur in der Armee möglich ist und weil ich glaubte, dass dies die fundiertere Ausbildung ist. Ich hatte auch Lust, etwas Neues im Militär zu erfahren: Als Geschäftsinhaberin, die Entscheidungen treffen musste, genoss ich es, mir in der RS vorschreiben zu lassen, was ich zu tun habe.

Sie halten Referate über ihren Alltag und den Umgang mit Risiken. Worum geht es?

Ich rede über meine Erfahrungen im Ausland, bei meiner Arbeit, über die Lebensumstände. Was ich daraus für mein Leben gelernt habe und wie ich heute mit Risiken umgehe. Zudem demonstriere ich in Schritten, wie manuelle Minenräumung funktioniert.

Heute werden Sie auch als private Expertin von der UN eingesetzt. Ist es Ihr Vorteil, dass Sie eine Frau sind?

Sicher kommt mir die Gender Policy der Vereinten Nationen zugute. Ich hoffe aber sehr, dass ich vorwiegend aufgrund meiner Fachkenntnisse berücksichtigt werde und nicht weil ich eine Frau bin. In der Branche bin ich eine der Figuren mit militärischer und akademischer Ausbildung. Ich bin Kampfmittelbeseitigerin mit einem Master of Science in Risiko-, Krisen- und Katastrophenmanagement. Ich kenne das Handwerk der Kriegsmaterialbeseitigung und ich bringe auch den Hintergrund mit, um auf der Management-Ebene zu arbeiten. Das ist klar ein Vorteil.

Die Blindgängermeldezentrale der Schweizer Armee hat im letzten Jahr 352 Blindgänger beseitigt. Wie funktioniert der Einsatz in der Praxis?

Dem Kommando für Kampfmittelbeseitigung und Minenräumung ist die Blindgängermeldezentrale angeschlossen. Die Experten rücken aus, wenn zum Beispiel ein Wanderer in den Bergen einen Fund meldet.

Katrin Stauffer erzählt am Montag, 29. April, im Armee-Ausbildungszentrum am Murmattweg 6 in Luzern vom Alltag als Minenräumerin und dem sinnvollen Umgang mit Risiken. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr.

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