Nach Forschungsbericht des Bundes: Luzern wehrt sich gegen den Vorwurf der vorschnellen IV-Rente

Mit mehreren Massnahmen will der Bund erreichen, dass weniger Junge von der Invalidenversicherung abhängig werden. Er sagt, gewisse erhielten vorschnell eine Rente – Luzern widerspricht.

Evelyne Fischer
Drucken
Teilen

Dieser Bericht des Bundes lässt aufhorchen: Ein Teil der unter 25-Jährigen landet eventuell vorschnell in der Abhängigkeit der Invalidenversicherung (IV): Ein Fünftel der jungen Versicherten erhält eine IV-Rente, obwohl der jeweilige Arzt von einem verbesserungsfähigen Gesundheitszustand ausgeht. Der weitaus häufigste Grund für den Bezug einer IV-Rente: psychische Störungen.

Um diese Entwicklung zu bremsen, hat der Nationalrat beschlossen, die Früherfassung zu verbessern. Heisst: Schon 13-Jährige sollen Unterstützungsmassnahmen erhalten können. Auch will man Fehlanreize beseitigen: Das Taggeld junger IV-Versicherter übersteigt heute teils deutlich die Lehrlingslöhne gleichaltriger Kollegen (Artikel vom 7. März).

Mit «gezielter Hilfe» der Rente entgegen wirken

Bei der IV Luzern begrüsst man diesen Entscheid. «Die beschlossenen Massnahmen sind sinnvoll», sagt Geschäftsleiter Donald Locher. «Gezielte Hilfe bei den Übergängen zwischen Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt ist für Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen Problemen ein wirksames Instrument, um einer drohenden Rente entgegenzuwirken.» Entgegen den Zahlen des Bundes hält Donald Locher aber fest:

«Die IV-Stelle Luzern spricht keine vorschnellen Renten zu.»

Manchmal mache es aber Sinn, «mit einer Rente die Situation vorübergehend zu beruhigen und zu gegebener Zeit, wieder mit Eingliederungsmassnahmen zu arbeiten». Ob solche möglich sind, werde bei jungen IV-Bezügern im Abstand von ein bis zwei Jahren überprüft. «Insofern geben wir einer zu erwartenden Verbesserung das notwendige Gewicht, was in einigen Fällen zum Erfolg führt.» Nur wenn eine Eingliederung unmöglich sei, werde bei Volljährigkeit eine IV-Rente gesprochen.

Rückendeckung erhält Locher von der Stiftung Brändi, die in puncto beruflicher Integration eine wichtige Rolle spielt. «Soweit wir das beurteilen können, werden alle Rentenbeschlüsse durch die zuweisenden IV-Stellen oder durch den regionalen ärztlichen Dienst geprüft und wenn nötig hinterfragt», sagt Carlo Piani, Leiter der beruflichen Integration beim Brändi Kriens und CVP-Kantonsrat aus Sursee.

Luzern zählte 2018 97 junge Neurentner

Schweizweit erhielten im letzten Jahr 1'830 Personen unter 25 Jahren eine IV-Rente zugesprochen. In Luzern waren es 97 – von gesamthaft 857 Neurentnern:

Zahl der IV-Neurentner und Eingliederungen

Kanton Luzern
2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018
Anzahl Neurentner insgesamt 775 760 667 708 784 675 721 659 603 785 857
Anzahl Neurentner unter 25 Jahren 72 107 94 107 93 78 89 101 92 81 97
Eingliederung junger IV-Bezüger in den ersten Arbeitsmarkt 124 132 125 167 185 160 160 164 142 153 169
Eingliederung junger IV-Bezüger in geschützte Werkstätten 13 5 6 6 4 2 2 2 6 3 3

«Die Anzahl Neurenten für junge Menschen stagniert, stetig zugenommen bei den 18- bis 29-Jährigen hat der Anteil an Neurenten aufgrund psychischer Erkrankungen», sagt Donald Locher. Eine Entwicklung, wie sie schweizweit zu beobachten sei. «Dahinter verbirgt sich oft eine Konstellation von schweren Krankheiten und Behinderungen.»

Die familiäre Situation könne anspruchsvoll sein, das Schulsystem fordere von Jugendlichen hohe Fähigkeiten bei der Selbststeuerung, so Locher. Weil mehrere Lehrer zuständig seien, würden auch klare Bezugspersonen fehlen. «Jugendliche mit latenten psychischen Störungen oder instabilen Selbstbildern können dabei schneller an ihre Grenzen kommen als normale Schüler», sagt Locher.

«Auch der Druck am Arbeitsplatz sowie Ängste vor einem Jobverlust oder vor der Digitalisierung spielen eine Rolle.»

Je früher man daher erste Anzeichen einer möglichen Invalidität erfassen kann, desto eher gelinge es, geeignete Massnahmen zu ergreifen. Dies bedeute aber noch lange nicht, dass die Abklärung mit 18 zu einer Rente führe, sagt Locher. «Viele Krankheitsverläufe sind gut behandelbar.» Auch Piani erachtet die Früherfassung als wichtig: «Sie hilft den Direktbetroffenen, den Eltern, der Schule und möglichen Lehrbetrieben, einen geeigneten Ausbildungsweg zu finden.»

Höhe des Taggelds führt zu Fehlanreiz

Genau so bedeutend sei aber die Anpassung des Taggeldes, so Piani. «Dieses liegt heute teils über einer allfälligen IV-Rente und kann ein späteres erzieltes Einkommen übersteigen.» Dieser Fehlanreiz soll mit der nächsten IV-Revision korrigiert werden. Geplant ist, dass Lehrlinge statt eines IV-Taggeldes einen Lohn vom Arbeitgeber erhalten, der mit jenem anderer Lehrlinge vergleichbar ist. Aktuell beträgt das Taggeld für Jugendliche ab 18 Jahren ohne Erstausbildung 40.70 Franken pro Tag – oder 1221 Franken pro Monat. Jugendliche in erstmaliger Ausbildung, die ohne Gesundheitsschaden bereits im Erwerbsleben stehen würden, erhalten 122.10 Franken pro Tag oder 3663 Franken im Monat.

Handlungsbedarf ortet Piani noch in einem weiteren Punkt: «Gemäss Entwurf der IV-Revision gibt es Bestrebungen, jungen Menschen mit einer Beeinträchtigung eine zweijährige praktische Ausbildung zu verwehren. Jene Betroffenen brauchen aber mehr Zeit, um sich zu entwickeln und können bei einer Verkürzung der Ausbildungszeit auf ein Jahr ihr Potenzial nicht entwickeln.»