Nach Kündigung durch den Kanton Luzern: Schweizerisches Arbeiterhilfswerk hofft nun auf Gemeinden

Das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) sucht nach neuen Aufträgen. Dies, nachdem sich der Kanton Luzern entschieden hat, die berufliche Integration von Flüchtlingen selbst zu organisieren.

Alexander von Däniken
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Berater Fabiano von Feltern mit einem Kunden beim Co-Opera-Gespräch des SAH Zentralschweiz.

Berater Fabiano von Feltern mit einem Kunden beim Co-Opera-Gespräch des SAH Zentralschweiz.

Bild: Roger Grütter
(Luzern, 11. Februar 2020)

Es war ein herber Schlag, den das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) Zentralschweiz einstecken musste. Nach 18 Jahren kündigt der Kanton Luzern die Zusammenarbeit auf Ende dieses Jahres. Ab 2021 will der Kanton die berufliche Integration von anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen in die eigene Hand nehmen. Wir berichteten Ende Januar.

Neun Tage, bevor der Kanton die Vertragsauflösung kommuniziert hat, teilte das SAH Zentralschweiz mit, dass es seit Anfang Jahr mit der Stadt Sursee zusammenarbeitet. Eine solche Kooperation besteht mit der Stadt Luzern bereits seit 2018.

Ab 2025 droht den Gemeinden Mehraufwand

Da das SAH Zentralschweiz wegen des auslaufenden Grossauftrags voraussichtlich 22 Stellen verliert, drängt sich die Frage auf: Warum schliesst das Hilfswerk nicht mehr Verträge mit Gemeinden ab? Das wäre nicht nur für das SAH von Vorteil, sondern auch für die Gemeinden. Denn nach den hohen Flüchtlingszahlen 2015 und 2016 müssen nach zehn Jahren die Wohngemeinden für die Sozialhilfe der vorläufig Aufgenommenen und Flüchtlinge aufkommen, wenn diese weiterhin auf Sozialhilfe angewiesen sind. Entsprechend sagt Sursees Sozialvorsteherin Jolanda Achermann Sen (SP): «Uns ist es ein Anliegen, möglichst viele in unserer Stadt wohnhafte und arbeitsfähige Flüchtlinge im Verlauf der nächsten vier bis fünf Jahre in eine existenzsichernde Arbeitsstelle integrieren zu können.»

Christine Spychiger leitet beim SAH Zentralschweiz die Fachstelle für berufliche Integration von Flüchtlingen, Migration Co-Opera. Sie sagt: «Auf weitere Gemeinden zuzugehen, ist eine Option. Sie bedingt jedoch, dass diese bereits vor der offiziellen Zuständigkeit in die berufliche Integration investieren. Das ist nicht jeder Gemeinde möglich.» Dabei gehe es auch um die gesellschaftliche Integration von Menschen, die in die Schweiz geflüchtet sind und hier auch bleiben. Und es geht um die Zukunft von Migration Co-Opera. Die Verträge mit Luzern und Sursee sichern immerhin kumuliert eine Arbeitsstelle im Wert von 100'000 Franken.

Spychiger ist ausserdem zuversichtlich, dass das SAH Zentralschweiz weiterhin vom Kanton berücksichtigt wird, schliesslich sollen einzelne Elemente – etwa die Vermittlung von Jobs – ausgeschrieben werden. «Wir werden uns auf jeden Fall bewerben.» Zwar traut sie dem Kanton die Hauptarbeit durchaus zu, «das braucht aber Zeit, schliesslich verfügen wir über viel Know-how und unzählige Kontakte».

Wie sich diese Vorteile auswirken, zeigt die Tabelle: Jeweils fast 50 Prozent der vorläufig Aufgenommenen und anerkannten Flüchtlinge im Kanton Luzern waren per Ende 2019 erwerbstätig. Damit rangierte der Kanton Luzern im schweizweiten Vergleich auf dem 10. respektive 4. Rang. Von den vergleichbaren Kantonen waren bei den vorläufig Aufgenommenen Aargau und Solothurn etwas besser, bei den anerkannten Flüchtlingen ist Luzern spitze.

«Kanton Luzern war schon immer innovativ»

Das gilt auch bei den Personen, die noch keinen Asylentscheid haben. Dort ist allerdings nicht das SAH Zentralschweiz, sondern der Kanton zuständig. «Der Kanton Luzern war schon immer innovativ», sagt Spychiger. Das treffe auch auf ihre Organisation zu: «Wir nehmen frühzeitig Trends auf. Zum Beispiel analysieren wir den Lehrstellenmarkt und schauen, ob sich jemand von unseren Klientinnen oder Klienten zum Beispiel für eine Ausbildung zum Milchtechnologen oder zur Holzbearbeiterin eignet.»

Was dem Kanton Luzern ebenfalls in die Karten spielt, ist die Tourismusregion. Laut Spychiger können so vergleichsweise viele Flüchtlinge von Saisonstellen profitieren. Das trifft auch auf den Kanton Graubünden zu.

Migration Co-Opera berät und qualifiziert vorläufig Aufgenommene und Flüchtlinge, tragiert die Personen in passende Kurse und Praktika und unterstützt sie bei der (Lehr-)Stellensuche. Das Angebot, welches nach Luzern nun auch Sursee nutzt, heisst SAH-Jobsupport. Bei diesem sorgen Job-Coaches dafür, dass bestehende Arbeits- und Lehrverhältnisse nicht aufgelöst, sondern fortgeführt werden.

Hauptpunkt für das Gelingen ist laut Christine Spychiger das «Ankommen». Dazu würden das Zurechtfinden in der für die Personen fremden Welt, die Sprache und die kulturellen Unterschiede zählen. Auch sei es wichtig, allenfalls vorhandene Berufs- und Schulerfahrungen auszubauen, ohne diese zu stark in den Vordergrund zu rücken: «Die Personen müssen gegenüber neuen Aufgaben offen sein. Das braucht Zeit.»

Mit fortlaufender Dauer und steigendem Asylstatus wird auch die statistische Erwerbsquote besser (siehe Infobox unten). Weshalb gerade die Eritreer anfangs Mühe bekunden, entzieht sich Spychigers Kenntnis. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Fachstelle hätten jedenfalls durchwegs gute Erfahrungen mit Eritreern gemacht.

Erwerbsquote steigt in der Regel mit Asylstatus

Die Flüchtlingsströme nach Europa sind letztes Jahr stark zurückgegangen. Entsprechend tief sind die absoluten Zahlen der Personen im Asylverfahren in der Tabelle links. Von den 522 Personen im Asylverfahren, die im Kanton Luzern leben, bilden die Eritreer die grösste Gruppe. Allerdings haben von den 63 erwerbsfähigen Eritreern 9,5 Prozent eine Arbeit. Zum Vergleich: Von den 56 erwerbsfähigen Afghanen gehen 26,8 Prozent einer Arbeit nach.
Ein etwas ausgeglicheneres Bild gibt es unter den 1828 vorläufig Aufgenommenen. Hier gehen 45,7 Prozent der 438 erwerbsfähigen Eritreer einer Arbeit nach. Bei den Afghanen, die mit 505 erwerbsfähigen Personen in diesem Bereich die grösste Gruppe bilden, beträgt die Erwerbsquote 50,9 Prozent. Bei den anerkannten Flüchtlingen gibt es mit 710 erwerbsfähigen Personen wiederum die meisten Eritreer. 49,9 Prozent von ihnen arbeiten. Bei den 265 Syrern sind es 38,1 Prozent.