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Nach Schlägerei auf Luzerner Friedhof: Zerstrittene Familie steht vor dem Kantonsgericht

Zwei Frauen und zwei Männer prügelten sich 2015 beim Friedhof Friedental in der Stadt Luzern. Am Mittwoch nahm sich das Kantonsgericht der Familienfehde an. Resultat nach zweieinhalb Stunden Verhandlung: viel Gezanke und pathetische Plädoyers.
Kilian Küttel

Ein Ort der Besinnung, der Trauer, des Respekts. Und vor allem: ein Ort der Ruhe. Doch was sich auf dem Friedhof Friedental abspielte, hatte mit Achtung vor dem Tod etwa so viel zu tun, wie ein Gottesdienst mit einem Fussballmatch: Am Nachmittag des 5. Juni 2015 gehen vor der Abdankungshalle vier Erwachsene aufeinander los, schlagen, schubsen, beschimpfen sich. Mittendrin sind zwei Kinder, auch sie bekommen Schläge ab.

Zwei Freisprüche, zwei Verurteilungen

Ein Mann geht zu Boden, ein anderer wird am Kopf getroffen. Schliesslich ruft ein Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung die Polizei. Die Folge des Kampfs: Prellungen, Schürfungen, eine Platzwunde und eine Verhandlung vor dem Bezirksgericht Luzern.

Dieses verurteilte zwei der Beteiligten wegen Raufhandels zu bedingten Geldstrafen, die anderen sprach es frei.

Weder der verurteilte, 39-jährige Serbe aus dem Kanton Luzern, noch seine 45-jährige Landsfrau wollten dieses Urteil akzeptieren. Am Mittwoch fand die Berufungsverhandlung am Luzerner Kantonsgericht statt. Die Verteidiger beider Parteien forderten Freisprüche in allen Punkten. Das Urteil folgt in den kommenden Tagen. Aber auch ohne abschliessende Bewertung des Richtergremiums – die Verhandlung war eine Lehrstunde dafür, dass man sich im Leben zwei Dinge nicht aussuchen kann: die Nachbarn und die Familie.

Todesfall ist Auslöser für Schlägerei

Wenige Wochen vor dem Aufeinandertreffen verstarb der Vater des 39-jährigen Serben. Dieser war der Bruder der drei anderen Erwachsenen – so auch der 45-Jährigen, die vor Gericht stand und demnach die Tante des Beschuldigten ist.

Die Prügelei war der vorläufige und brutale Höhepunkt einer lang andauernden Familienfehde. Die islamische Tradition verlangt es, am 52. Tag nach dem Tode nochmals dem Verstorbenen zu gedenken. Deshalb hatte sich die Familie beim Friedhof versammelt. Wegen der aufgeladenen Stimmung nicht gemeinsam, sondern gestaffelt.

Beschuldigte widersprechen sich

Wie vor Gericht erklärt wurde, waren die drei Geschwister schon bei der Abdankungshalle, als der 39-Jährige in Begleitung seiner zwei Söhne ankam. Soweit waren sich die Parteien einig, was danach passierte, wurde heftig diskutiert: «Als die anderen aus der Halle kamen, fingen sie sofort an, meine Frau zu beleidigen. Dann warf jemand eine Flasche nach mir, anschliessend sind sie auf mich losgegangen», sagte der 39-Jährige, der im schwarzen T-Shirt und Jeans vor die Richter trat und während dem Grossteil der Verhandlung auf die Tischplatte vor sich starrte. Demgegenüber sagte die Beschuldigte:

«Wir sind aus der Halle gekommen, da stand er schon vor uns. Er hat uns beschimpft und uns sofort angegriffen.»

Sie habe Angst gehabt, er wolle sie alle an Ort und Stelle umbringen.

Die juristische Hauptfrage war, ob sich die beiden des Raufhandels schuldig gemacht haben – also einer Auseinandersetzung, die «die den Tod oder die Körperverletzung eines Menschen zur Folge hat». Laut Gesetz ist aber «nicht strafbar, wer ausschliesslich abwehrt oder die Streitenden scheidet».

Ein Urteil mit gesellschaftlicher Tragweite?

Mit Verweis auf diesen Absatz wollten beide Verteidiger die Straffreiheit ihrer Klienten durchsetzen. Sein 25-minütiges Plädoyer nutzte der Anwalt der Beschuldigten, dem Gericht seine gesellschaftliche Verantwortung vor Augen zu führen.

Ein Vortrag, der so voller Pathos war, dass er für Unbeteiligte beinahe etwas Skurriles hatte:

«Für die Justiz mag dieser Fall marginal scheinen, doch geht es hier um eine gesellschaftliche Generalprävention. Wenn meine Mandantin heute bestraft wird, geht das Vertrauen in die Rechtsordnung in die Brüche.»

Er wurde nicht müde zu erwähnen, seine Klientin habe sich gegen einen «körperlich völlig überlegenen» Gegner gewehrt. «Eigentlich hätte sie einen Orden in Zivilcourage verdient.» Ebenso war er bemüht, den 39-Jährigen als «höchst dubiose Person» darzustellen, «die lügt wie gedruckt».

Die Anwältin des Beschuldigten hatte ein anderes Ziel: Sie wollte es so aussehen lassen, als habe sich die Familie des 39-Jährigen gegen ihn verschworen:

«Der Vorfall ist Teil einer Fehde, die von den drei Geschwistern des Toten initiiert wurde. Sein Leben lang haben sie meinen Klienten gequält, weshalb er unter einer psychischen Erkrankung leidet.»

Sie wollte die Richter überzeugen, ihr Klient habe sich gegen eine Übermacht verteidigt.

Zum Schluss nochmals Anschuldigungen

Vom letzten Wort machte nur der Beschuldigte Gebrauch. Er sagte, es sei schlimm, dass auch seine Söhne angegriffen worden seien. «Diese Leute schrecken nicht einmal vor Kindern zurück.» Es war die letzte von vielen Anschuldigungen an diesem Vormittag.

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