Nachbarschaftshilfe in der Coronapandemie: Bei Vicino Luzern können sich Hilfesuchende und Freiwillige melden

Personen aus der Risikogruppe sind derzeit auf Hilfe aus der Gesellschaft angewiesen. Melden können sie sich unter anderem bei Vicino Luzern. Zusammen mit Freiwilligen hat die Organisation eine koordinierte Nachbarschaftshilfe auf die Beine gestellt.

Pascal Studer
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Sie ist gesund. Ihre Stimme klingt wach. Magdalena Fuchs scheint mitten im Leben zu stehen. Dennoch bleibt die 65-Jährige derzeit zu Hause – ausser für einen Spaziergang alleine oder mit ihrem Partner. «Weil dies der Bundesrat dringend empfiehlt», sagt sie in einem selbstverständlichen Tonfall. Für die ehemalige Pflegefachfrau ist klar, dass die Coronapandemie jetzt möglichst effizient eingedämmt werden muss. Sonst könnte die drohende Überlastung des Gesundheitssystems den Bundesrat dazu zwingen, seine Massnahmen noch einmal zu verschärfen. «Eine Ausgangssperre will ich nicht», sagt sie.

Bild: Jakob Ineichen, Luzern
(24. März 2020)

Vor zwei Wochen hatte Magdalena Fuchs noch selber eingekauft. Nun lässt sie sich die Lebensmittel vor die Haustüre stellen. In ihrem Fall macht dies der Quartierladen in der Spitalstrasse. Sie will ihrer Generation so ein Vorbild sein, denn sie weiss, dass es nicht einfach ist, Hilfe zu akzeptieren. Dass sich insbesondere Seniorinnen und Senioren genieren, Unterstützung anzunehmen, sei nämlich keine Mär. Fuchs sagt:

«Es braucht Überwindung, sich einzugestehen, dass man nun zur ‹vulnerablen› Gruppe gehört – und somit auf Hilfe angewiesen ist.»

Der Verlust von Autonomie, eine Einschränkung der Selbständigkeit: Für niemanden ausser Menschen mit Vorerkrankungen ist die Weisung des Bundesrats derart einschränkend wie für Seniorinnen und Senioren ab 65 Jahren. Es ist klar: Die Personen aus den Risikogruppen sollen nun zu Hause bleiben – und müssen Hilfe annehmen. Darauf hat auch der Luzerner Stadtrat diese Woche hingewiesen.

Vicino und Zeitgut bieten Hand

Diese Hilfe bietet unter anderem die Organisation Vicino Luzern an. Zusammen mit der Genossenschaft Zeitgut fördert diese die koordinierte Nachbarschaftshilfe. Auf der Internet-Seite von Vicino Luzern können sich sowohl Personen melden, die Hilfe anbieten, als auch Personen, die welche in Anspruch nehmen wollen.

Einer, der sich als Helfer bei Vicino und Zeitgut gemeldet hat, ist Saverio Genzoli. Der 30-Jährige arbeitet in der Unternehmenskommunikation der Hochschule Luzern und kauft zweimal wöchentlich für eine rund 90-jährige Frau ein. «Heute ist es mein erstes Mal», sagt er während er sich einen grünen Einkaufskorb in Renés Quartierladen an der Moosmattstrasse greift. «Sie hat mir telefonisch exakt mitgeteilt, was ich kaufen soll», erklärt er. Er füllt den Korb mit Karotten, Napf-Joghurts und Toggenburger Guezli. Den Eisbergsalat sucht er jedoch vergebens, er wählt einen anderen Salat. Auch die Canapés sind vergriffen. An der Kasse ist ein grosses Schild aufgestellt: «Bitte Abstand halten». Genzoli bezahlt mit Karte, schultert die Tasche nach draussen.

Saverio Genzoli

Saverio Genzoli

Bild: Pascal Studer

Wie fühlt es sich an, zu helfen? Genzoli winkt ab: «Wir brauchen jetzt nicht pathetisch zu werden. Ich trage einfach meinen Teil bei.» Er finde es zudem schwierig, mit den Seniorinnen und Senioren zu hart ins Gericht zu gehen. Er sagt: «Vorwurfsvoll zu sein, finde ich schwierig.» Dennoch gehe es nicht nur um die eigene, sondern auch um die öffentliche Gesundheit. Sein Appell an die ältere Generation lautet daher wie folgt:

«Es gibt genügend Leute, die helfen wollen. Nehmt die Hilfe in Anspruch!»

Weisungen des BAG werden eingehalten

Tatsächlich halten sich die Anzahl Helfer und die Anzahl Hilfesuchenden bei Vicino und Zeitgut derzeit die Waage: Stand Mittwochmorgen haben sich 200 Freiwillige und 199 Hilfesuchende gemeldet. Für Christian Vogt, Co-Präsident von Vicino, ist daher klar: «Wir sind nach wie vor auf Freiwillige angewiesen.» Immerhin könne man damit rechnen, dass die Situation noch etwas anhalte. In den letzten paar Tagen hätten sich zudem vor allem viele Personen aus der Risikogruppe bei der Organisation gemeldet und um Unterstützung im Alltag gebeten. Derzeit laufen also die Telefone heiss, die vier Mitarbeitenden in der Zentrale haben viel zu tun. Vogt bestätigt:

«Es läuft sehr gut und es ist positiv, dass so viele Leute anrufen.»

Wichtig ist Vicino und Zeitgut zudem, dass die Nachbarschaftshilfe in koordinierten Bahnen verläuft. So müssen beispielsweise alle Freiwillige vor ihrem ersten Einsatz eine Einverständniserklärung unterschreiben, mit welcher sie sich verpflichten, die Weisungen des Bundesamts für Gesundheit einzuhalten. Dies sei auch wichtig für die Gesundheit der Helfer, auch sie können nämlich am Virus erkranken und somit ausfallen. Vogt sagt zudem: «Wir achten darauf, dass die Belastung für die Freiwilligen nicht zu gross wird.»

Bild: Jakob Ineichen, Luzern
(24. März 2020)

Magdalena Fuchs ist auf ihrem Balkon, geniesst die warme Frühlingssonne. Über die Hilfe von Vicino und Zeitgut sagt sie: «Die Solidarität ist wirklich bemerkenswert. Innerhalb von wenigen Minuten erhält man Hilfe – sofern man danach fragt!» Weshalb ein Teil der gefährdeten Bevölkerungsgruppe nach wie vor das Haus verlässt, um etwa Einkäufe zu tätigen, darüber kann sie nur mutmassen. «Einerseits ist man sich vielleicht wirklich noch nicht über die Gefahr des Virus bewusst», sagt Fuchs. Sie stellt aber klar: Steckt man sich mit dem Virus an, gefährde man nicht nur sich selber, sondern auch Hunderte andere. Zudem sei es andererseits wichtig, dass die Familien und nahen Bezugspersonen in einer deutlichen Sprache zu den Seniorinnen und Senioren sprechen. Fuchs macht gleich den Anfang und sagt:

«Nehmt einfach die Unterstützung der Leute an!»
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