NACHRUF: Luzerner Stadtuhrmacher Jörg Spöring ist gestorben

Er führte ein Leben für die präzise Zeit: Jörg Spöring. Er war in jeder Hinsicht ein Ausnahmetalent – als kreativer Uhrmacher, Erfinder und Fachhistoriker.

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Jörg Spöring hinter der Luzerner Rathaus-Turmuhr von 1526. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 23. April 2010))

Jörg Spöring hinter der Luzerner Rathaus-Turmuhr von 1526. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 23. April 2010))

Im Alter von 83 Jahren ist am Mittwoch letzter Woche Jörg Spöring in seiner geliebten Stadt Luzern gestorben. Während 50 Jahren, von 1961 bis 2011, war er «Zytrichter» in der Stadt Luzern, wie er sich selbst nach historischem Vorbild nannte. Er pflegte die 1385 geschmiedete Turmuhr im Zytturm der Luzerner Museggmauer und achtete darauf, dass sie täglich ihr sogenanntes Erstschlagrecht einhielt. Das bedeutete, dass sie eine Minute vor den Luzerner Kirchenuhren die volle Stunde anzeigte.

Jörg Spöring unterhielt auch sorgsam die alten Uhren im Rathaus. Den schmiedeeisernen Turmuhren galten auch seine Veröffentlichungen: «Die Uhr im Zytturm uff Musegg zuo Luzern 1385-1535» (1975), «Schmiedeeiserne Turmuhren im alten Luzern» (2009) und «Turmuhren in der Zentralschweiz» (2014).

Als Uhrmachermeister widmete sich Jörg Spöring aber auch der Kunst der Weiterentwicklung des Chronometers, des präzisen mechanischen Zeitmessers für das Handgelenk. Zudem war er ein erfolgreicher Ausbildner von Uhrmachertalenten. Eine spezielle Zusammenarbeit ergab sich mit dem Altertumswissenschafter Ludwig Oechslin. Spöring bildete diesen zum Uhrmachermeister und Uhrenkonstrukteur aus und entwickelte dann zusammen mit ihm neue Zeitmesser für den Hersteller Ulysse Nardin. Auch die Türler-Uhr, eine astronomische Uhr mit einem parallel laufenden Modell des Kosmos, ist ein Werk von Spöring und Oechslin. Dieses Meisterwerk der Uhrmacherkunst ist seit Ende letzten Jahres im Internationalen Uhrenmuseum in La Chaux-de-Fonds zu sehen. Sein Uhrmacher-Atelier übergab Jörg Spöring 2011 seinem Sohn Martin Spöring.

Erfolgreiche Turmuhren-Ausstellung

Viele Luzernerinnen und Luzerner schätzten das Gespräch mit dem geistreichen und erfahrenen Stadtuhrmacher Jörg Spöring, der auch stets ein spiritueller Sucher war. Jörg Spöring hat sich zudem zeit seines Lebens sozial und kulturell engagiert, 28 Jahre lang in der Feuerwehr der Stadt Luzern, von 1981 bis 1993 auch in der Lukas-Kirchgemeinde. Mit Verve versuchte er während der Jahre, am Uhrenhandelsplatz Luzern der Uhrmacherkunst eine Heimstatt in Form eines Museums zu schaffen. Mangelnde Unterstützung der Behörden verunmöglichte es, dass Thomas Engels einzigartige Bréguet-Uhren-Sammlung nach Luzern kam. Mit der Eröffnung der Turmuhren-Ausstellung im Zytturm an der Musegg ging (am Gründonnerstag 2012) doch noch einer seiner Wünsche in Erfüllung. Die Ausstellung wird heute jährlich von mehr als 150 000 Leuten besucht.

Ueli Habegger

stadt@luzernerzeitung.ch


Hinweis

Ueli Habegger ist Kunsthistoriker und ehemaliger Denkmalpfleger der Stadt Luzern.