Naphthalin in Schulhäusern: So lösen die Berner das Problem

Das Grenzhof-Schulhaus in der Stadt Luzern ist mit Naphthalin belastet. Ganz aus der Welt schaffen lässt sich der Stoff auch mit einer Sanierung nicht. Das zeigt ein vergleichbarer Fall in Bern. Dennoch spricht man dort von einem Erfolg.

Robert Knobel
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Das Grenzhof-Schulhaus: Ein schadstoffbelastetes Baudenkmal. (Bild: Roger Grütter (20. August 2018))

Das Grenzhof-Schulhaus: Ein schadstoffbelastetes Baudenkmal. (Bild: Roger Grütter (20. August 2018))

Der Kanton Luzern stellt das Stadtluzerner Grenzhof-Schulhaus unter Denkmalschutz. Damit soll ein Abriss der Schulanlage aus dem Jahr 1964 verhindert werden. Doch die Stadt Luzern wehrt sich gegen diesen Entscheid – sie hält an den Abriss-Plänen fest (wir berichteten). Abreissen möchte der Stadtrat das Schulhaus aus zwei Gründen: Erstens soll der Schulbetrieb im Grenzhof aufgegeben und in der nahen Schulanlage Rönnimoos konzentriert werden. Zweitens ist der Grenzhof schadstoffbelastet. Weil die Grenzwerte für Naphthalin in der Luft überschritten werden, steht zurzeit ein Teil der Schulanlage leer. Eine blosse Sanierung der Anlage, so befürchtet man bei der Stadt, würde das Schadstoffproblem möglicherweise nicht lösen.

Der Schadstoff steckt tief in der Betonstruktur

In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick nach Bern. Das 1955 erbaute Manuel-Schulhaus ist eines der grössten Schulhäuser der Stadt. Es ist ebenfalls denkmalgeschützt und wie im Grenzhof wurden die Naphthalin-Grenzwerte in der Luft überschritten. 2016 startete ein umfangreiches Sanierungs- und Erweiterungsprojekt, das im Sommer 2019 abgeschlossen sein wird. Was das Naphthalin betrifft, war von Anfang an klar, dass der Schadstoff nicht definitiv aus der Welt geschafft werden kann. Denn der Stoff ist so stark mit der tragenden Betonstruktur verbunden, dass eine vollständige Beseitigung unmöglich ist.

Das sanierte Manuel-Schulhaus in Bern. (Visualisierung: Stadt Bern)

Das sanierte Manuel-Schulhaus in Bern. (Visualisierung: Stadt Bern)

Abhilfe schafft deshalb eine kontrollierte Lüftung, die beim sanierten Schulhaus künftig dafür sorgt, dass die Naphthalin-Belastung im tolerierbaren Bereich bleibt. Das haben Berechnungen und Simulationen einer Spezialfirma bestätigt. Der Berner Stadtbaumeister Thomas Pfluger betont, dass dies keineswegs eine Verlegenheitslösung sei.«Dank der Lüftung bringen wir die Naphthalin-Werte unter den Richtwert. Gleichzeitig können wir auch die CO2-Konzentration in der Luft senken, die in vielen sanierten Schulhäusern ein Problem darstellt.» Die Stadt Bern prüft deshalb, das Konzept auch auf andere schadstoffbelastete Gebäude anzuwenden.

«Ohne Lüftung ist das Problem nicht lösbar»

Für Pfluger steht gleichzeitig fest, dass die Lüftung die einzige taugliche Lösung für das Naphthalin-Problem darstellt. «Ohne Lüftung ist das Problem nicht lösbar. Dann bliebe wirklich nur noch der Abriss des Gebäudes.» Die grosse Komplexität einer Naphtalin-Beseitigung bestätigte am Dienstag auch ein Experte der Hochschule Luzern gegenüber unserer Zeitung. Für Norbert Truffer ist dies aber noch kein Grund, den Grenzhof einfach abzureissen. Truffer ist Obmann der Zentralschweizer Sektion des Bundes Schweizer Architekten (BSA) und vertritt die «IG Baukultur der Moderne der Zentralschweiz». Die IG hatte stets für den Erhalt des Schulhauses gekämpft. Erst brauche es vertiefte Abklärungen über Sanierungsmöglichkeiten für das Grenzhof-Schulhaus. «Es liegen bislang keine detaillierten Studien über eine Sanierung vor. Man weiss also nicht genau, welche Massnahmen es wirklich bräuchte, um die Schadstoffbelastung zu eliminieren», sagt Truffer. 

Lieber das Schulhaus Rönnimoos abreissen?

Die Unterschutzstellung durch den Kanton sei ein logischer Schritt, findet Norbert Truffer. Schliesslich habe die Denkmalpflege die Stadt schon vor Jahren auf die Schutzwürdigkeit des Schulhauses aufmerksam gemacht. «Der Stadtrat hat dies einfach stets ignoriert und seine Abriss-Pläne vorangetrieben.» Der IG Baukultur geht es aber nicht nur um die architektonische Qualität des Schulhaus-Gebäudes. Neben dem Erhalt des Schulhauses fordert sie ein städtebauliches Gesamtkonzept für das ganze Quartier. «Da gibt es noch sehr viel Potenzial», sagt Norbert Truffer. Das Gebiet zwischen den beiden Schulhäusern Grenzhof und Rönnimoos ist heute grösstenteils unbebaut. Deshalb brauche es eine Gesamtbetrachtung, welche nicht nur eine sinnvolle Schul-Nutzung, sondern auch künftige Wohnüberbauungen beinhaltet, sagt Truffer. Zudem: Wenn schon ein Schulhaus aufgegeben werden soll, dann eher das Rönnimoos. «Dieses ist architektonisch bedeutungslos. Auch ist nicht auszuschliessen, dass dort ebenfalls Schadstoffe entdeckt werden könnten.» Denkbar wäre aber auch, beide Schulstandorte aufrechtzuerhalten und die nötigen Erweiterungsbauten in der Mitte zu erstellen. Da die beiden Schulhäuser in Gehdistanz liegen, könnten sie so zu einer einzigen, grossen Schulanlage verbunden werden.

Von einer Umnutzung des Grenzhof-Schulhauses hält Truffer hingegen wenig. Denn: Würde das Schulhaus beispielsweise zu Wohnungen oder Büros umfunktioniert, würde wohl sofort Kritik laut wegen der schlechten Ausnützung des Areals. «Der Druck für eine dichtere Überbauung und somit für einen Abriss des Gebäudes würde steigen.» Für Truffer ist klar: Fällt die Schulnutzung weg, entzieht man dem Grenzhof-Gebäude gleichzeitig die Daseinsberechtigung. 

Für die Stadt stehen solche Gedankenspiele zurzeit nicht zur Debatte. Baudirektorin Manuela Jost betont, dass man an der Verlagerung des Schulbetriebs ins Rönnimoos festhalte.

Schulhaus Grenzhof wird unter Denkmalschutz gestellt

Niederlage für den Luzerner Stadtrat: Er soll seine Abriss-Pläne für das Schulhaus Grenzhof beerdigen. Das fordert der Kanton - er beurteilt die Schulanlage aus dem Jahr 1964 als «besonders schutzwürdig». Doch der Stadtrat will den Entscheid nicht akzeptieren.
Robert Knobel