Kolumne

«Landauf, Landab»: Weshalb dem Autor beim Wort «Narrativ» Angst und Bang wird

Alt Nationalrat Ruedi Lustenberger aus Romoos über ein Modewort, bei dem ihm zuweilen Angst und Bang wird.

Ruedi Lustenberger
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Bild: PD

«Narrativ» – wann haben Sie das Wort zum ersten Mal gelesen? Vor zehn Jahren? Kaum. Bei mir jedenfalls ist es mehr als ein Jahr nicht her. Und ich hatte keine Ahnung, was es bedeutet. In solchen Fälle hilft Wikipedia: «Ein Narrativ ist eine sinnstiftende Erzählung». «Ein Modewort für Angeber», hat es Martin Ebel im Januar 2018 in seinem Literaturbeitrag im Tagi tituliert. Demnach wären heute viele Journalisten und andere «gescheite Leute» alle Angeber.

Tatsächlich, in jüngster Zeit ergiesst sich eine Flut von «Narrativen» aus dem Blätterwald. Was ist passiert? Nichts. Es ist, wie es schon immer war. Die Journis machen hin und wieder das, was wir als Primarschüler auch praktiziert haben. Sie schreiben einander ab. Nicht nur neue Wörter, manchmal ganze Geschichten und eine Interpretation dazu – neudeutsch eben Narrative. Das geschieht nicht wortwörtlich, aber sinngemäss.

Die Sache mit dem Narrativ erinnert mich an meine Anfängerjahre in der Politik. Damals, 1992 hat die UNO-Konferenz in Rio de Janeiro das Wort «nachhaltig», welches 1713 von Hans Carl von Carlowitz geprägt wurde, neu definiert. Es besagt: «Die Gesellschaft verhält sich nachhaltig, wenn sie so strukturiert ist und sich so verhält, dass sie über alle Generationen existenzfähig bleibt.» Wenn ich bedenke, für was alles der Ausdruck seitdem in unserer Umgangssprache herhalten muss, dann wird mir Angst und Bang um das «Narrativ».

Wir werden, so ist zu befürchten, künftig mit allerlei Narrativen beglückt und damit ab und zu wohl auch buchstäblich zum Narren gehalten.

Hinweis: Am Freitag äussern sich jeweils Gastkolumnisten und Redaktoren unserer Zeitung zu einem frei gewählten Thema.