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NATIONALRAT: Louis Schelbert: «Ich sehe Politik in grossen Bögen»

Am Freitag endet die politische Laufbahn von Louis Schelbert (65). Sein Vermächtnis mag der Luzerner nicht in Siege und Niederlagen aufteilen. Doch er verrät, wie er nach der Session nach Hause geht.
Alexander von Däniken
Will wieder mehr im Haushalt machen: Louis Schelbert in seinem Wohnzimmer. (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 22. Februar 2018))

Will wieder mehr im Haushalt machen: Louis Schelbert in seinem Wohnzimmer. (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 22. Februar 2018))

Interview: Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@ luzernerzeitung.ch

Im Wohnzimmer türmen sich Schallplatten, im Büro zig Dossiers. Noch befasst sich Louis Schelbert (65) aber überwiegend mit Papier statt Vinyl. Am Freitag beendet er in seine letzten beiden Sessionswochen als Nationalrat, ehe am 12. März Michael Töngi den Platz in der grossen Kammer übernimmt (Ausgabe vom 9. Dezember 2017). Für den Noch-Nationalrat der Grünen endet damit eine zwölfjährige Karriere in Bern und eine fast dreimal längere Karriere als aktiver Politiker (siehe Box). «Wenn ich Musik höre, dann mache ich vor allem das», sagt Schelbert in seinem Reihenhaus in Luzern. Und er meint damit auch: Wenn er arbeitet, dann ohne Musik. Wir haben den dreifachen Familienvater wenige Tage vor seiner letzten Session getroffen.

Louis Schelbert, Ihre Politiker-Laufbahn verlief gradlinig: vom Luzerner Grossen Stadtrat über den Kantonsrat zum Nationalrat. Auch als Mensch gelten Sie als gradlinig und besonnen. Andere Nationalräte polarisieren mehr. Geht mit Ihnen der grossen Kammer ein Stück Langeweile oder Anstand verloren?

Es ist nicht an mir, über diese anderen zu befinden. Der Nationalrat gewinnt mit Michael Töngi ein neues, kompetentes Mitglied – und mit entsprechend guten Chancen auf eine Wiederwahl.

Und was verliert nun der Rat mit Ihnen?

Einen seriösen Schaffer, gut vernetzt, vielseitig interessiert, fast immer gut vorbereitet, der darum meistens weiss, worum es bei einem Thema geht. Das trifft allerdings auch vollständig auf Michael Töngi zu.

Ihre Karriere haben Sie 2015 mit einem Sitz im Ständerat krönen wollen. Vergeblich. Wie enttäuscht waren Sie?

Als Vertreter einer Partei, die bei eidgenössischen Wahlen zwischen sieben und neun Prozent erreicht, muss man realistisch sein. In diesem Sinne war ich zwar etwas enttäuscht, zumal ich mich voll und ganz für das Amt als Ständerat eingesetzt hätte. Aber gleichzeitig fand ich mich auch sehr schnell damit ab. Es ist, wie es ist.

Was war Ihre grösste Niederlage?

Kategorien wie Sieg und Niederlage widerspiegeln meine Anschauung von Politik ungenau. Ich sehe Politik in grossen Bögen. Bis die AHV in der Schweiz 1948 etabliert wurde, vergingen dreissig Jahre. Seit den 1970er-Jahren kämpften wir Grünen gegen die Atomkraft. Es dauerte wiederum Jahrzehnte, bis mit der Energiestrategie 2050 der Atomausstieg beschlossen wurde. Entscheide innerhalb dieser Bögen mögen zwar im einzelnen Moment ärgerlich oder schön sein. Aber sie hängen auch immer von Umständen und von vorgängigen Entscheiden ab.

Woher kommt diese Einstellung?

Prägend war zum einen das Studium an der Uni Bern in Deutsch, Philosophie und Geschichte. Zum anderen wurde in den 1960er-Jahren Europa erstmals bewusst, wie gross die Hungersnot in Afrika war. Ich begann, mich zu engagieren. Musste dann aber merken, dass die einzelnen Projekte das Problem nicht grundlegend lösen können. Denn dieses war und ist struktureller Art und darum politisch. Um auf dieser Ebene Verbesserungen zu erreichen, vergehen Jahre. Immerhin geht es mittlerweile einigen Ländern, auch in Südamerika, besser.

Wie hat sich der Nationalrat in zwölf Jahren verändert?

Mein Eindruck ist, dass die Bürger oft nicht mehr das richtige Bild des politischen Geschehens erhalten. Das hat nicht nur mit den Medien zu tun, sondern auch mit gewissen Politikern, die vor der Kamera sehr pointiert auftreten, zuvor im Ratsbetrieb aber kaum aufgefallen sind. Das darf man nicht überbewerten, zumal es diese Begleiterscheinung immer schon gegeben hat – mal mehr, mal weniger stark.

Und sonst?

Seit 2015 gibt es im Nationalrat eine knappe Mehrheit von FDP und SVP. Als Mitglied der Grünen, eine noch kleinere Minderheitspartei, ist das spürbar. Denn die kleine Verschiebung des Machtverhältnisses bringt auch eine Eigendynamik mit: Mehrheiten wirken oft attraktiver. Ich hoffe, dass das Pendel nächstes Jahr wieder Richtung Grüne schwingt. Das Volks-Ja zur Energiestrategie und das Nein zur Unternehmenssteuerreform III stimmen mich optimistisch.

Vor einem halben Jahr trat Ihr Aargauer Fraktionskollege Jonas Fricker nach einem Auschwitz-Vergleich zurück – vor allem auf Drängen der Partei. Was haben Sie ihm empfohlen?

Dass er bleibt. Ich habe ihm geschrieben, dass er sich ein paar Tage Zeit lassen und nicht überhastet zurücktreten soll. Ich wusste, dass der Israelitische Gemeindebund Frickers Entschuldigung angenommen und ihm verziehen hatte. Erst nach dem Rücktritt schrieb er mir zurück. Er hatte meine Mail übersehen.

Oder hat er sie gesehen, den Druck der Partei aber nicht ausgehalten?

Ich glaube, er hat die Mail wirklich nicht gesehen. Nichtsdestotrotz lastete auf ihm ein grosser Druck. Den muss man aushalten können. Das gilt auch für eine Partei.

Die Grünen haben also übereifrig reagiert?

Für gewisse Personen trifft das sicher zu.

Zurück zu Ihnen. Was werden Sie nach Ihren letzten Sessionstagen am meisten vermissen?

Das werde ich erst wissen, wenn es dann so weit ist. Sicher ist es meine anstrengste Legislatur. Ich bin in drei Kommissionen engagiert – und jede bindet auf ihre Art viel Ressourcen. Sei es für Sitzungen, Dossierstudium oder komplexe Geschäfte.

Und was haben Sie nach der letzten Session vor?

Mein Bruder Joe, der beim Radio SRF in Bern arbeitet, wird diesen Frühling pensioniert. Für uns beginnt also gleichzeitig ein neuer Abschnitt. Wir wollen von Bern aus zu Fuss nach Hause laufen. Zusammen bis nach Langenthal, dann er nach Basel, wo er wohnt, und ich via Huttwil nach Luzern.

Aber das werden Sie wohl nicht an einem Stück laufen?

Nein, nein. Wir werden noch Etappenhalte definieren, wo sich auch Gäste mit uns treffen können. Noch sind aber nicht alle Details klar.

Und nach der Wanderung?

Da will ich sicher wieder mehr im Haushalt machen. Meine Frau und ich haben uns das jahrelang aufgeteilt. Eine Woche schaute sie nach Haushalt und Kindern, dann ich. Das ging leider nach der Wahl zum Nationalrat zeitlich nicht mehr. Und dann habe ich vorderhand die Mandate als Präsident der Wohnbaugenossenschaften Schweiz und von Arbeitsintegration Schweiz inne.

Ihr bislang letzter eingereichter Vorstoss ist eine Interpellation über die «Umsetzung des Verbots der Rollkur und des Barrens im Pferdesport» ...

... das wird aber nicht ganz mein allerletzter Vorstoss sein. Ich habe noch einen Fraktionsvorstoss angeregt, der vom Bundesrat eine Gesamtschau der finanzpolitischen Projekte verlangt. Den Vorstoss werde ich auch verfassen, und der Fraktionschef wird ihn einreichen. Wenn es nur nach der Nennung des Unterzeichners geht, dann haben Sie allerdings Recht.

Worum ging es bei der Interpellation?

Es ging um etwas, das im Pferdesport zwar schon lange verboten ist, aber seither niemand mehr kontrolliert. Dieser Umstand hat sich bei der Beantwortung durch den Bundesrat auch bestätigt. Allerdings kontaktierte mich hierauf umgehend der Präsident des betroffenen Verbands. Er versicherte mir in einem persönlichen Gespräch, dass der Verband den Tierschutz besser kontrollieren wolle.

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