Nationalratswahlen: Die Luzerner CVP zündet ein Listen-Feuerwerk

Die grösste Luzerner Partei will ihre drei Nationalratssitze am 20. Oktober mit sieben Unterlisten retten. Erstmals dabei ist mit der AWG der Wirtschaftsflügel der CVP.

Lukas Nussbaumer
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Die 9 Luzerner Sitze im 200-köpfigen Nationalrat sind heiss begehrt: Die CVP tritt am 20. Oktober mit einer Haupt- und sieben Unterlisten an. (Bild: Anthony Anex/Keystone, 19. September 2017)

Die 9 Luzerner Sitze im 200-köpfigen Nationalrat sind heiss begehrt: Die CVP tritt am 20. Oktober mit einer Haupt- und sieben Unterlisten an. (Bild: Anthony Anex/Keystone, 19. September 2017)

Am 26. August um 12 Uhr, dem Datum des Listeneingabeschlusses, ist definitiv klar, welche Luzerner Parteien zu den Nationalratswahlen vom 20. Oktober antreten. Sicher ist schon heute: Alle zehn bisherigen Nationalräte kämpfen um die noch neun zu vergebenden Sitze mit (siehe Kasten am Ende des Textes). Und zwischen den drei Blöcken Mitte, Rechts und Links zeichnet sich ein äusserst spannender Dreikampf ab.

Gefährdet sind vorab die CVP und die SVP. So konnte die CVP ihr drittes Mandat 2015 nur dank einer Listenverbindung mit FDP, BDP und EVP halten – und BDP sowie EVP helfen der grössten Luzerner Partei heuer nicht. Die EVP hat schon vor den Sommerferien bekannt gegeben, alleine in die Wahlen zu steigen, und die BDP dürfte gar nicht erst antreten, auch wenn Präsident Denis Kläfiger dies noch offen lässt. Er will die Strategie seiner Partei übernächste Woche bekannt geben.

FDP-Basis dürfte Verbindung mit CVP absegnen

Ob die Verbindung von CVP und FDP – wie 2015 zum ersten Mal vollzogen – erneut klappt, entscheidet die FDP-Basis am 22. August. Es ist davon auszugehen, dass die Freisinnigen das von der CVP bereits gegebene Einverständnis bestätigen werden.

Die SVP wiederum war die grosse Verliererin der Kantonsratswahlen von Ende März, wo sie sieben Sitze und 4,5 Wählerprozente einbüsste. Dazu kommt, dass die 2015 bei nationalen Wahlen erstmals zur stärksten Luzerner Kraft aufgestiegene Volkspartei landesweit in einer Formkrise steckt.

2015 und 2011 trat die CVP nur mit zwei Unterlisten an

Um ihre Mandate halten zu können, wendet die CVP nun eine Taktik an, die von den Linken seit Jahrzehnten praktiziert wird: mit mehreren Unterlisten ein möglichst breites Wählersegment ansprechen. Geplant hat die CVP eine aussergewöhnlich hohe Zahl von sieben Unterlisten – ein rekordhoher Wert für den Kanton Luzern. 2015 wurde die Hauptliste der CVP nur noch von der Jungpartei und einem CVP-Auslandschweizer unterstützt. 2011 gabs mit der Jungpartei und einer als «Landoffensive» bezeichneten Bauernliste ebenfalls nur zwei Unterlisten.

Heuer jedoch plant Wahlkampfleiter Pirmin Jung Unterlisten mit Kandidaten der kürzlich neu gegründeten Christlich-Sozialen Vereinigung (CSV), eine mit ausschliesslich Frauen, eine mit aktiven Bauern, eine sogenannte «Klimaliste», zwei mit JCVP-Mitgliedern sowie eine mit Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Gesellschaft (AWG). Die Zahl der momentan total 47 neuen Kandidaten kann sich bis zum Eingabeschluss vom 26. August noch geringfügig ändern, da bis dann Anpassungen möglich sind und weitere Gespräche für Listenplätze geführt werden. Das sind die bisher bekannten Namen:

  • Liste der AWG (7 Kandidaten): Viktoria Aregger, Buttisholz; Herbert C. Frey, München; Benjamin Koch, Luzern; Martin Ruckli, Buttisholz; Hans Schwegler, Ufhusen; Renato Steffen, Root; Urs Windlin, Eschenbach.
  • CSV (6): Markus Arnold, Eschenbach; Gerda Jung, Hildisrieden; Carlo Piani, Sursee; Ramona Thalmann-Hüsler, Neudorf; Xaver Vogel, Menzberg; Roger Zurbriggen, Neuenkirch.
  • Klimaliste (8): Marius Fischer, Luzern; Yvonne Hunkeler, Grosswangen; Pirmin Jung, Eschenbach; Markus Mächler, Luzern; Luzi Andreas Meyer, Luzern; Markus Portmann, Kriens; Roger Sonderegger, Luzern; Raymond Studer, Luzern.
  • Frauenliste (5): Helen Affentranger-Aregger, Buttisholz; Claudia Bernasconi, Greppen; Mary Sidler, Sempach; Susann Stöckli, Sursee; Michaela Tschuor, Wikon.
  • Bauernliste (6): Hanspeter Bucheli, Ruswil; Kilian Bucher, Malters; Thomas Grüter, St. Urban; Marlis Krummenacher-Feer, Root; Markus Odermatt, Ballwil; Stephan Schärli, Menzberg.
  • JCVP 1 (8): Joel Biner, Hochdorf; Luca Boog, Gunzwil; Sereina Duss, Oberkirch; Andreas Haas, Dierikon; Esther Hagmann, Meggen; Lara Helfenstein, Luzern; Victor Kadlubowski, Luzern; Andrea Kaufmann, Neudorf.
  • JCVP 2 (7): Elias Meier, Oberkirch; Valentina Milici, Luzern; Josko Pekas, Kriens; David Schwegler, Grossdietwil; Daniel Stadelmann, Luzern; Stefan Trottmann, Luzern; Sereina Winterberg, Ebikon.

Ab diesem Jahr ist das Einreichen von Listen für die grösseren Parteien (mindestens ein Sitz im Nationalrat oder 3 Prozent Wähleranteil) einfacher, weil sie ohne Unterschriften so viele Listen einreichen können, wie sie wollen. Bisher galt die Befreiung vom Unterschreiben des Wahlvorschlags nur für eine Wahlliste pro Kanton.

Auf der Wirtschaftsliste fehlen Mandatsträger

Erstmals bei den Nationalratswahlen dabei ist die AWG. Der 1984 gegründete Verein zählt rund 550 Mitglieder und steht der CVP nahe, ist aber offen für alle bürgerlich denkenden Personen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Die Unterliste der AWG umfasst sieben Kandidaten. Alle sind entweder aktive Unternehmer oder haben Kaderfunktionen in der Wirtschaft inne.

Laut Präsident Josef Wyss seien «im Sinne der Glaubwürdigkeit bewusst keine wirtschaftlichen Politiker angefragt worden, sondern nur aktive Gewerbler, Selbständige und Unternehmer». Der aktuelle Kantonsratspräsident Josef Wyss, der wie schon 2011 auf der Hauptliste der CVP antritt, begründet das erstmalige Mitmachen des Wirtschaftsflügels seiner Partei bei den Nationalratswahlen so:

«Wir wollen die bürgerliche Mitte mit einer betont wirtschaftsfreundlichen Liste stärken, vorab natürlich die Position der CVP.»

Wyss glaubt, seine Partei habe dank einer starken Hauptliste und den sieben Unterlisten trotz sehr schwieriger Ausgangslage gute Chancen, ihr drittes Mandat retten zu können.

Wahlkampfleiter will den Themen Gesichter geben

Das glaubt auch Pirmin Jung. Der Vorgänger von Parteipräsident und Nationalratskandidat Christian Ineichen betont, die CVP habe die Strategie mit den vielen Unterlisten vor dem Bekanntwerden des Scheiterns der Listenverbindungen mit EVP und BDP fixiert. «Viele Leute wählen heute themenspezifisch. Wir wollen diesen Themen Gesichter geben», sagt Jung, der selber auf der Klimaliste kandidiert. Das sei auch eine Erkenntnis aus den Wahlen von 2015, als die CVP 3,2 Prozent Wähleranteile einbüsste, ihren dritten Sitz aber gerade noch verteidigen konnte.

Teil der CVP-Taktik ist es laut Jung zudem, die Unterlisten nicht ganz zu füllen, um den Wählern die Möglichkeit zu geben, Kandidaten der CVP-Hauptliste auf eine Unterliste zu setzen. Jung hofft dank der Unterlisten auch auf Zusatzstimmen über die Parteigrenze hinaus. Schliesslich hätten alle Kandidaten ihr persönliches Umfeld, das sie aktivieren und mobilisieren könnten.

Mit wie vielen Listen steigt die SVP ins Rennen?

Die anderen grossen Politkräfte im Kanton Luzern setzen ebenfalls auf Unterlisten. Sicher antreten wollen die Jungfreisinnigen, die FDP-Frauen, die Jungsozialisten, die Jungen Grünen und die Junge GLP. Offen ist, mit welchen Unterlisten die SVP ins Rennen steigt. 2015 setzte die Partei auf die JSVP, auf ihre «Aktiven Senioren» und auf fünf Kandidaten der «SVP International».

Vor vier Jahren wurden insgesamt 21 Listen eingereicht, 2011 waren es 18. Heuer dürfte der 2015 erreichte Rekord vor allem wegen der CVP deutlich übertroffen werden.

Alle zehn bisherigen Nationalräte treten wieder an

Der Kanton Luzern kann in der neuen Legislatur nur noch neun statt wie bisher zehn Nationalräte stellen. Dies und die bei den kantonalen Wahlen erstarkte Linke mit SP, Grünen und GLP sowie die gleichzeitig schwächelnden SVP, CVP und FDP machen die Ausgangslage für den 20. Oktober äusserst spannend. Das sind die zehn bisherigen Luzerner Nationalräte: Ida Glanzmann, Leo Müller, Andrea Gmür-Schönenberger (alle CVP); Felix Müri, Yvette Estermann, Franz Grüter (SVP); Albert Vitali, Peter Schilliger (FDP); Prisca Birrer-Heimo (SP) und Michael Töngi (Grüne). Andrea Gmür und Franz Grüter kandidieren auch für den Ständerat. (nus)

Luzerner CVP und FDP verloben sich aus tiefer Not

Die beiden grossen Luzerner Mitteparteien CVP und FDP suchen die Nähe zueinander – auch über die National- und Ständeratswahlen hinaus. Weil sie im Kantonsrat zusammen erstmals keine Mehrheit mehr haben, brauchen sie weitere Verbündete.
Lukas Nussbaumer