NATUR: Der Winter macht die Futtersuche für Greifvögel schwierig und gefährlich

Wegen der anhaltenden Kälte und der gefrorenen Böden wird es zunehmend schwierig, Mäuse zu jagen. Darum ernähren sich Greifvögel oft von Kadavern entlang der Autobahn. Das kann für sie fatale Folgen haben.

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Ein Mäusebussard im Schnee. (Bild: Wilfried Martin/Getty)

Ein Mäusebussard im Schnee. (Bild: Wilfried Martin/Getty)

Schnee und Kälte bescheren uns derzeit einen Winter, der seinem Namen gerecht wird. Schneesportler freuen sich darüber ebenso wie Kinder, die Iglus oder Schneefiguren bauen. Laut Meteo Schweiz dauert der Spass bei Minustemperaturen bis auf weiteres an. Es bleibt kalt und weiss.

Weniger Freude bereiten die aktuellen Verhältnisse einigen Tieren. Greifvögel (etwa Mäusebussarde) zum Beispiel, aber auch Eulen haben bei anhaltend geschlossener Schneedecke oder wochenlang gefrorenem Boden Probleme, Mäuse zu jagen, wie Livio Rey, Experte bei der Vogelwarte Sempach, sagt. Der Energiebedarf der Vögel sei im Winter etwas höher, weil sie ihre hohe Körpertemperatur aufrechterhalten müssten. Durch das dichte Federkleid seien sie vor tiefen Temperaturen jedoch gut geschützt.

«Seit dem Wintereinbruch Anfang Januar sind rund ein halbes Dutzend Mäusebussarde bei der Pflegestation der Vogelwarte abgegeben worden», sagt der Biologe. Die Gründe dafür seien vielfältig. Häufig seien es geschwächte Tiere oder solche, die sich bei der Nahrungssuche Verletzungen zugezogen hätten. In strengen Wintern würden häufiger Greifvögel zur Pflege abgegeben als in anderen Jahreszeiten. Verletzt werden viele durch Fahrzeuge. Denn tatsächlich halten sich vor allem Mäusebussarde und Krähen, manchmal auch Rotmilane oder Turmfalken, in der Nähe von Autobahnen auf. «Wenn diese Vögel wegen des Schnees Probleme haben, genügend Nahrung zu finden, suchen sie an Autobahnen nach Kadavern überfahrener Tiere» – und würden dann oft selbst zu Opfern, erklärt Rey. Doch auch Strommasten haben ihre Tücken durch sie kommen immer wieder Greifvögel ums Leben. Eine konstante Gefahr seien namentlich schlecht konstruierte Mittelleitungsmasten, an denen grössere Vögel den Stromtod erleiden würden.

Für den Fall, dass man ein geschwächtes Tier findet, rät Rey: «Solange ein Vogel bei einer Annäherung wegfliegt, besteht kein Handlungsbedarf. Fliegt er jedoch nicht weg, sollte die kantonale Wildhut oder die Polizei informiert werden. Dies gilt bei grösseren Vögeln.»

Nur Vogelkenner sollen füttern

Er rät davon ab, Vögel selber aufzupäppeln, und empfiehlt, geschwächte Tiere in die Obhut einer Pflegestation zu bringen. Die Fütterung von Greifvögeln und Eulen sei aufwendig und kaum mit jener von Kleinvögeln zu vergleichen. Sie sei daher nur durch erfahrene Vogelkenner vorzunehmen. Und: Wer einen Futterplatz für Greifvögel betreiben will, muss beim kantonalen Veterinärdienst eine Bewilligung einholen.

Obwohl es für Mäusejäger schwierig bleibt, an ihre Leibspeise zu gelangen, wissen sich Bussarde und Eulen zu helfen. Rey: «Solange die Vögel genügend Nahrung finden, bleiben sie in der Region. Wenn das Nahrungsangebot knapp wird, fangen Eulen vermehrt Vögel, Mäusebussarde weichen in einer Winterflucht in andere Gebiete aus.»

 

Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch

Hinweis
 Hier gibt es Infos zur Fütterung von Kleinvögeln<span style="display: none;"> </span>.
 

Fakten über Vögel

Wann kriegen Vögel kalte Füsse?
Dass Krähe und Konsorten bei Minustemperaturen nicht vom Ast kippen, liegt an der Struktur der Blutgefässe in den Extremitäten. Die Arterien, die vom Körper in die Beine verlaufen, formen mit den von den Füssen aufsteigenden Venen einen Wärmeaustauscher. Das funktioniert so ähnlich wie ein Minergie-Haus: Die abstrahlende Wärme wird genutzt, statt dass sie an der kalten Luft verpufft. Die Blutgefässe müssen dazu eng verflochten sein.

Die Vogel-Arterien sind von dünnwandigen, weitverzweigten Venen fast komplett verdeckt und können so die abgestrahlte Wärme aufnehmen. Das zum Körper aufsteigende Blut wird also vorgewärmt. Die Füsse bleiben dabei kalt, knapp über null Grad, während die Körpertemperatur von rund 40 Grad einfacher gehalten werden kann.

Problematisch wird das Gegenstromprinzip erst, wenn die gefiederten Freunde lange Zeit bei Minustemperaturen ausharren müssen. Das System ist aber sehr effektiv: Eine Möwe, die man zu Versuchszwecken für zwei Stunden in Eiswasser gestellt hatte, verlor nur 1,5 Prozent ihrer Wärmeproduktion über die Füsse.
 
Dieses Prinzip ist übrigens auch der Grund, weshalb Enten auf dem gefrorenen See nicht die Füsse anfrieren: Der Boden oder das Wasser, die mit den Füssen in Kontakt kommen, werden nicht erwärmt – so entsteht auch kein Wasserfilm, der in Sekundenschnelle wieder zufrieren würde. Das würde zum Beispiel dann passieren, wenn ein Mensch der Verlockung nicht widerstehen kann, mit seiner Zunge einen gefrorenen Metallgegenstand zu berühren.
 
Noch mehr Wärme-Tricks
Vögel kennen aber noch andere Strategien, um widrigen Umständen zu trotzen. Die bekannteste ist wohl das Aufplustern: Diese Form ist nicht zufällig, denn die Kugel hat im Verhältnis zum Körpervolumen die geringste Oberfläche. So geht am wenigsten Wärme verloren. Die Idee mit dem Warmluftpolster haben sich die Vögel bei den sportlichen Daunenjacken abgeschaut, die gerade wieder in Mode sind ­-- oder war es umgekehrt?

Etwas weniger bekannt dürfte sein, dass Vögel auch noch Solarzellen besitzen: Die dunklen Stellen auf dem Federkleid reflektieren weniger als 20 Prozent der Sonnenstrahlen, so reicht bereits ein wenig Sonne, um warm zu bekommen. Und wenn es einmal richtig frostig wird in einer klaren Winternacht, dann können Krähe und Konsorten auch kurzzeitig ihre Körpertemperatur senken. Sie fallen dann in eine Art Starre und benötigen weniger Energie.

A propos Energie: Das Wichtigste, um Wärme zu produzieren ist und bleibt bei den Vögeln auch im Winter das Futter. (uus)