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Wegen Missbrauchsvorwürfen in Deutschland: Surseer Schule bläst umstrittenen Spielanlass ab

Nachdem die Übungsmethode Original Play in Deutschland massiv in Kritik geraten ist, zieht das Surseer Rektorat die Reissleine.
Evelyne Fischer
Das Konzept Original Play geht auf den Amerikaner Fred O. Donaldson (Mitte) zurück. (Bild: Jacqueline Schneider/Original Play)

Das Konzept Original Play geht auf den Amerikaner Fred O. Donaldson (Mitte) zurück. (Bild: Jacqueline Schneider/Original Play)

Es sei ein Spiel, das «keine Regeln und keine Fehler» kennt, «keinen Kampf und keine Konkurrenz». So wirbt die weltweit tätige Organisation Original Play für ein pädagogisches Konzept, das unter anderem in Deutschland jüngst negativ in die Schlagzeilen geraten ist. Grund: Vorwürfe von Kindesmissbrauch.

Die Methode des US-Amerikaners Fred O. Donaldson funktioniert wie folgt: Um den ursprünglichen Spieltrieb zu wecken, lädt ein Erwachsener ein Kind auf einer Matte zum Balgen und Raufen ein. Nimmt dieses die Einladung an, tollt es so lange herum, bis der Spielleiter zweimal klatscht. Das Ziel: Abbau kindlicher Aggression. Es kommt zu engem Körperkontakt – stets auf freiwilliger Basis, wie die Organisation betont.

Fakt ist: In Deutschland, wo Original Play laut einem Fernsehbeitrag von ARD meist in kirchlichen Kitas oder Gemeinden ausgeübt wird, kam es zu Strafanzeigen, die Ermittlungen wurden aber eingestellt. Dennoch verurteilen die Behörden von Hamburg und Bayern laut ARD Original Play, weil es dem Missbrauch Tür und Tor öffne.

In Sursee waren Workshops und Spielanlässe geplant

Dass man im Nachbarland die Reissleine zieht, bleibt in der Schweiz nicht unbemerkt: Auch in Sursee und im Kanton Bern hätte es diesen Montag und Dienstag Spielanlässe mit Schulklassen geben sollen. Doch kurzerhand wurden sie abgeblasen. Weil die «Übungsmethoden von Original Play zum Teil umstritten» seien, distanziere sich die Surseer Schule Neufeld von diesem Anlass, heisst es in einem Elternbrief vom 29. Oktober, der unserer Zeitung vorliegt.

Geplant gewesen war, dass Jolanta Graczykowska, Repräsentantin von Original Play in Europa (siehe Kasten am Ende des Textes), Erwachsene am Wochenende mit zwei Workshops auf die Spielanlässe vorbereitet. Ein solcher kostet pro Tag rund 180 Franken. Für die Spielanlässe wären in Sursee ein Kindergarten und drei Primarklassen vorgesehen gewesen, rund 70 bis 80 Kinder. Eine langjährige Surseer Lehrerin, die selber Original Play anbietet, hätte mit den erwachsenen Kursteilnehmern das Erlernte mit Kindern umgesetzt. «Aufgrund der Medienberichte aus Deutschland haben wir in gegenseitiger Absprache entschieden, den Anlass zu annullieren», sagt Philipp Calivers, Rektor der Stadtschulen Sursee.

«Wir wollen nicht, dass eine private Organisation so eng mit unserer Schule in Verbindung steht.»

Bei Anlässen mit Klassen achte man besonders darauf, «dass die Angebote den Werten unserer Schule entsprechen», so Calivers.

Die betroffene Lehrerin, die Teilzeit unterrichte und sehr geschätzt werde, geniesse «weiterhin das vollste Vertrauen», sagt Calivers. «Es gab in diesem Zusammenhang bislang keine einzige negative Rückmeldung.» Die Eltern seien vorgängig über die Spielanlässe informiert worden, betont Calivers. «Nach der Annullation meldeten sich zwei Elternteile bei der Schulleitung, welche die Absage bedauerten.»

Lehrerin: «Reportage schürt Angst»

Die Lehrerin aus der Region, die sich Original Play in Kursen und Workshops in der Schweiz und in Praxistagen in Warschau angeeignet hat, will sich gegenüber unserer Zeitung nicht zu den «Angst schürenden Reportagen» äussern. Zum Körperkontakt sagt sie:

«Aus meiner Sicht ist es ganz wichtig, dass Kinder Vorbilder haben. Sie lernen von uns Erwachsenen, wie der Umgang miteinander funktioniert.»

Weiter verweist sie auf die Stellungnahme eines Original-Play-Vertreters aus Österreich. Dieser spricht von einer «tendenziösen Recherche» von ARD und schreibt, man achte auf «maximale Offenheit und Einsichtigkeit» der Räume und es seien «in der Regel» eine Pädagogin oder Eltern anwesend.

Gegenüber «20 Minuten» wehrte sich die betroffene Lehrerin gegen die Kritik. Die Berührung komme stets vom Kind aus. Auf ihrer Website hält sie fest, es gehe «überhaupt nicht darum, persönliche Gelüste zu stillen». Original Play helfe Kindern, «Respekt und ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln».

Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, sieht Original Play kritisch. Raufen sei «nichts Schlechtes, aber das können die Kinder unter sich machen», sagte sie zu «20 Minuten». Und: «Institutionalisierter Körperkontakt mit fremden Erwachsenen hat in der Schule nichts zu suchen.»

Original Play: Hierarchisches globales Netzwerk

An der Spitze des Netzwerks steht der Amerikaner Fred O. Donaldson. Die Polin Jolanta Graczykowska ist Repräsentantin in Europa. Beide vergeben Zertifikate für sogenannte Lehrlinge, die Anlässe mit Kindern durchführen dürfen. Dafür werden unter anderem drei Jahre Spielerfahrung mit Kindern verlangt. Graczykowska, die für unsere Zeitung nicht erreichbar war, ist autorisiert, Workshops für Erwachsene abzuhalten. Deutschen Medien zufolge kann sich dafür jeder anmelden, ohne Aufnahme der Personalien.

Unklar bleibt, wie gross das Netzwerk des Schweizer Ablegers ist. Bis am Dienstag stiess man bei Google auf die Adresse des Pfarreiheims Sursee und eine Telefonnummer. Diese Daten sind inzwischen nicht mehr auffindbar. Die Nummer gehört einer Person aus der Region, die Workshop-Anmeldungen koordiniert hat. Auf Anfrage äussert sie sich zunächst zurückhaltend, zieht dann aber alle Zitate zurück.

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