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NEUBEGINN: «Ich bin nicht einer, der auftritt und den Leuten sagt, wie es ist»

Der aus Luzern stammende Yves Bossart (33) moderiert ab nächsten Sonntag die «Sternstunde Philosophie» von SRF. Im Interview sagt er, wie er auf die Philosophie gekommen ist und was sie uns allen geben kann.
Interview von Pirmin Bossart
«Es braucht Momente der Besinnung, um das innere Gärtli wieder etwas zu ordnen»: Yves Bossart bei der Bergstation der Seilbahn Rigiblick in Zürich. (Bild: Roger Grütter (29. Dezember 2016))

«Es braucht Momente der Besinnung, um das innere Gärtli wieder etwas zu ordnen»: Yves Bossart bei der Bergstation der Seilbahn Rigiblick in Zürich. (Bild: Roger Grütter (29. Dezember 2016))

Interview von Pirmin Bossart

Heute beginnt ein neues Jahr: Ist das für Sie ein Tag wie ein anderer?

Wichtiger als der erste Tag des Jahres ist für mich die ganze Übergangszeit von Weihnachten bis Neujahr. Der Terminkalender ist ausgedünnt, man hat Zeit für sich und die Familie, kann Rückblick halten, verweilen oder sich freuen auf Neues. Solche Einschnitte geben Raum für das, womit ein Philosoph eigentlich permanent beschäftigt ist: Er nimmt Distanz zum Leben, hinterfragt. Stimmt die Richtung noch, oder ist es Zeit, das Steuer herumzureissen? Was ist mir wirklich wichtig? Was will ich im Leben?

Also wäre die Übergangszeit um Neujahr prädestiniert dafür, sich einen Ruck zu geben, nachzudenken, Neues auszuprobieren?

Ja. Es gibt im Jahreskalender immer weniger solche Zäsuren, in denen man sich grundlegendere Fragen stellen kann. Manchmal ist es gut, wenn einen ein äusseres Ereignis zwingt, auf sich selbst zurückgeworfen zu werden, zu reflektieren, sich zu besinnen.

Reicht das, um weiterzukommen?

Ich sage nicht, dass man sich selber findet, wenn man nur zu Hause auf dem Sofa sitzt und in sich hineinhört. Man muss unbedingt hinausgehen, ausprobieren, experimentieren. Aber es braucht eben auch Momente der Besinnung, um das innere Gärtli wieder etwas zu ordnen und eine Übersicht zu bekommen. Meistens stecken wir mitten in Projekten und sind am Funktionieren. Wir sind getrieben, gestresst, fremdbestimmt. Es ist wertvoll, wieder mal Distanz zu gewinnen, herunterzufahren oder eine Auszeit zu nehmen.

Sie beginnen am nächsten Sonntag bei SRF ihre Moderatorentätigkeit in der «Sternstunde Philosophie»: Ist auch das ein Neuanfang für Sie?

Es ist eher eine Entwicklung. Ich arbeite ja schon vier Jahre sozusagen als Copilot in der Redaktion mit. Jetzt halte ich selber den Kopf hin und trage mehr Verantwortung. Ich kann die Gespräche steuern und die Stunde noch stärker ­selber gestalten. Das ist nochmals ein neuer Schritt für mich.

Sie werden damit auch ein Stück weit eine öffentliche Person. Wie wichtig ist das für Sie?

Es war eine schwierige Entscheidung. Aber ich nehme diese Öffentlichkeit gerne in Kauf, weil es für mich nicht viel Schöneres gibt, als mit spannenden und klugen Menschen eine Stunde lang ein Gespräch führen zu können. Menschen, die viel erlebt haben, einen scharfen Verstand haben und als Persönlichkeiten oft auch ein Vorbild sind. Ich hoffe, es gelingt mir, eine Beziehung zu den Gästen herzustellen, gemeinsam mit ihnen auf Wahrheitssuche zu gehen, ihre Leidenschaft herauszukitzeln und das Publikum für Philosophie zu begeistern.

Was hat Sie zur Philosophie geführt? Wollten Sie schon früh den Sinn des Lebens ergründen?

An der Kantonsschule hatten wir ab der 5. Klasse Philosophie. Dort entdeckte ich, wie mich die besondere Herangehensweise der Philosophie an Fragen und Probleme zu interessieren begann: Man hat einen kurzen Text von einer halben Seite und verbringt drei Stunden mit dessen Analyse. Dieses Ideal des genauen Nachdenkens hat mich fasziniert. Aber auch die Suche nach den ewigen Wahrheiten, nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. Nicht zuletzt spürte ich viel Lust, immer weiter zu fragen und Sachen zu hinterfragen. Anders als in den Naturwissenschaften, wo gewisse Fragen gar nicht zum Fach gehören dürfen, darf man in der Philosophie immer alles fragen.

Aber findet man die Antworten darauf? Gibt es ewige Wahrheiten?

Absolute Gewissheiten gibt es nicht. Man kann sich immer täuschen. Das darf einen aber nicht daran hindern, die Wahrheit zu suchen, am besten im Gespräch mit Menschen, die anders denken als wir. Diese philosophische Auseinandersetzung führt im Idealfall zu mehr Verständnis und zu gut begründeten Meinungen. Ob diese Meinungen jedoch auch wahr sind, das können wir nie mit Sicherheit wissen.

Pflegen Sie diese Offenheit auch als Philosophielehrer an der Kanti?

Ich habe erfahren, dass die Jugendlichen diesen Zugang schätzen. Wenn ich ihnen sage: Ich weiss nicht, was die Lösung ist, lasst uns das zusammen herausfinden, ist das ein grosser Motivationsschub. Die Schüler fühlen sich ernst genommen, auf Augenhöhe mit der Lehrperson.

Welche philosophischen Fragen interessieren die Jugendlichen?

Es sind praktische Fragen, die mit ihrem Leben zu tun haben. Sie wollen wissen, wer sie eigentlich sind, wie sie mit Leistungsdruck und Stress umgehen können oder was die digitale Welt der Selbst­inszenierung zu bedeuten hat. Meine Schüler schreiben zurzeit eine Arbeit über ein selbst gewähltes Thema, das sie beschäftigt. Das geht von Armut und Sterbehilfe über Abtreibung und Kriegsdrohnen bis zu Schönheitsoperationen. Es sind alles Themen, die moralische Aspekte beinhalten.

Was macht eigentlich ein Philosoph?

Er versucht, Grundbegriffe und Grundfragen des Lebens zu klären. Was ist Gerechtigkeit? Wahrheit? Würde? Als Philosoph lernt man, genau zu lesen und zu schreiben und gut zu argumentieren. Natürlich muss man zuerst den Reiz ­sehen, sich mit einem Text intensiv zu beschäftigen. Im Philosophieunterricht besteht ein wichtiger Aspekt darin, den Schülern eine Fragestellung so zu vermitteln, dass sie das Problem wirklich spüren.

Sie sind erst 33. Hat man da schon genug Lebensweisheit gesammelt, um andern tiefer greifende Zusammenhänge oder die grossen Fragen des Lebens erklären zu können?

Ich bin nicht einer, der auftritt und den Leuten sagt, wie es ist. Es ist nicht so, dass ich ganz viele Antworten auf die grossen Fragen hätte. Auch in meinem Buch stelle ich verschiedene Aspekte einer Fragestellung vor und überlasse es den Lesenden, zu entscheiden, wie sie gewichten wollen. Meine Sympathien gehören der philosophischen Schule der Skeptiker und dem sokratischen Ideal des Nichtwissens. Ich bin ja auch nicht als Gast in der «Sternstunde Philosophie», sondern als Fragender.

Hilft die Philosophie, um ein möglichst erfülltes Leben zu führen?

Für die antiken Denker war die Philosophie eine Lebensschule, um ein gutes Leben zu führen und glücklich zu werden. Daran glaube ich auch, obwohl dieses Philosophieverständnis in der heutigen Universitätslandschaft nicht mehr so verbreitet ist. Heute gehört die Frage der Lebensführung ins Gebiet der Psychologie: Was macht mich glücklich? Wie gehe ich mit Krisen um? Dennoch glaube ich, dass wir gewissen Ängsten und Sehnsüchten nur mit philosophischem Nachdenken begegnen können.

Wie können Sie philosophische Einsichten in den Alltag hinübernehmen?

Durch Übung und Training gelingt das, Stück für Stück. Ich habe mir seit einigen Jahren zum Vorsatz genommen, stärker im Moment zu leben, mich nicht so sehr von Projekten absorbieren zu lassen oder in die Vergangenheit und Zukunft zu denken. Jeden Moment zu erleben, als sei es das erste Mal. Jede Sekunde ein Neuanfang. Es gibt das Konzept der Achtsamkeit, Aussagen wie «der Weg ist das Ziel», das ist alles bekannt. Aber das Schwierigste ist, das auch umzusetzen, im Alltag zu üben. Will ich Gelassenheit erreichen, kann ich nicht einfach einen Text darüber lesen, und dann habe ich es.

Sollen sich Philosophen in den politischen Alltag ein­mischen?

Unbedingt, noch viel mehr als bisher. Die Welt wandelt sich schnell, die Möglichkeiten vermehren sich. Es gibt immer neue ethische Fragen, die uns beschäftigen. Darf man das? Wie weit sollen wir gehen? Ich denke an Gentech-Medizin, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz usw. Philosophen sind geschult, über solche Fragen nachzudenken. Sie klären Begriffe, prüfen Argumente und haben dabei immer das Ganze im Blick.

Erlebt die Philosophie gerade einen Boom?

Die Säkularisierung hat eine Lücke hinterlassen. Wir sehnen uns nach der Beschäftigung mit den grossen Fragen, das zeigt die zunehmende Ratgeberliteratur. Wie soll ich leben? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Gleichzeitig haben wir heute sehr viele Freiheiten und müssen uns die ganze Zeit entscheiden, wie wir uns verwirklichen und was wir im Leben wollen. Das macht auch Angst und ist eine Last. Die Philosophie kann Orientierung bieten, aber ohne Dogmen. Sie kann uns helfen, selbst eine Antwort zu finden.

Die mediale Vermittlung von gesellschaftlichen Fragen und Haltungen verkommt immer mehr zur Gegenüberstellung von grellen Positionen. Die eine Seite feuert ihre Argumente ab, die andere gibt zu­rück. Das ist wohl kaum die Aus­einandersetzung, die sich ein Philosoph wünscht.

Einander nicht zuhören, nicht auf Argumente eingehen, nicht auf die gestellten Fragen antworten, ist langfristig keine gute Strategie. Das Publikum mag das nicht. Das höchste Ziel eines Gesprächs wäre es, dass man nachher ein anderer Mensch ist, vielleicht gar das Leben ändert. Das kann mit dem genannten Diskussionsverhalten mit Sicherheit nicht passieren. Politische Debatten in den Medien offenbaren eben immer auch, dass Politiker wiedergewählt werden wollen. Philosophen haben diesen Anspruch nicht. Also können sie am Ende einer Diskussion auch eher sagen: Sie haben mich überzeugt. Das macht sie glaubwürdig.

Wir leben heute in einer enorm komplexen Welt. Eigentlich kann sich der Einzelne mit seinen Visionen und Hoffnungen gegenüber den herrschenden Mechanismen nur verloren vorkommen. Wie nehmen Sie das wahr?

Ich verstehe diese Ohnmacht. Es ist für mich auch ein Riesenskandal, dass jeden Tag Tausende Kinder an den Folgen von Armut sterben. Gleichzeitig leben wir in der Idylle Schweiz. Wir sind sehr privilegiert. Ich bewundere, wenn Leute auf der Strasse für globale Gerechtigkeit demonstrieren oder sich in einem Entwicklungsland engagieren. Ich könnte das nicht, ich bin da wenig belastbar. Aber ich bin mir bewusst, dass wir auch denen etwas schulden, die weit weg sind von uns und denen es schlecht geht. Wir verursachen das ja auch mit, etwa durch un­seren Konsum.

Was kann die Philosophie im Angesicht dieser globalen Missstände bieten?

Viele Ungeheuerlichkeiten sind für uns nur Zahlen und emotional nicht wirklich nachvollziehbar. Der Verstand kann das korrigieren. Die Kunst der Perspektivenübernahme ist dabei zentral: dass man sich in andere Menschen hineinversetzt und sie so verstehen kann. Dass Migranten nicht einfach Fremde sind, die uns überrennen und uns unsere Kultur wegnehmen. So kann uns die Vernunft dazu bringen, uns für eine bessere Welt einzusetzen, obwohl wir hier vom Leiden emotional sehr distanziert sind.

Wie gehen Sie persönlich mit den Widersprüchen unserer Gesellschaft um?

Wir sind stark von der Angst getrieben. Das ist ein Grundgefühl unserer Gesellschaft. Die Welt ist hochkomplex und verändert sich rasant schnell. Was tun? Einfach die Augen zu schliessen und zu verdrängen, ist keine Lösung. Für mich besteht die grösste Herausforderung darin, wach zu sein und gelassen zu bleiben, die Übersicht zu behalten und die Zuversicht nicht zu verlieren. Zu wissen, wie schlecht und jämmerlich die Welt ist, aber dadurch nicht gelähmt zu werden und trotzdem handeln, lachen und geniessen zu können.

Können Sie mit Religion etwas anfangen?

Es ist für mich eine Frage der guten Argumente. Die Religion hört irgendwann mal auf zu argumentieren. Die Offenbarung sagt, es ist einfach so, und im spirituellen Bereich kann man oft nicht vermitteln, was man erfährt. Vielleicht könnte es auch sein, dass es Bereiche gibt, die mit dem Verstand nicht erfasst werden können, das lasse ich offen. Wenn schon, sympathisiere ich aber eher mit spirituellen Zugängen. Für Religion hingegen habe ich wenig Verständnis. Jemand behauptet etwas, und ich muss es glauben, das ist nicht mein Ding. Ich habe bis jetzt auch nicht wirklich ein überzeugendes Argument gehört, warum ich an Gott glauben soll. Hingegen gibt es viele Argumente dagegen.

Mit welchen Werten und Hal­tungen sind Sie aufgewachsen?

Mein Vater arbeitet in einem Ingenieurbüro. Gleichzeitig hat er eine musische Seite und ist an Philosophie interessiert, liest Schopenhauer und andere Denker. Er hat mir das Freigeistige und Musische vorgelebt. Von ­meiner Mutter habe ich eher die sportliche Seite. Ich habe schon früh Tennis gespielt. Als Kind und Jugendlicher habe ich praktisch nichts gelesen, auch im Deutschunterricht lief es nicht nur optimal. Ich habe lieber Sport und Musik gemacht. Erst mit 15 oder 16 habe ich Bücher zu lesen und viele Wissensgebiete zu verschlingen begonnen.

Wie verbringen Sie die Freizeit?

Ich spiele Klavier und habe lange in Bands gespielt. Ich liebe die eher jazzigen Sachen und improvisiere gerne für mich oder mit einem Kollegen. Regelmässig spiele ich Tennis und ab und zu Badminton. Mit Kollegen bin ich auch am Boule-Spielen, etwa beim Musikpavillon in Luzern. Da kommen Leute aus verschiedenen sozialen Ecken zusammen. Man trinkt ein Bier, spielt, diskutiert. Das hat etwas sehr Sinnliches und macht mir viel Spass.

Sie sind kürzlich Vater geworden.

Ja, unsere Tochter Yonna ist ein halbes Jahr alt. Seitdem bin ich recht eingespannt. Ein neuer Lebensabschnitt hat begonnen. Man schläft zwar etwas weniger, aber es macht viel Freude. Man entdeckt die Welt nochmals neu. Und man verliebt sich neu, in eine weitere Person. Das ist unglaublich schön. Wenn es einen Sinn des Lebens gibt, dann doch die Liebe.

Welche Beziehung haben Sie zu Luzern?

Ich habe noch die Familie und ein paar Freunde in Luzern. Ich treffe immer wieder Leute, wenn ich durch die Stadt gehe, in Zürich passiert mir das nie. In Luzern schätze ich besonders die Nähe zur Natur. Als ich in Deutschland studierte, habe ich das vermisst. Obwohl vieles eine schöne Fas­sade ist: Wenn man in der Schweiz aufgewachsen ist, hat man die Sehnsucht nach dieser Landschaft mit den Bergen einfach in sich drin. Das sind schon Wurzeln.

Yves Bossart: «Einfach die Augen zu schliessen und zu verdrängen, ist keine Lösung.» (Bild: Roger Grütter (Zürich, 29. Dezember 2016))

Yves Bossart: «Einfach die Augen zu schliessen und zu verdrängen, ist keine Lösung.» (Bild: Roger Grütter (Zürich, 29. Dezember 2016))

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