Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Neue Empfehlung des Kantons soll «Praktikanten-Ausbeutung» in Kitas stoppen

Zu lange und zu viele Praktika – und auf der anderen Seite zu wenig Lehrstellen: Die Ausbildungssituation in den Kitas steht in der Kritik. Das will der Kanton Luzern nun ändern – allerdings nur mit einer Empfehlung.
Martina Odermatt
Werden in Kitas weniger Praktikanten beschäftigt, steigen die Kosten. (Symbolbild: LZ)

Werden in Kitas weniger Praktikanten beschäftigt, steigen die Kosten. (Symbolbild: LZ)

Wer eine Lehre als Fachfrau oder Fachmann Betreuung in einer Kita machen wollte, musste bis anhin in der Regel ein Praktikum machen. Oft dauern diese Praktika ein Jahr, nicht selten auch zwei Jahre. Eine Lehrstelle ist dann aber noch nicht gesichert. Eine gesamtschweizerische Befragung hat 2018 ergeben, dass 85 Prozent dieser Lernenden vor Ausbildungsbeginn ein Praktikum von einem oder mehreren Jahren absolviert haben und somit nicht direkt in die Grundbildung einsteigen konnten.

Verschiedene Kantone nehmen dieses Problem nun an die Hand. Praktikantinnen und Praktikanten sollen so besser vor Ausbeutung geschützt werden. Im Kanton Luzern hat sich die Tripartite Kommission Arbeitsmarkt (TKA) den Einführungspraktika und Löhnen im ganzen Kanton angenommen. 2017 kontrollierte die Kommission 36 Kita-Betriebe. 23 dieser Betriebe zahlten ihren Praktikanten und Angestellten einen «missbräuchlichen» Lohn, wie die Kommission schreibt. Daraufhin wurden die Verantwortlichen der missbräuchlichen Betriebe an einen runden Tisch eingeladen. Fazit: «Der Sinn und Zweck eines zwölfmonatigen Praktikums erschliesst sich uns nicht. Unserer Meinung nach sieht man vor zwölf Monaten, ob ein Jugendlicher sich für den Beruf eignet», sagt Giuseppe Reo, Präsident der TKA. Und weiter:

«Praktikanten werden als billige Arbeitskräfte missbraucht, oft hat ihre Anstellung rein wirtschaftliche Gründe.»

Dieser Verdacht bestehe besonders dann, wenn mehr Praktikantenplätze angeboten würden, als dann Lehrstellen zu besetzen seien. Die TKA hat als Reaktion auf den runden Tisch eine Empfehlung «mit Weisungscharakter» verfasst. Diese lautet wie folgt:

  • Ein Einführungspraktikum darf die Dauer von sechs Monaten nicht überschreiten – ausser der Betrieb sichert den Ausbildungsplatz verbindlich zu. Dann darf das Praktikum um maximal sechs weitere Monate verlängert werden.
  • Die Gesamtdauer der Einführungspraktika beträgt demnach 12 Monate. Wird dies nicht eingehalten, gelten die Praktikanten als ungelernte Mitarbeiter und erhalten einen Monatslohn von mindestens 3000 Franken.
  • Die Probezeit wird auf einen Monat verkürzt.
  • Es sollen innerhalb der Kita nicht mehr Praktika als offene Lehrstellen im Folgejahr angeboten werden dürfen.
  • Den Mindestlohn für ein Einführungspraktikum hat die TKA auf 800 Franken angesetzt. Bezahlt der Betrieb das Mittagessen und kann die Praktikantin das Essen in einer Pause ohne Kinderbetreuung zu sich nehmen, kann ein Betrag von zehn Franken als Lohnbestandteil angerechnet werden.

Die Kriterien sind seit Januar definiert. Die Reaktionen der betroffenen Kitas fielen laut Reo unterschiedlich aus. «Ein Teil war offen für die Richtlinien, andere waren entsetzt, sagten, dass sie die Kita schliessen müssten, wenn sie nicht mehrere Praktikanten anstellen dürften.»

Was bedeuten diese Empfehlungen nun in der Praxis? Und wie verbindlich sind sie? Giuseppe Reo hofft, dass sich die Kitas an den Empfehlungen orientieren und ihre Organisation dementsprechend anpassen. Die TKA wird im ersten Halbjahr die Kitas vor Ort kontrollieren. «Wenn wir immer noch einen Missbrauch feststellen, gibt es eine Verwarnung», sagt Reo. Da es sich jedoch nicht um eine gesetzliche Grundlage handelt, sind der TKA ein Stück weit auch die Hände gebunden. «Wir können die Betriebe nicht mit Bussen bestrafen, aber wir können zum Beispiel anderen von dieser Kita abraten.» Doch der Präsident der Kommission zeigt sich auch realistisch:

«Bei allem, was man nicht verbindlich regelt, ist es eine Frage der Zeit, bis sich jemand nicht mehr daran hält. Das beste wäre, wenn man die Situation verbindlich und gesetzlich verankert.»

Verbände wollen gar noch weiter gehen. In einer gemeinsamen Mitteilung vom VPOD als Gewerkschaft, dem Branchenverband Kibesuisse und Zodas als Verband für die Ausbildung der Fachpersonen Betreuung ist gar vom Einstieg in die Berufslehre ohne Praktikum die Rede. Als eine Massnahme zur Reduktion der Praktikantinnen schlagen sie den Ausschluss dieser Stellen aus den Betreuungsschlüsselvorgaben vor.

Der Verzicht auf Praktikantinnen bringt jedoch ein altbekanntes Problem mit sich: die Kosten. Kibesuisse hat errechnet, dass durch den Ersatz der Praktikumsstellen mit Fachpersonen die Vollkosten der Betriebe um mindestens 20 Prozent steigen und somit auch die Elterntarife erhöht werden müssen. «Es braucht schlicht und einfach mehr finanzielle Mittel, um den Ersatz von unausgebildetem Personal durch ausgebildetes Personal finanzieren zu können», schreibt der Verband. Befragungen zeigten ausserdem, dass Verbandsmitglieder von Kibesuisse mehrheitlich auf Anstellungen von Praktikanten verzichten würden, wenn sie genügend finanzielle Mittel zur Verfügung hätten. Esther Müller, Geschäftsführerin Zodas spricht Klartext:

«Nun müssen die öffentliche Hand und die Wirtschaft Verantwortung übernehmen, damit die Finanzierbarkeit der Kinderbetreuung nicht weiterhin durch problematische Praktika auf Kosten von meist jungen Frauen gesichert ist.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.