Neue Gastro-App: Wie ein Luzerner Unternehmen enttäuschte Restaurantbesucher verhindern will

Mit der Visyt-App können Gäste ihr Essen vor dem Bestellen ansehen. Auch Kalorienangaben und Informationen zu Inhaltsstoffen sind abrufbar. Derzeit machen über 120 Gastronomiebetriebe mit – auch einige aus der Zentralschweiz.

Julian Spörri
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Unternehmer Jürgen Füllgraf scannt im Restaurant Varathans in Sursee einen QR-Code, um Bilder der Speisen anzusehen.

Unternehmer Jürgen Füllgraf scannt im Restaurant Varathans in Sursee einen QR-Code, um Bilder der Speisen anzusehen.

Bilder: Boris Bürgisser, 17. Februar 2020

«Hongkong» lautet der Name eines Gerichts im Restaurant Varathans in Sursee. Wer es bestellt, erhält ein Rindsentrecôte an roter Currysauce mit Basmatireis. «Bei einem solch speziellen Gericht haben viele Gäste kein Bild vor Augen», sagt der Restaurantinhaber Varathan. «Das gleiche Problem haben Touristen bei Schweizer Spezialitäten. Viele Asiaten kamen deshalb vor dem Bestellen zu uns in die Küche, um sich beispielsweise ein Fondue anzuschauen.»

Deshalb setzt Varathan auf eine App mit dem Namen Visyt. Gastronomen erhalten einen individuellen QR-Code für ihr Restaurant. Wenn der Gast diesen scannt, werden ihm Fotos und Informationen über Inhaltsstoffe und Kalorienangaben von jedem Gericht angezeigt. Mit einem Filter können die Gerichte nach glutenfreien oder vegetarischen Menus durchsucht werden. Restaurantbesucher können auch Kommentare abgeben und Gerichte bewerten.

Auf der Visyt-App sind Fotos und Informationen zu Inhaltsstoffen abrufbar.

Auf der Visyt-App sind Fotos und Informationen zu Inhaltsstoffen abrufbar.

Die Idee kam dem Entwickler in den Ferien

Hinter der App steckt das Unternehmen Visyt Digital AG mit Sitz in Luzern und einer Filiale in Oberkirch. Dort arbeiten derzeit fünf Personen, welche die Anfragen von Gastronomiebetrieben bearbeiten. Firmengründer und Entwickler der App ist der deutsche Wirtschaftsinformatiker Jürgen Füllgraf, der seit 1988 in Ruswil lebt. Die Idee kam ihm während eines Ferienaufenthalts im Oktober 2018 in Polen. «In einem Restaurant bekam ich ein Gericht serviert, das schlichtweg grausam aussah», sagt Füllgraf. «Ich fragte mich, wieso es nicht die Möglichkeit gibt, Speisekarten zu visualisieren.» 

Gesagt, getan. Seit September 2019 ist die App für Apple- und Android-Geräte erhältlich. Im App-Store wurde die Anwendung bis jetzt über 600 Mal heruntergeladen, für den Google Play Store liegen gemäss Füllgraf keine Zahlen vor. Die Funktionen können zudem über den Webservice genutzt werden. 

Für den Firmennamen wollte Füllgraf ein neues Wort kreieren. Herausgekommen ist Visyt – ein Gemisch aus den englischen Wörtern «visit» (besuchen) und «visualize» (visualisieren). «Mit dem App kann man Speisekarten visualisieren und so das Restaurant digital besuchen», erläutert Füllgraf die Idee.

Zwei Zentralschweizer Bergbahnen setzen auf die App

Die digitale Speisekarte steht bereits bei über 120 Restaurants im Einsatz – die meisten davon in der Schweiz oder in Deutschland, manche auch in Luxemburg, Spanien und Italien. In der Zentralschweiz setzen etwa drei Gastronomiebetriebe der Rigi-Bahnen und das Restaurant Pilatus-Kulm auf die App. Das Interesse vonseiten der Gastronomiebetriebe scheint also vorhanden – doch wäre es nicht einfacher, Fotos und Informationen zum Gericht auf die herkömmliche Speisekarte zu drucken? «In einem Restaurant, das 30 Gerichte anbietet, ist dies nicht realistisch, weil die Karte zu gross wird», erwidert Füllgraf. «Zudem ist es aufwändig, da bei jeder Menu-Änderung eine neue Speisekarte ausgedruckt werden muss, beispielsweise, wenn im Herbst die Wildsaison beginnt. Mit der App können wir darum auch Papier sparen.»

Die App ist sowohl für Nutzer und die Restaurants kostenlos und werbefrei. Die Finanzierung für die App funktioniert über Beteiligungsgesellschaften. Dabei kaufen Firmen Aktien der Visyt Digital AG, die rund 220 Franken pro Stück kosten. Die Pilatus-Bahnen unterstützen beispielsweise die Visyt Digital AG, und auch die Getränkehersteller Rivella und Coca-Cola bekundeten laut Füllgraf schon Interesse.

Geht es nach dem Willen von Füllgraf, soll das Unternehmen weiterwachsen. Als nächste Schritte werde die Anzahl der verfügbaren Sprachen ausgebaut – Koreanisch komme als Nächstes dazu. Neben sieben europäischen Sprachen kann die App bereits heute Menu-Informationen auf Chinesisch, Japanisch und Russisch übersetzen. Füllgraf betont aber, dass sich das Unternehmen nicht auf Asien ausbreiten werde, sondern sich auf den europäischen und amerikanischen Markt beschränke. Auf diesen Kontinenten hat Füllgraf auch die Patente für die QR-Code-Erfassung von Speisekarten angemeldet. Kürzlich hat das Unternehmen für den US-Markt zwei Vertriebsleute eingestellt.


Ruedi Stöckli

Ruedi Stöckli

Ruedi Stöckli: «Die Speisekarte stellt die Visitenkarte eines Restaurants dar»

Ruedi Stöckli ist Präsident des Verbands GastroLuzern, dem rund 700 Mitgliederbetriebe im Kanton Luzern angehören. Er führt das Landgasthaus Strauss in Meierskappel.

Herr Stöckli, benutzen Sie die App in Ihrem Restaurant bereits?

Nein, bis jetzt nicht. Ich finde die App aber eine sehr spannende Idee. Immer mehr Kunden wünschen sich Hintergrundinformationen zu den Gerichten, etwa zu den darin enthaltenen Allergenen. Für Serviceangestellte ist es schwierig, über alle Inhaltsstoffe Bescheid zu wissen, weshalb oft die Küche Auskunft geben muss. Die Digitalisierung könnte uns diesen Aufwand ersparen.

Das Anzeigen der Inhaltsstoffe ist nur eine Funktion. Die Gäste können sich vor dem Bestellen die Bilder von allen Gerichten ansehen.

Ehrlich gesagt würde mir persönlich die Funktion mit den Inhaltsstoffen genügen. Zwar arbeiten wir auch bei Dessertkarten schon lange mit Bildern. Wenn aber alle Gerichte mit Fotos hinterlegt werden, könnten Gäste unzufrieden sein, wenn das servierte Essen leicht anders aussieht. Für den Küchenchef ist es aber wichtig, dass er flexibel ist und zum Beispiel als Garnitur Rosmarin anstelle von Mayoran verwenden kann. 

Was denken Sie, wie viele Restaurants im Kanton Luzern Interesse an einer digitalen Speisekarte haben werden?

Von Berghütten oder traditionellen Lokalen ist die digitale Speisekarte wohl weniger gefragt. Aber für viele Gastronomiebetriebe kann sie eine Bereicherung sein, beispielsweise in Trendlokalen, wo viele junge Menschen verkehren, oder in Restaurants in Tourismusgebieten.

Könnte die ausgedruckte Karte vielerorts bald ganz ausgedient haben?

Ich sehe in der App eher ein ergänzendes Angebot. Die herkömmliche Speisekarte stellt die Visitenkarte eines Restaurants dar. Sie gehört zu jedem Haus, weil sie ein Signal nach aussen sendet. Ist das Papier verknittert oder sind Gerichte durchgestrichen, so erweckt dies einen schlechten Eindruck.

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