Jüdische Gemeinde in Luzern erhält Konkurrenz von neuer Bewegung

Die Bewegung Chabad hat sich im letzten Jahrzehnt als gewichtigste jüdische Gruppe der Zentralschweiz etabliert. Die alteingesessene Jüdische Gemeinde Luzern versteht sich indes weiterhin als einziger legitimer jüdischer Gebetsort.

Remo Wiegand
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Rabbi Chaim Drukman im Zentrum Chabad an der Pilatusstrasse. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern, 9. August 2018)

Rabbi Chaim Drukman im Zentrum Chabad an der Pilatusstrasse. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern, 9. August 2018)

Jacques Holtz ist heute 83 Jahre alt. Er wurde in Luzern geboren und wohnt noch heute hier, an der Guggistrasse im Luzerner Säli-Quartier. Holtz arbeitete erfolgreich als Textilunternehmer, er stattete die Schweizer Ski-Nati mit Sportkleidern aus und erfand die Mützen mit dem Schweizerkreuz. Selber trug Holtz öfters eine andere Kopfbedeckung: Als einer von rund 500 Juden und Jüdinnen in der Zentralschweiz besuchte er seit frühester Kindheit die jüdischen Gottesdienste und setzte sich vorschriftsgemäss eine Kippa auf.

«Kurz nach dem Krieg war die Synagoge jeweils brechend voll», erinnert sich Holtz. Als Familienvater engagierte er sich später im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Luzern (JGL) und sang im Synagogenchor mit. Vor 15 Jahren trat er aus der Gemeinde aus: «Die Ausrichtung gefiel mir nicht mehr. Es war nicht mehr meine Ideologie», sagt Holtz betont vorsichtig.

«Die Leute bei Chabad sind sehr tolerant»

Wenn Jacques Holtz zum Gottesdienst geht, dann tut er dies heuer in den Räumlichkeiten der jüdischen Chabad-Bewegung an der Pilatusstrasse (siehe Box). Hier finden regelmässige Sabbat-Feiern, Hebräisch- oder Talmudkurse oder sogenannte Lunch & Learn-Meetings statt. An normale Gottesdienste kommen zwischen 15 und 30 Personen, hohe Feste wie Jom Kippur locken aber schon einmal um die 150 Personen an. Der Erfolg komme nicht von ungefähr, findet Jacques Holtz: «Die Leute bei Chabad sind sehr tolerant.» Holtz schätzt die Freundlichkeit der Verantwortlichen, die in Luzern just ihre Arbeit aufnahmen, als er der JGL den Rücken kehrte.

Chabad ist eine weltweit operierende jüdische Bewegung mit Sitz in New York. Sie kommt modern und einladend daher, verbindet amerikanische Service-Mentalität mit traditioneller Frömmigkeit. Das Ganze erinnert an das Phänomen der christlichen Freikirchen. Wie diese vermag auch Chabad besonders stark bei «kirchenfernen» Juden zu punkten und diese mit ihrem professionell präsentierten Sinn- und Gemeinschaftsangebot zurück ins Boot zu holen. Dass dies innerjüdische Missionierung sei, wie Chabad öfter vorgeworfen wird, bestreitet der Rabbiner von Chabad Zentralschweiz, Chaim Drukman. Er habe noch nie jemanden zu dem jüdischen Glauben bekehrt. «Aber wenn jemand zu mir kommt und Fragen zu seinem jüdischen Glauben hat, ja, dann antworte ich ihm.»

«Im Zentrum steht die Freude an den Menschen, der Glaube an ihr Potenzial.»

Drukman, ursprünglich aus Israel und bald siebenfacher Vater, beachtet konsequent die 613 Gebote der Tora, darunter ethische Vorgaben, Essens- oder Hygienevorschriften. Das Regelwerk legt er auch seinen Glaubensgeschwistern ans Herz. «Wir brauchen Regeln, jeder braucht irgendwelche Grenzen um ein sinnvolles Leben zu leben», ist Drukman überzeugt. Zugleich bekennt er: «Ich bin auch nicht perfekt.» Genauso wie alle anderen sei er unterwegs auf dem jüdischen Pfad der Gottgefälligkeit. Bei Chabad werde denn auch niemand abgewertet, wenn er nicht alle Vorgaben des jüdischen Lebens erfülle. Denn im Zentrum stehe etwas anderes: «Es ist die Freude an den Menschen, der Glaube an ihr Potenzial», sagt Drukman begeistert. «Nur so können wir die Seelen der Menschen ansprechen.»

Ersatz für geschlossene Schule in Kriens

Weniger Seelen spricht die alteingesessene Jüdische Gemeinde Luzern an, die noch rund 40 Mitglieder zählt. Sie war zuletzt vom Konkurs und Aussterben bedroht, das Quorum von zehn männlichen Juden, die dem täglichen Gebet erst Gültigkeit verleihen, wurde immer wieder verfehlt. Vor 15 Jahren kam der Anwalt Meir Shitrit aus Israel nach Luzern, um das Ruder herumzureissen. Der Vizepräsident der Gemeinde sieht sich damit auf gutem Weg: Er hat die Finanzen stabilisiert, eine neue Website aufgeschaltet und auf die Bedürfnisse jüdischer Touristen abgestimmte Gästezimmer organisiert. Die Synagoge werde auch von vielen Touristen besucht. In deren Räumlichkeiten an der Bruchstrasse hat Shitrit die Talmud Hochschule Luzern aufgebaut. An der kleinen jüdischen Rechtsschule studieren rund 15 Schüler aus Israel, England oder der Schweiz Tora und Talmud. Die Hochschule füllt die Lücke der geschlossenen Krienser Talmudschule – und nebenbei verhalfen deren Studenten dem Gebet in der Synagoge wieder zur Gültigkeit. Die drei täglichen Gebete hätten aber sogar in den Sommerferien weiter stattfinden können, freut sich Shitrit.

Ein zweites Ziel, das Shitrit auch in unserer Zeitung formuliert hatte, konnte er indes nur teilweise erreichen: die Ansiedlung von drei bis fünf jüdischen Familien in Luzern, aus denen auch ein neuer Rabbiner rekrutiert werden sollte. Einen ortsansässigen Rabbiner könne sich die Gemeinde derzeit schlicht nicht leisten, bedauert Shitrit, ein Zürcher Rabbiner stünde der JGL aber mit Rat und Tat zur Seite. Neue jüdische Familien seien bislang deren zwei nach Luzern gezogen.

Kaum Interesse an einem «jüdischen Leben»

Das Problem sei, dass die ansässigen Juden kaum Interesse an einem «jüdischen Leben» in Luzern hätten, ihre Kinder zum Beispiel nicht in eine jüdische Schule schicken wollten, womit eine Infrastruktur fehle, die weiteren potenziellen Zuzügern Luzern schmackhaft machen würde. Dass die JGL Mitglieder vergrault hätte, indem sie in eine zu konservative Richtung abgedriftet sei, lässt Shitrit nicht gelten. «Wir sind offen, zu uns dürfen alle kommen.» Die Luzerner Synagoge bleibe aus seiner Sicht der einzige Ort der Zentralschweiz, wo das legitime jüdische Gebet abgehalten werde.

«Jude wird man nur, wenn die eigene Mutter jüdischen Glaubens ist.»

Ohne Chabad direkt zu nennen, verwehrt sich Shitrit aber gegen eine «Reduktion» des Glaubens. Jeder könne einen «Club» eröffnen, wo «jüdische Symbole und gutes Essen» serviert würden, das sei aber einfach keine orthodoxe Gemeinde. Die Tora akzeptiere beispielsweise keine gemischt-religiösen Paare, wenn andere diese Regel missachteten, sei das ihre Sache. «Jude wird man nur, wenn die eigene Mutter jüdischen Glaubens ist», führt Shitrit das Beispiel aus. «Wenn nun der Sohn einer Christin und eines Juden eine Bar Mitzwa möchte, erlauben das die jüdischen Regeln nicht.» Die Regeln für dieses Initiationsritual, das der christlichen Firmung ähnelt, könnten nicht einfach geändert werden. Die JGL zeichnet sich auch bis heute für das jüdische Gräberfeld verantwortlich, auf dem de facto nur dessen Angehörige bestattet werden. «Es gibt heute auch Juden, die sich kremieren lassen. Das widerspricht aber den Vorgaben einer jüdischen Bestattung», sagt Shitrit.

Fürs Begräbnis nach Winterthur

Um was geht es im Judentum im Kern? Um eine Sammlung tradierter Texte und unverbrüchlicher Gebote – oder um ein religiöses Familien-Freizeitangebot, das den Bedürfnissen der Gläubigen entgegenkommt? Jacques Holtz zumindest hat sich für letzteres entschieden. Was seine letzte Reise angeht, hat er vorgesorgt und sich die Mitgliedschaft bei der liberalen Israelitischen Gemeinde von Winterthur gesichert. Dort wird er, der immer in Luzern wohnte, dereinst auch begraben werden, getreu den jüdischen Vorgaben.

Chabad hat ihre eigene Synagoge

Vor ziemlich genau einem Jahr hat die jüdische Bewegung Chabad ihre neuen Räumlichkeiten in Luzern eingeweiht. Sie befinden sich zentral gelegen an der Pilatusstrasse. Die Räumlichkeiten beinhalten eine «social hall» mit Platz für bis zu 150 Personen, einen Kinderraum, Büroräume sowie den Gebetsraum mit Platz für knapp 100 Personen. Für Chabad entspricht der Gebetsraum einer Synagoge, ein legitimer, nicht geschützter Begriff – wie wohl auch nur von einem «Minjan», einer Betgemeinde, gesprochen werden kann. Auch in Zug verfügt Chabad zentral hinter dem Metalli über einen Ableger, an dem gelehrt und studiert, nicht aber gebetet wird. Chabad deckt seine Raum- und Personalkosten einzig über Spenden ihrer Anhänger. Diese leisten vielfach auch Freiwilligenarbeit und besuchen zum Beispiel Angehörige jüdischen Glaubens im Spital.

Chabad ist eine weltweite operierende jüdisch-chassidische Bewegung, die vor 200 Jahren in Russland entstanden ist. Sie zeichnet sich durch einen hohen moralischen Anspruch sowie mystische Züge aus. Anhänger beziehen sich neben der Tora auf das Buch Tanja ihres Gründervaters Rabbi Schneur Salman sowie auf die Aussagen seiner Nachfolger, die sie als «Rebbe» verehren. Der letzte Rebbe, der 1994 verstorbene Rabbi Schneerson, verblieb allerdings ohne Nachfolger. Er hatte keine Kinder und damit keinen natürlichen Stammhalter. Schneerson wurde von einigen Anhängern als der angekündigte Messias verehrt, den die Juden erwarten. Darüber kam es in der Folge zu starken Kontroversen, die «Meschichisten» (Messianisten) erlangten aber nie die Mehrheit innerhalb der Chabad-Bewegung.

RELIGION: Luzerner Juden am Wendepunkt

Die Jüdische Gemeinde Luzern will sich nach stetigem Mitgliederschwund wieder aufrappeln. Doch viele sind mit der streng orthodoxen Ausrichtung nicht einverstanden.
Robert Knobel