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Neue Leiterin der Luzerner Gassenarbeit will Partygänger in den Fokus rücken

Mit Franziska Reist leitet erstmals eine Frau die kirchliche Luzerner Gassenarbeit. Sie mag «spezielle» Menschen, hasst Ungerechtigkeiten – und will die soziale Institution teilweise neu ausrichten.
Christian Tschümperlin
Franziska Reist (51) in der Gassechuchi am Luzerner Geissensteinring. Bild: Nadia Schärli (8. Oktober 2018)

Franziska Reist (51) in der Gassechuchi am Luzerner Geissensteinring. Bild: Nadia Schärli (8. Oktober 2018)

Franziska Reist freut sich, dass es ihr zugetraut wird, so viel Verantwortung zu übernehmen. Andererseits hat sie auch Respekt davor. Sie ist die erste Frau und die erste Nicht-Theologin, die zur Geschäftsleiterin der kirchlichen Gassenarbeit Luzern berufen wurde. Seit dem 1. Oktober leitet sie die soziale Institution, welche die Gassechuchi und weitere Anlaufstellen für Menschen mit Drogen- oder sozialen Problemen betreibt.

«Predigen werde ich zwar nicht, das übernimmt unser Seelsorger Franz Zemp», sagt sie mit einem Augenzwinkern. Die 51-Jährige hat aber durchaus den Anspruch, die Gassenarbeit ebenso gut zu führen, wie dies ihre Vorgänger, die Theologen Sepp Riederer und Fridolin Wyss, taten. Nicht zuletzt teilt sie deren Werte: Reist hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, ein humanistisches Weltbild und ihr sind Wertschätzung und Respekt wichtig.

Für Frauen ist die Szene besonders schwierig

Dieser Umstand bringt es mit sich, dass sie auf Ungerechtigkeiten wütend und auch ein wenig ohnmächtig reagiert. Gerade Frauen hätten es oft nicht leicht, im Milieu der Randständigen – wobei Reist den Begriff eigentlich nicht mag, sie spricht lieber von Klienten. Denn: Frauen sind oft nicht nur von Drogen abhängig, sondern zum Beispiel auch von Freiern, bei denen sie wohnen. Auf die Frage, ob man «den Klienten» auf der Strasse Geld geben soll, sagt sie: «Dass muss jeder für sich entscheiden.» Man müsse damit rechnen, dass sie sich damit auch Drogen kauften. Doch immerhin müssten sie nicht stehlen oder sich selbst verkaufen. Reist verweist auch auf die Möglichkeit der Bons. Diese kann man in der Gassechuchi dann gegen ein Essen eintauschen.

Reist ist studierte Sozialarbeiterin sowie Sozialpädagogin und blickt auf 20 Jahre Erfahrung in der Sozialarbeit zurück. Von 2002 bis 2010 arbeitete sie bei der Jugend, Eltern- und Suchtberatung in Langenthal, 2010 wurde sie zur Regionalleiterin Langenthal-Burgdorf und baute ein Methadon-Programm mit auf. Ab 2015 war sie Betriebsleiterin der Luzerner Gassechuchi.

«Ich habe Leute, die speziell
oder aussergewöhnlich sind,
einfach sehr gerne.»

«Ich habe viele gute Erinnerungen», sagt Reist. An kaum einen Ort komme so viel Originalität zusammen wie in der Gassechuchi. Während des Interviews spielt gerade die Gassemusik mit teils schrägen, teils harmonischen Klängen im Vorgarten der Gassechuchi. Letztes Jahr bestritt die Institution eine Ausstellung mit Bildern ihrer Klienten, die teilweise auch verkauft wurden. «Ich habe Leute, die speziell oder aussergewöhnlich sind, einfach sehr gerne», sagt die gebürtige Bernerin mit einem entwaffnenden Lächeln. Vermutlich müsse man dafür selbst ein wenig speziell sein.

Gassenarbeit ist professioneller geworden

Die Luzerner Gassenarbeit, die von der katholischen, reformierten und christkatholischen Kirche getragen wird, existiert seit 35 Jahren. In der Pionierphase unter Sepp Riederer wurde in der Sozialarbeit Privatleben und Arbeit weniger stark getrennt. «Dass man einem Klienten, der gerade durch eine schwierige Phase geht, bei sich zu Hause übernachten lässt, das gibt es heute nicht mehr», sagt sie. Auch ihr selbst ist die Abgrenzung vom Beruf wichtig. Reist wohnt in Bern. Ebendiese Professionalisierung setzte unter Fridolin Wyss ein. Das brachte eidgenössisches Qualitätslabel im Sozialbereich wie «Qua The Da» (Abkürzung für Qualität, Therapie, Drogen, Alkohol) zwangsläufig mit sich.

«Die offene Drogenszene ist heute weitestgehend verschwunden, was auch Institutionen wie der unsrigen zu verdanken ist.»

Die Branche konnte zunehmend Fachleute für die Betreuung von armuts- und suchtbetroffenen Menschen gewinnen. «Die offene Drogenszene ist heute weitestgehend verschwunden, was auch Institutionen wie der unsrigen zu verdanken ist», sagt Reist. Dass Nicht-Konsumierende in der Gassechuchi mit Drogen in Kontakt kommen, schliesst Reist aus. «Wir führen immer ein Aufnahmegespräch.» Die einzigen Nicht-Konsumierenden seien ehemalige Abhängige oder Besucher aus der Zeit, bevor die Konsumräume im Gebäude der Gassechuchi integriert wurden.

Künftig wird sich der Fokus von der klassischen Drogenszene in ein Milieu verschieben, in dem Menschen Drogen nur am Wochenende und während Partys konsumieren. «Wir sind dabei, unsere Fühler in diese Richtung auszustrecken», sagt Reist. Ihr sei es nämlich wichtig zu spüren, wo der Bedarf ist und wo man künftig handeln müsse. Das Problem: Die Partydrogenszene ist nur schwer erreichbar, weil sich diese Leute lange unauffällig verhalten. Reist freut sich trotzdem auf die kommende Aufgabe. «Ich bin jemand, der die Herausforderung liebt.»

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