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Interview

Neue Luzerner Gefängnis-Direktorin im Interview: «Die Haftbedingungen sind zumutbar.»

Andrea Wechlin (46) leitet seit 100 Tagen die Justizvollzugsanstalt Grosshof in Kriens. Sie spricht über den Spardruck, überbelegte Zellen – und was «ihr» Gefängnis von anderen abhebt.
Niels Jost
«Die ersten Monate waren intensiv»: Andrea Wechlin ist seit September Direktorin der Justizvollzugsanstalt Grosshof. (Bild: Pius Amrein (Kriens 30. November 2018))

«Die ersten Monate waren intensiv»: Andrea Wechlin ist seit September Direktorin der Justizvollzugsanstalt Grosshof. (Bild: Pius Amrein (Kriens 30. November 2018))

Nach über 15 Monaten Vakanz hat das grösste Gefängnis des Kantons Luzern per 1. September dieses Jahres wieder eine Direktorin erhalten: Andrea Wechlin. Seither führt die 46-Jährige die Justizvollzugsanstalt (JVA) Grosshof in Kriens mit ihren 60 Mitarbeitern und 120 Plätzen. Pro Jahr verzeichnet das Gefängnis je rund 750 Ein- und Austritte. Sprich: In Kriens werden häufig auch kurze Haftstrafen abgesessen.

Wechlin folgte auf den langjährigen Direktor Hanspeter Zihlmann, der Anfang Mai 2017 wegen «unterschiedlicher Auffassungen in Bezug auf die Führung, Weiterentwicklung und die künftige Positionierung» der JVA Grosshof den Posten räumte. Bis zu Wechlins Stellenantritt führte Stefan Weiss, Leiter der Dienststelle Militär, Zivilschutz und Justizvollzug, den «Grosshof» ad interim.

Andrea Wechlin, wie haben Sie die ersten drei Monate als Direktorin des grössten Luzerner Gefängnisses erlebt?

Sehr intensiv und spannend. Zuerst musste ich mich an den speziellen Arbeitsort «Gefängnis» gewöhnen. Gleichzeitig war ich als neue Direktorin von der ersten Minute an gefordert, in einem für mich noch neuen Tätigkeitsbereich Entscheidungen zu fällen.

Ihnen scheint das Thema Gewalt zu liegen. Schliesslich hatten Sie schon bei Ihren früheren Tätigkeiten damit zu tun: als Leiterin der kantonalen Fachstelle Koordination Gewaltprävention sowie
als Co-Leiterin des Frauen­hauses Luzern.

Gewalt ist für mich nach wie vor ein spannendes und komplexes Phänomen mit ganz unterschiedlichen Facetten. Deshalb war es mir in meinen bisherigen beruflichen Tätigkeiten keinen Tag langweilig. Bereits während meiner Ausbildung zur Sozialarbeiterin vor vielen Jahren faszinierte mich das Thema unter anderem auch aus der Täterperspektive. Gleichzeitig fordert das Thema Gewalt einen auch ganz persönlich immer wieder heraus.

Haben Sie denn als Gefängnis-Direktorin überhaupt Kontakt zu den Gefangenen?

Ich bin viel unterwegs, intern wie extern. Sei es innerhalb der JVA Grosshof auf den Abteilungen Untersuchungshaft oder Vollzug. Man trifft mich aber auch in der Küche, im Gesundheitsdienst oder an den Arbeitsstätten der Gefangenen an. Hinzu kommt die externe, enge Zusammenarbeit mit der Dienststelle oder den zehn weiteren Konkordatskantonen der Nordwest- und Innerschweiz.

Die JVA Grosshof stand in den vergangenen Monaten mehrfach in den Schlagzeilen. Da war der abrupte Abgang Ihres Vorgängers, eine Administrativuntersuchung wurde durchgeführt, und die JVA bekam den Spardruck des Kantons zu spüren. Haben Sie davon etwas bei Ihrem Stellenantritt mitbekommen?

Ich wurde sehr offen und herzlich in einem funktionierenden Betrieb empfangen. Zu dem, was vorher vorgefallen ist, kann ich nichts sagen, da ich noch nicht im Amt war. Fakt ist: Wir haben viele langjährige engagierte Mitarbeiter, was auch ein Zeichen dafür ist, dass vieles gut läuft.

Spüren Sie den Spardruck noch?

Das ist bei uns nicht viel anders als in anderen Verwaltungsabteilungen. Aber ja, der Spardruck ist spürbar.

Inwiefern?

Mitarbeiter erkundigen sich etwa, wie sich die Rahmenbedingungen verändern werden, ob sie weiterhin mehr Stunden leisten müssen. Sparen müssen wir zum Beispiel auch ganz konkret bei der Verpflegung. Unsere Gefangenen erhalten drei Mal täglich eine Mahlzeit. Hier sind wir angehalten, günstiger zu kochen.

Gefängnis-Direktorin Andrea Wechlin in ihrem Büro im «Grosshof» in Kriens. (Bild: Pius Amrein, 30. November 2018)

Gefängnis-Direktorin Andrea Wechlin in ihrem Büro im «Grosshof» in Kriens. (Bild: Pius Amrein, 30. November 2018)

Der «Grosshof» war in den vergangenen Jahren häufig überbelegt. Mit der Inbetriebnahme der Erweiterung in diesem Jahr wurde die Platzzahl schrittweise um 23 auf 120 erhöht. Hat sich seither die unbefriedigende Haftplatzsituation verbessert?

Ja. Zwar gibt es immer noch Zellen, welche mehrfach besetzt sind, aber nicht mehr in dem Ausmass, wie vorher. Mehr kann ich dazu aber nicht sagen, da zu diesem Thema noch ein Vorstoss im Kantonsparlament hängig ist.

«Um eine hohe Wirtschaftlichkeit zu erreichen, braucht jedes Gefängnis eine hohe Auslastung.»

Ist es denn überhaupt zumutbar, wenn ein Gefängnis dauernd über 90 Prozent ausgelastet ist?

Um eine hohe Wirtschaftlichkeit zu erreichen, braucht jede JVA eine hohe Auslastung. Damit bewegen wir uns im vorgegebenen Rahmen. Die Haftbedingungen sind zumutbar – im «Grosshof» sind sie sogar fortschrittlicher als in anderen Institutionen.

Wie meinen Sie das?

In der Untersuchungshaft ist man in der Regel 23 Stunden eingeschlossen. Im Kanton Luzern haben wir bei der U-Haft schon lange ein Stufenprogramm: Je nach Aufenthaltslänge und Situation wird eine inhaftierte Person, sofern die entsprechende Bewilligung der Staatsanwaltschaft vorliegt, schnellstmöglich in Gemeinschaftshaft untergebracht. Damit kann sie innerhalb der JVA auch einer Arbeit nachgehen und Geld verdienen, um persönliche Auslagen zu bezahlen. Damit tragen wir zu einer stabilisierenden Tagesstruktur bei.

Damit sprechen Sie eine Grundsatzdebatte an: Manche sagen, in der Schweiz herrsche eine «Kuschel­justiz» und Gefangene hätten es zu schön in den Gefängnissen. Andere wiederum halten lange Haftstrafen für kontraproduktiv für die Resozialisierung. Wo stehen Sie?

Ich stelle immer wieder fest, dass in der Bevölkerung wenig Wissen zum heutigen Justizvollzug vorhanden ist und es ganz unterschiedliche Erwartungen an ihn gibt. Unsere Aufgabe ist es, gesetzeskonforme und faire Bedingungen bereitzustellen. Es ist nicht unser Auftrag, Gefangene noch zusätzlich zu bestrafen. Ihre Strafe ist der Freiheitsentzug.

«Das Gefängnis hat nichts mit Luxus zu tun.»

Also doch eher Luxus?

Wenn jemand für kürzere oder längere Zeit seine Tage nicht selber gestalten kann, sondern 24 Stunden pro Tag fremdbestimmt wird, hat das nichts mit Luxus zu tun. Die JVA Grosshof ist und bleibt ein Gefängnis. Als moderne Institution bieten wir ein funktionales und adäquates Angebot für die verschiedenen Haftformen an.

Gleichzeitig ist es das Ziel, die Delinquenten zu resozialisieren. Gelingt Ihnen das?

Im «Grosshof» vollziehen wir viele Kurzfreiheitsstrafen, also Strafen für Personen, welche nur zehn, zwanzig Tage in Haft sind. In solch kurzer Zeit ist es kaum möglich, die Weichen neu zu stellen. Unsere Aufgabe besteht dann darin, die Person gesundheitlich und psychisch stabil durch den Aufenthalt zu begleiten und ihr einen guten und geregelten Austritt zu ermöglichen.

Im Wissen, dass dieselbe Person wenige Monate später wieder im «Grosshof» landet? Ist das nicht ernüchternd?

Das ist leider bei einigen Personen die Realität. Persönlich hilft es dabei zu wissen, wo auch die Grenzen unserer Arbeit liegen.

Wohin wird das führen? Welches sind die künftigen Herausforderungen im Justizvollzug?

Die Pflege älterer Insassen wird immer mehr zum Thema. Da gehen wir mit der gesellschaftlichen Entwicklung mit – mit dem Unterschied, dass ein Gefängnis eine komplexe Institution ist. So können wir eine neu inhaftierte, pflegebedürftige Person nicht in jedem Fall sofort in ein Gefängnis mit einer geeigneten Altersabteilung verlegen, da diese Plätze häufig belegt sind. In solchen Situationen sind unsere Mitarbeiter entsprechend gefordert.

Braucht es denn mehr Personal, um solche Fälle abfangen zu können?

Hier befinden wir uns im Interessenskonflikt. Die Gesellschaft wünscht sich mehr Sicherheit, gleichzeitig darf diese nicht mehr kosten.

Hinweis: Andrea Wechlin (46) ist seit 1. September Leiterin der Justizvollzugsanstalt Grosshof in Kriens. Wechlin ist ausgebildete Sozialarbeiterin und hat diverse Weiterbildungen absolviert. Zuvor leitete sie die kantonale Fachstelle Koordination Gewaltprävention und war Co-Leiterin des Frauenhauses Luzern. Andrea Wechlin wohnt in der Stadt Luzern.

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