Neue Präsidentin des Luzerner Detaillistenverbands: Von der Juristin zur Metzgereimitinhaberin

Martina Stutz präsidiert als erste Frau den kantonalen Detaillistenverband. Sie kennt die Sorgen der Mitglieder, aber auch ihre Chancen.

Roseline Troxler
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Martina Stutz, Präsidentin des kantonalen Detaillistenverbands, in ihrer Metzgerei in Bertiswil.

Martina Stutz, Präsidentin des kantonalen Detaillistenverbands, in ihrer Metzgerei in Bertiswil.

Bild: Philipp Schmidli, (Rothenburg, 13. Dezember 2019)

Die Metzgerei Stutz in Rothenburg ist weitherum bekannt – gerade auch, weil sie noch selber schlachtet. Wer den Laden betritt, sieht die vielen Fleischprodukte in der breiten Auslage. Es sind aber auch Milchprodukte, Teigwaren, Gemüse oder Getränke zu finden. Die Bertiswiler Metzgerei wird von Richard Stutz in dritter Generation geführt. Mit der Heirat vor 17 Jahren ist auch Martina Stutz-Aregger in den Familienbetrieb eingestiegen. «2021 feiern wir das 100-Jahr-Jubiläum», sagt die Rothenburgerin, welche seit Juni den Detaillistenverband des Kantons Luzern (DVL) präsidiert.

Wer den Lebenslauf der 44-Jährigen liest, staunt: Bei der Metzgereimitinhaberin handelt es sich um eine ausgebildete Juristin. «Während des Studiums lernte ich meinen Mann kennen. Es war uns bald klar, dass wir das Geschäft gemeinsam führen möchten», erklärt sie. Zugute sei ihr gekommen, dass sie sich das Studium mehrheitlich durch eine Stelle in der Küche des Campings Seeland bei der Familie Herzog in Sempach verdiente. «Ich lernte damals sehr viel über den Ablauf in einer Küche oder die Zubereitung von grossen Essensmengen für den Partyservice.» Um dieses Wissen sei sie heute noch dankbar.

«Das Studium hat mir ein Netzwerk ermöglicht»

Obwohl sie ihre Jus-Kenntnisse in der Metzgerei kaum brauche, habe ihr das Studium manche Türen geöffnet. «Ich wurde deshalb für den Gewerbe- und Industrieverein Rothenburg-Rain angefragt und durfte 2013 die Gewerbeausstellung in Rothenburg präsidieren», erklärt Stutz, die auch Verwaltungsrätin der Raiffeisenbank Rothenburg ist. «Das Studium hat mir ein Netzwerk ermöglicht. Alles haben, also Beruf, Geschäft, Familie und weitere Ämter, kann man halt schlicht nicht», meint die Mutter zweier Töchter im Alter von 12 und 14 Jahren.

Martina Stutz stammt zwar nicht aus einer Detaillistenfamilie, identifiziert sich heute aber durch und durch mit den Ladenbesitzern. Sie sagt:

«Ich bin stolz, dass ich zur ersten Präsidentin des DVL gewählt wurde.»

Vor einigen Monaten habe sie eine Anfrage ihres Vorgängers Heinz Bossert erhalten und gleich Interesse gehabt. Die ersten Monate waren eine interessante Zeit, wurde doch über neue Ladenöffnungszeiten debattiert.

Martina Stutz, welche schnell und frisch von der Leber spricht, ist froh, dass das Luzerner Kantonsparlament bei den Ladenöffnungszeiten jüngst einem Kompromiss mit grosser Mehrheit zugestimmt hat. Die Läden sollen werktags eine halbe Stunde und am Samstag eine Stunde länger öffnen dürfen. Dafür fällt ein Abendverkauf pro Woche weg. Grosse Geschäfte wollten eine weitergehende Lockerung erreichen. Die Präsidentin des Detaillistenverbands betont: «Der Kompromiss zwischen den Sozialpartnern ist eine gute Lösung. Beide Seiten sind einen Schritt aufeinander zugegangen.» Ganz in trockenen Tüchern ist die Änderung nicht, da das Referendum noch ergriffen werden kann.

Direkter Kundenkontakt ist das A und O

Martina Stutz und ihr Mann Richard wissen, was es heisst, vom Morgen bis Abend und am Samstag im Laden zu stehen, sagt aber: «Es ist entscheidend, dass wir Detaillisten den Kunden persönlich bedienen. So punkten wir gegenüber den Grossen.» Auch Freundlichkeit, die heute vielerorts auf der Strecke bleibe, sei zentral. Da der direkte Kundenkontakt das A und O ist, haben ihr Mann und sie sich gegen ein zweites Geschäft entschieden, obwohl es Anfragen gab.

Martina Stutz lebt mit ihrer Familie, den Familien ihrer Schwägerinnen und dem Schwiegervater direkt oberhalb der Metzgerei in Bertiswil. Jeden Morgen bereitet sie das Frühstück und das Mittagessen für die Mitarbeiter und die Familie zu.

«Es gefällt mir, wenn wir jeweils zu zehnt am Tisch sitzen. Da lohnt sich das Kochen.»

Auch die Mutter von Martina Stutz arbeite in Küche und Haushalt mit. Die Arbeit im Familienbetrieb brauche Toleranz. «Man muss die Personen so nehmen, wie sie sind. Macken hat jeder, und ich bin froh, dass auch über meine hinwegsehen wird.» Sie habe Glück gehabt und sei mit offenen Armen empfangen worden. Doch die Präsidentin des DVL weiss, dass gerade der Generationenwechsel oftmals zu Konflikten führen kann, etwa wenn die Jungen in die Rolle gedrängt werden oder die Älteren nicht loslassen könnten. «In diesen Fällen können wir als Verband vermitteln.»

Junge Familien gehen gerne in die Dorfmetzgerei

Auch wenn in den letzten Jahren viele Metzgereien das Licht löschten, ist Martina Stutz optimistisch. Eine Chance sieht sie im grösseren Bewusstsein für Nachhaltigkeit. «Eine wachsende Zahl an jungen Familien kommt mit ihren Glasschalen bei uns einkaufen», sagt Stutz und ergänzt: «Die Bauern der Höfe rund um Rothenburg bringen ihre Tiere zu uns. So sorgen wir für kurze Transportwege, teils marschieren die Tiere gar nach Bertiswil.» Martina Stutz kauft selber wann immer möglich in Rothenburg ein. 

«Wir Detaillisten unterstützen uns gegenseitig.»

Als Präsidentin des DVL will Stutz die Märkli wieder stärken. Es handelt sich dabei um Treuebons, die bei vielen Detaillisten abgegeben und beim nächsten Einkauf eingesetzt werden können. Ihr Image könnte als altbacken bezeichnet werden, doch für Martina Stutz sind sie Kult. «Ziel ist es, dass noch mehr Mitglieder die Märkli abgeben.» Stutz’s Vorgänger Heinz Bossert hat die Märkli gross lanciert und den DVL geprägt: «Ohne ihn hätte der Verband heute nicht diese Bedeutung. Heinz Bossert hat sich immer klar positioniert und war an vorderster Front mit dabei.»

Mit dem DVL-Geschäftsführer Rolf Bossart will Martina Stutz im neuen Jahr bei möglichst vielen Detaillisten persönlich vorbeigehen. Der Verband zählt aktuell über 500 Mitglieder. Geprüft werde für die Märkli auch ein neuer Vertriebskanal wie eine App.

«Die Digitalisierung wird von vielen Detaillisten als Gefahr gesehen. Doch ich bin überzeugt, dass sie auch Chancen bietet.»

Einem Trend folge immer auch ein Gegentrend.

Freizeit ist bei Martina Stutz rar, aber sie betont: «Ich will nicht jammern. Wir geniessen dafür die freien Tage viel bewusster.» Die Familie sei im Sommer gerne in der nahen Natur unterwegs und im Winter auf dem Stoos.

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