Neues Buch vermittelt einen emotionalen Zugang zu 21 Schweizer Bräuchen

Vier Autorinnen und eine Luzerner Fotografin haben einen etwas anderen Reiseführer geschaffen.

Susanne Balli
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Lichterschwemme in Ermensee. (Bild: Dominique Rosenmund)

Lichterschwemme in Ermensee. (Bild: Dominique Rosenmund)

Die bevorstehende Zeit um Advent, Weihnachten und Neujahr ist reich an Bräuchen. Doch in der Schweiz ist gelebtes Brauchtum das ganze Jahr hindurch zu finden. Neben bekannten wie der Luzerner Fasnacht, dem Sechseläuten oder dem Silvesterchlausen gibt es zahlreiche lokale Brauchtümer, die nur jene kennen, die sie aktiv leben.

Das neu erschienene Buch «Tanzende Tannen: Eine wilde Reise durchs Schweizer Brauchtum» widmet sich vor allem diesen kleinen und eher unbekannten Trouvaillen. Die Luzerner Fotografin und Leiterin eines Brauchtumsshops Dominique Rosenmund hat während Jahren Bräuche fotografiert. Dabei kam eine umfangreiche Sammlung an Bildern zusammen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Sibylle Gerber entstand die Idee für ein etwas anderes Buch über die Vielfalt des gelebten Brauchtums in der Schweiz. Sibylle Gerber ist Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin im Historischen Museum Luzern und kam immer wieder mit diesem Thema in Berührung.

Vier Frauen aus einem städtischen Umfeld

«Wir wählten schliesslich 21 Bräuche aus, die uns besonders zusagten. Es ist auf jeden Fall eine sehr persönliche Auswahl», erklärt Sibylle Gerber. Darunter zu finden sind unter anderem der Rigi-Schwinget, die Kästeilet (Justistal BE), die Schlitteda (Engadin), die Sagra del Pesce (Muralto TI) oder die Tschäggättä (Lötschental).

Für die Umsetzung holten Gerber und Rosenmund die beiden Journalistinnen Karin Britsch und Stephanie Hess mit ins Boot. «21 Bräuche zu ergründen, sie vor Ort zu erleben und zu beschreiben, war eine grosse Aufgabe. Diese konnte ich alleine innert nützlicher Frist nicht bewältigen», erklärt Gerber. So wurde das Buch ein Projekt dieser vier Frauen, die sich schon vorher privat kannten und befreundet sind. «Wir sind alles Städterinnen, wohnen in Luzern, respektive Zürich, und hätten nie gedacht, was uns da an Vielfalt erwartet.»

Sie dachten denn zuerst auch eher an ein städtisches Zielpublikum. Doch nun sei das Buch für all jene, welche die Vielfalt der Bräuche einmal von einer anderen Seite her kennen lernen wollen. «Es ging uns weniger darum, den Ursprung der Bräuche zu beleuchten. Das ist oftmals sehr schwierig, denn jede involvierte Person erzählt wieder eine andere Entstehungsgeschichte. Zudem sind viele Bräuche über Jahrhunderte eingeschlafen, wurden wieder belebt und veränderten sich», sagt Gerber. Vielmehr verfolgten die Autorinnen einen emotionalen und beschreibenden Zugang. Wie in einem Reiseführer gibt es dazu praktische Infos, beispielsweise eine Landkarte und Notizen, wann und wo die Brauchtümer erlebt werden können.

Gestandene Männer mit Augenwasser

Sibylle Gerber ist in keinen Brauch persönlich involviert, sondern lebt eher Familientraditionen. Dennoch hat sie im Silvesterchlausen in Urnäsch ihren Lieblingsbrauch gefunden. «Dabei wird das Zäuerlen praktiziert. Dieser Naturjodel ohne Worte ist sehr ergreifend», sagt sie. Es schwinge Melancholie mit – grossen gestandenen Männern komme manchmal beim Zäuerle das Augenwasser.

Wie lebendig zahlreiche Bräuche sind, erfuhren die Autorinnen bei ihren Recherchen vor Ort: «Wir dachten zuerst, dass nur die älteren Menschen die Bräuche pflegen, und waren extrem überrascht, wie sehr die jungen Leute mitmachen. Die Bräuche, welche wir im Buch beschreiben, sind alle sehr lebendig und aktuell.» Gerber erklärt sich dies auch damit, dass sich im digitalen Zeitalter viele Menschen wieder vermehrt nach Heimatgefühlen und Gemeinschaftserlebnissen sehnen.

Ein Brauch, der im Buch beschrieben wird, und der vor allem auch von Kindern und jungen Leuten gepflegt wird, ist die Lichterschwemme in Ermensee, die jeweils am 6. März stattfindet. Die Dorfkinder lassen nach Eindunkeln zusammen mit ihren Eltern, Grosseltern und der Dorfbevölkerung hölzerne Schiffchen mit brennenden Kerzen, Kreuzen, heidnischen Bögen und treppenartigen Kunstwerken den Aabach runterfahren. «Ruhig, unspektakulär, schön», wird der Brauch der Lichterschwemme beschrieben.

Immer am 6. März wird in Ermensee der Aabach durch unzählige Lichter erhellt. (Bild: Dominique Rosenmund)

Immer am 6. März wird in Ermensee der Aabach durch unzählige Lichter erhellt. (Bild: Dominique Rosenmund)

Über Ermensee hinaus ist er nicht gross bekannt. «Niemand weiss genau, seit wann und warum die Kinder in Ermensee Lichter tanzen lassen», heisst es. Ist der Brauch heidnischen Ursprungs und wurde von den Bauern praktiziert, um die Wassergötter zu besänftigen und ihre Ländereien vor Überschwemmungen zu schützen? Oder wurde in Ermensee das Licht wortwörtlich bachab geschickt, weil im März die Tage wieder länger und die Nächte kürzer werden? Die passende Antwort darf nach der Lektüre jeder für sich selber finden.

Hinweis: Das 160-seitige Buch mit 400 Abbildungen ist im Buchhandel für zirka 35 Franken in Deutsch und Englisch erhältlich. ISBN: 978-3-7165-1850-2