Porträt
Neues Präsidiums-Duo der Luzerner GLP setzt auf unkonventionelle Ansätze

Seit Mai präsidieren Michel Rudin und Riccarda Schaller die GLP des Kantons Luzern. Im Porträt erzählen sie, was sie bewegt und wie sie auf dem Land punkten wollen.

Niels Jost, Livia Fischer
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Das neue Co-Präsidium der GLP: Riccarda Schaller und Michel Rudin im Vögeligärtli.

Das neue Co-Präsidium der GLP: Riccarda Schaller und Michel Rudin im Vögeligärtli.

Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 7. Mai 2020)

Michel Rudin

Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 7. Mai 2020)

Ein Interview? Die Anfrage nimmt Michel Rudin ohne zu zögern an, ab 6 Uhr sei er erreichbar. Zwar habe er viele Meetings, aber klar, das Fotoshooting könne gerne gleich am nächsten Tag stattfinden.

Der gebürtige Berner wohnt erst seit eineinhalb Jahren in Luzern, und doch ist er schon Co-Präsident der kantonalen GLP. Jener Partei, welche als eine der Siegerinnen aus den kantonalen und nationalen Wahlen hervorging. «Ich spüre eine gewisse Demut gegenüber den Parteimitgliedern. Das Amt ist eine grosse Verantwortung.»

Progressiv, gesellschaftsliberal, zukunftsorientiert

Rudin, 34, breites Lachen, blonde Locken, ist zwar ein Neuling in Luzern, aber keineswegs in der Politik. Während fünf Jahren sass er im Parlament seiner Heimatstadt Lyss im Berner Seeland, vier Jahre politisierte er im Berner Kantonsparlament. Auch mit der nationalen Politik kennt sich der Wahl-Luzerner aus, ist er doch seit 2014 Co-Präsident von Pink Cross, dem Dachverband der schwulen und bisexuellen Männer.

Die «progressive, gesellschaftsliberale und zukunftsorientierte Ausrichtung» der Grünliberalen sei es denn auch, welche ihn überzeuge – und auf welche er künftig setzen will.

«Ich möchte nicht nur den Kontakt zur Basis aufbauen, sondern eine Bewegung ins Leben rufen.»

In Sätzen wie diesen drückt in Rudin der Philosoph durch – das Fach schloss er mit dem Bachelor an der Uni Bern ab, gemeinsam mit Geschichte. Später holte er Studien in Business Administration und Privatrecht nach, und in wenigen Wochen schliesst der Kommunikationschef einer Anwaltskanzlei zudem seinen Master in Communications Management an der Hochschule Luzern ab.

Doch Rudin ist nicht nur Theoretiker, sondern hat auch konkrete Ideen: «Parteianlässe bloss in einer Turnhalle durchzuführen, ist nicht mein Ding. Politik soll Spass machen, kreativ sein. Wieso den Parteianlass also nicht in einen Workshop oder Kulturanlass verpacken?»

Alternative zum «konservativen Kanton Luzern»

Als Co-Präsident möchte er den Fokus auf zwei Bereiche legen: die Wirtschaft («sie soll ökologischer und nachhaltiger werden») und die Diversität («das eindimensionale, konservative Spektrum des Kantons Luzern mit progressiven Kräften erweitern»). Die jüngste Luzerner Parlamentspartei soll zudem nicht nur in der Stadt und Agglo verankert sein, sondern auch auf dem Land. Eine konkrete Anzahl neuer Ortsparteien oder Gemeinderatssitze strebt Rudin allerdings nicht an. Und dereinst selber für ein Amt zu kandidieren, schliesse er zwar nicht aus, aber aktuell liebäugle er mit keinem Posten.

Ohnehin sei er mit seinen Engagements gut ausgelastet. Den Ausgleich findet der Single in seinem Literaturclub, bei einem feinen Essen zu Hause oder im Restaurant, beim Fussball- und Unihockeyspielen – oder beim Handwerken. Erst kürzlich habe er mit seinen Eltern ein Chalet in Brienz umgebaut. «Wenn mir etwas Freude bereitet, packe ich es an.»


Riccarda Schaller

Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 7. Mai 2020)

Sie ist ein Familienmensch – und eine echte Powerfrau. Aufgewachsen in der Stadt Luzern und in Stans wohnt Riccarda Schaller heute mit ihrem Mann und ihren zwei Buben in Malters. Die Kinder werden regelmässig von ihrem Papi und den vier Grosseltern betreut. «Glücklicherweise wohnen meine Eltern gleich nebenan», sagt Schaller. Denn vier Tage die Woche pendelt sie nach Zürich, wo sie die Gesundheitspolitik der Sanitas leitet. «In meiner Freizeit mache ich dann einfach das, worauf ich gerade Lust habe», sagt sie. Tschutten mit ihren Söhnen, ein Theaterbesuch mit ihrem Mann oder für ein Training die Yogamatte ausrollen.

Diese Zeit sei manchmal rar. Schaller ist nämlich in etliche lokale Projekte verstrickt, sitzt vielerorts im Vorstand. Gerade hält sie ein Nachhaltigkeitsprojekt auf Trab; die Genossenschaft Energie Malters will eine Solaranlage aufs Dach der Sporthalle Oberei bauen. Auch beim Politiklabor der GLP und dem Frauennetzwerk der GLP Schweiz ist Schaller dabei – nebst elfjähriger Mitgliedschaft bei der GLP Kanton Luzern. «Belastung tut mir gut. Ich bin jemand, der ständig neue Herausforderungen braucht», sagt sie mit erfrischender Stimme.

Sie macht sich für Frauen stark

Immer wieder fällt im Gespräch das Wort «Wandel». Klimawandel, Gesellschaftswandel, der Wandel der Digitalisierung. Die 43-Jährige mag Veränderung. «Das bringt uns weiter – genauso wie Fehler machen.» Veränderungen wünsche sie sich vor allem im Hinblick auf Frauenrechte.

Veraltete Rollenbilder stören sie; dass sie hartnäckig bestehen bleiben, bekommt sie selbst regelmässig zu spüren. «Etwa wenn es ums Unverständnis für arbeitende Mamis geht.» Aber auch häusliche Gewalt findet sie untolerierbar; genauso den Fakt, dass viele Frauen – völlig unabhängig davon, ob sie Kinder haben oder nicht – im Beruf mehr kämpfen müssen als Männer. «Frauen sind so ein wichtiger und grosser Teil unserer Gesellschaft. Wir müssen die Probleme besser angehen – und vor allem auch dranbleiben», so ihr Fazit.

Politik einfacher zugänglich machen

Der Gerechtigkeitssinn – «der betrifft auch Alte, Behinderte oder Migranten» – wurde ihr schon in die Wiege gelegt, verrät Schaller. Sie sei in einer politischen Familie aufgewachsen, Diskussionen am Esstisch gehörten zum Alltag. «Man kommt nur über Auseinandersetzungen weiter», glaubt sie. Als Co-Präsidentin strebt sie eine fortschrittliche und offene Politik an. Heisst:

«Ich stehe dafür, dass wir alle unser Leben so leben können, wie wir wollen. Unabhängig von religiösen, geschlechtlichen oder sprachlichen Barrieren.»

Ein weiteres Ziel: Zusammen mit Michel Rudin will sie Leute motivieren, sich mitzuteilen. Dabei gehe es nicht nur darum, möglichst viele Parteimitglieder zu gewinnen. «Manchmal scheint die Politik so weit weg. Wir wollen sie den Leuten einfacher zugänglich machen», sagt Schaller. Dies soll auch punktuell möglich sein, denn nicht jeder habe Interesse an einem Amt oder wolle festes Parteimitglied sein und viel Zeit dafür aufwenden. Schaller aber schon. Und sie sprudelt auch bereits vor Ideen, wie sie andere mit ihrer Begeisterung für Politik anstecken will.