Neujahrskonzert: Endlich liegt auch Luzern an der schönen blauen Donau

Das Neujahrskonzert des Luzerner Sinfonieorchester übertrumpfte mit dem Geiger Vadim Gluzman sogar das Original aus Wien.

Urs Mattenberger
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Livemitschnitt für seine dritte CD mit dem Luzerner Sinfonieorchester: Vadim Gluzman spielt Beethovens Violinkonzert.

Livemitschnitt für seine dritte CD mit dem Luzerner Sinfonieorchester: Vadim Gluzman spielt Beethovens Violinkonzert.

(Bild: Pius Amrein, Luzern 1. Januar 2020)

Wer ein Neujahrskonzert mit Musik der Strauss-Dynastie ­veranstaltet, ist fast zwangsläufig ein Trittbrettfahrer. Denn 50 Millionen Menschen, die alljährlich das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker am Radio oder Fernsehen mitverfolgen, machen dieses fraglos zum Original. Wobei zur Tradition gehört, dass hier nur der Dirigent – dieses Jahr Andris Nelsons –, aber eben nicht das Programm wechselt. Dieses setzt ganz auf Musik von Strauss & Co und gipfelt traditionsgemäss im Walzer «An der schönen blauen Donau» und im «Radetzky-­Marsch».

Dass am Mittwoch im Neujahrskonzert des Luzerner Sinfonieorchesters am Schluss ­diese beiden Werke erklangen, hatte insofern demonstrativen Charakter. Denn in den letzten Jahren hat sich das Luzerner Sinfonieorchester vom Wiener Original deutlich abgegrenzt. Es servierte zwar jeweils ebenfalls prickelnde Programme – zuletzt von Rossini beziehungsweise Gershwin –, aber kein Wiener Blut. Von diesem war aber jetzt am Neujahr (und in der Wiederholung am Donnerstag) die ganze zweite Programmhälfte bestimmt.

Quasi eine Kopie also des Wiener Neujahrskonzerts, wie sich ein Besucher freute? Nicht ganz. Zum einen setzte das Programm in der ersten Hälfte mit Beethovens Violinkonzert und dem Geiger Vadim Gluzman einen anderen Akzent. Zum andern stand das mit Ungarischen Tänzen von Brahms stimmig ergänzte Strauss-Programm nach der Pause auch für etwas ganz anderes: Für das weiter gestärkte Selbstbewusstsein des Orchesters, das quasi den Vergleich mit Wien nicht zu scheuen braucht. Schliesslich hat sich dessen Qualitätssteigerung unter Chefdirigent James Gaffigan in der letzten Saison in einem neuerlichen Rekord von 65000 Besuchern niedergeschlagen.

Den Eindruck einer Kopie hatte man in der Tat in keinem Moment. Schon die «Fledermaus»-Ouvertüre kostete mit gestochen scharf prickelndem Drive, berückendem Schmelz, lässig eingeworfenen Schmach­tern und vertrackt pointierten Rhythmen alles kräftig aus, was auch die übrigen Werke von ­Johann Strauss II. auszeichnete: Den weich parfümierten Walzer «Seid umschlungen Millionen», die Polka «Unter Blitz und Donner» und den Walzer «An der schönen blauen Donau».

Nur das Mitklatschritual gelang nicht wie im Original

Dieser verband exemplarisch grossinfonisches Klangvolumen mit der Detailfreude und einem rhythmischen Schwung, der an die Herkunft dieser Musik aus Tanz-Kapellen erinnert. ­Beides galt ausgeprägt auch für die «Ungarischen Tänze» des Strauss-Bewunderers Brahms. Im ersten liess Gaffigan grosszügig mit breitem Pinsel musizieren, im vierten wuchs er gleichsam über sich selbst heraus, wenn er die süffigen Klänge hochtürmte und den Konzertsaal prall bis in den letzten ­Winkel füllte. Auch die vielen glücklichen Gesichter im KKL gaben dieser vermeintlichen Kopie alle Qualitäten eines Ori­ginals. Nur das Mitklatschritual gelang in der «Radetzky-­Marsch»-Zugabe nicht so routiniert wie in Wien.

Es war wohl dieses Neujahrsprogramm, das den Saal bis auf den letzten Platz und in der Wiederholung am Donnerstag weitgehend füllte. Nachhaltiger aber war die Aufführung von Beethovens Violinkonzert mit Vadim Gluzman, die für eine weitere CD-Aufnahme mit dem israelischen Geiger mitgeschnitten wurde. Beste Einstimmung dafür wäre die Zugabe gewesen, die Gluzman anschliessend gab: Die Gavotte aus der E-Dur-Partita von Bach zeigte mit einem schlanken und doch kräftigen Ton sowie atmenden Melodiebögen, wie stilistisch adäquat sich der Geiger Bachs und eben auch Beethovens annimmt.

Idealer Partner für das Beethoven-Orchester

Dazu gehörte im Violinkonzert, dass Gluzman sich nicht grossspurig als Solist in den Vordergrund spielte. Dass er sich nach der geschärften Einleitung durch das Orchester mit einem hell und entspannt leuchtenden Ton eher intim zurücknahm, schuf eine spannende Ausgangslage: Während sich der Solist im ersten Satz zu dramatischem Ausdruck steigerte, mit einem Höhepunkt in der abgründigen Kadenz von Alfred Schnittke, gestaltete das Orchester den Dialog mit ihm immer kammermusikalischer mit.

Der erregte Ton der Oboe, die gleissenden Trompeten, die aufblühenden Hörner oder (im Larghetto) ein luftig schwebendes Solo der Klarinette fächerten das ganze Farbspektrum von der Flöte bis zum Fagott auf. All das verband sich mit dem detailfreudig artikulierten und doch wie zu unendlichen Melodien verbundenen Ton Gluzmans zu sinfonischer Kammermusik.

Im letzten Satz verbanden sich das strahlkräftige Strömen in Moll und die aufblitzenden tänzerischen Akzente der Vio­line mit den umrissscharfen Kraftentladungen des Orchesters zu tänzerischem Drive. Und dieses zeigte damit, wie selbstverständlich es trotz der Repertoire-Erweiterung bis hin zu Schostakowitsch den Anspruch als Beethoven-Orchester selbstverständlich einlöst.

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