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NEZ ROUGE: Sie sind die Retter der Fahruntüchtigen

Wer bei der Weihnachtsfeier einen über den Durst getrunken hat, sollte das Auto stehen lassen. Dank dem Fahrdienst von Nez Rouge kommt man trotzdem nach Hause. Reportage einer Winternacht.
Andreas Bättig
Auf Achse: Jean-Pierre Steiger (links) und Pius Ineichen von Nez Rouge im Einsatz. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 8. Dezember 2017))

Auf Achse: Jean-Pierre Steiger (links) und Pius Ineichen von Nez Rouge im Einsatz. (Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 8. Dezember 2017))

Jean-Pierre Steiger träumt von einem Tesla, dem eleganten Elektroauto, das praktisch geräuschlos durch die Strassen gleitet. Einen schönen Lexus hätte er schon mal «unter dem Arsch gehabt», wie er sagt. Aber ein Tesla wäre die Krönung. Damit der 43-Jährige seinen Traum wahrmachen kann, müsste er an diesem Abend aber viel Glück haben.

Steiger sitzt zusammen mit Pius Ineichen (50) in einem Auto des Vereins Nez Rouge. Die beiden sind als Fahrer und Beifahrer unterwegs. Wer heute Nacht nicht mehr fahrtüchtig ist, der kann auf die Nez-Rouge-Hotline anrufen und sich abholen lassen. Die Erfüllung von Steigers Traum ist theoretisch möglich: Einer der Nez-Rouge-Fahrer bringt den Fahruntüchtigen mit dessen Auto bis vor die Haustüre. Der andere folgt im Nez-Rouge-Smart. Alkohol sei nicht der einzige Grund für Fahruntüchtigkeit. Müdigkeit oder die Einnahme von Medikamenten gehören auch dazu.

Volle Auftragsbücher dank Weihnachtsfeiern

Es ist 22 Uhr, als Steiger und Ineichen das erste Mal von der Nez-Rouge-Zentrale beim Luzerner Strassenverkehrsamt ausrücken müssen. Ineichen macht die Heizung an und dreht den Zündschlüssel um. Ihre Schicht wird bis in die Morgenstunden dauern.

Der erste Auftrag führt die beiden Fahrer nach Seewen im Kanton Schwyz. Dort hat eine Versicherungsfirma in einem Weingeschäft ihr Weihnachts­essen abgehalten, und offenbar gab es guten Wein zum Essen: Gleich vier Nez-Rouge-Fahrzeuge wurden bestellt. Die Versicherungsmitarbeiter warten schon vor dem Geschäft. Es ist kühl, die Stimmung jedoch ausgelassen. Fünf Mitarbeiter sollen nach Ebikon befördert werden. Steiger nimmt im Auto von Cornelius Brunner Platz. Es ist zwar kein Tesla, aber immerhin ein grosser 1er-BMW. Der Rest fährt mit Ineichen hinten nach. Während im CD-Laufwerk das Album «Ballast der Republik» der deutschen Punkband Die Toten Hosen rotiert, wird darüber diskutiert, ob man nicht lieber alle bei einem Nachtklub ausladen könnte. Nach Hause möchte man nämlich noch nicht!

Steiger muss die Bitte ausschlagen. Eine der Regeln bei Nez Rouge lautet, dass man die Leute dorthin bringt, wo sie ihr Auto stehen lassen möchten. Und das sei ja nun mal in Ebikon. Nach einer kurzen Diskussion wird dies akzeptiert und ein Taxi für die Weiterfahrt von Ebikon aus organisiert. Trotz des Ausschlagens der Bitte finden alle Nez Rouge «eine super und sinnvolle Sache». Steiger wird gefragt, ob er auch schon mal mühsame Kunden gehabt hätte. Einmal habe eine «ihren Abend nochmals durch den Kopf gehen lassen», wie Steiger «sich erbrechen müssen» schön umschreibt. Seitdem habe er immer Robidog-Säcklein bei sich. Steiger greift in die linke Tasche und zieht ein Säcklein so schnell hervor wie ein Westernheld seinen Colt. Sicher ist sicher. Nach einer kurzen Verabschiedung in Ebikon wartet bereits der nächste Auftrag. Wieder eine Weihnachtsfeier. Diesmal gehts von Root nach Weggis.

Es ist nach 23 Uhr, auf dem Weg nach Root erzählen Ineichen und Steiger, warum sie ihre freie Zeit ausgerechnet Nez Rouge zur Verfügung stellen. Denn verdienen tun sie mit diesem Dienst nichts. Und noch viel mehr: Sie sind auch an Feiertagen beide unterwegs.

«Besser als alleine zu Hause zu sitzen»

«Im Dezember ist der Briefkasten ja voller Einzahlungsscheine mit der Bitte von verschiedenen Organisationen, etwas zu spenden. Ich spende zwar kein Geld, dafür aber meine Zeit», sagt Lastwagenchauffeur Steiger, der geschieden, nun alleinstehend und Vater eines 17-jährigen Sohnes ist. Und es sei allemal besser, an Heiligabend für Nez Rouge unterwegs zu sein, als alleine zu Hause zu sitzen. Ineichen, von Beruf Hauswart und ebenfalls alleinstehend, pflichtet Steiger bei. Ausserdem sei die Kameradschaft unter den Fahrerinnen und Fahrern toll. «Wie eine Familie.»

In Root angekommen, halten Ineichen und Steiger auf dem Parkplatz vor einem grossen Festzelt an. Jean-Pierre Steiger – von allen nur «Schämpu» genannt – begleitet die Leute immer persönlich aus den Lokalitäten. «Das gehört doch zum ganzen Spass dazu. Ich will doch sehen, wie die Leute feiern, das ist spannend.»

Drinnen hat die Party ihren Höhepunkt offenbar schon hinter sich. Die Festbänke sind grösstenteils verlassen, etwa 20 Personen schunkeln zu lateinamerikanischer Partymusik mit einem Gläschen in der Hand. Der Fahrgast, Ivo Fleischli, ist schnell gefunden. Diesmal wartet ein 3er-BMW auf Steiger. Auf der Fahrt nach Weggis kommt der 38-jährige Fleischli ins Schwärmen. «Das ist eine sinnvolle Sache. Ich bin durchaus bereit, etwas dafür zu zahlen. Schliesslich geht es darum, Unfälle zu vermeiden.»

Feuerwehrmann weiss Einsatz zu schätzen

Es ist mittlerweile 1 Uhr. Ab jetzt werden bei Nez Rouge keine Anrufe mehr entgegengenommen. Doch Aufträge gibt es noch mehr als genug. Einer der letzten führt nach Emmenbrücke. Christian Bruhin sitzt bereits in seinem VW Passat vor dem Restaurant Stadtalp im Viscosi-Areal. Der 39-Jährige möchte gerne nach Hochdorf gefahren werden. «Ich bin bei der Feuerwehr beim Stützpunkt Strassenrettung. Da sehe ich immer wieder, was es bedeutet, wenn jemand fahruntüchtig fährt. Das sind keine schönen Bilder», erzählt er.

Knapp nach halb drei Uhr endet die Schicht von Steiger und Ineichen. Eine angenehme, ziehen beide als Fazit. Bis Ende Jahr wird Ineichen sicher noch vier weitere Male im Einsatz sein. Steiger mindestens sechs Mal – auch an Heiligabend. Den Wunsch von Steiger sollte das Christkindli nun kennen.

Andreas Bättig

redaktion@zentralschweizamsonntag.ch

Hinweis

Nez Rouge ist eine gemeinnützige Stiftung. Unter der Gratisnummer 0800 802 208 werden Autofahrer mit der nächsten Nez-Rouge-Zentrale verbunden: www.nezrouge.ch

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