Niemand darf nur eine Nummer sein

Die Weihnachtsaktion der Neuen LZ läuft. Hier lesen Sie die Rede von Joachim Eder (60, FDP) anlässlich des Startanlasses der LZ-Weihnachtsaktion am Mittwoch in Luzern in einer leicht gekürzten Fassung nach.

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Eder: «Niemand darf nur eine Nummer im Getriebe der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft sein.» (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Eder: «Niemand darf nur eine Nummer im Getriebe der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft sein.» (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Kürzlich fragte mich eine Schülerin anlässlich eines Besuchs im Bundeshaus, in welcher Welt wir denn eigentlich leben. Ich gab ihr folgende Antwort: Wir leben nicht in einer einzigen, sondern in verschiedenen Welten. Der Welt des Überflusses steht die Welt des Hungers gegenüber, der Welt des Numerus clausus an den überfüllten Universitäten jene mit über einer Milliarde Analphabeten, der Welt der sehr teuren Gesundheit für alle jene mit einer Bevölkerung, die nicht einmal weiss, was Trinkwasser ist. Diese Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

Die Frage dieser jungen Frau liess mich nicht mehr los: In welcher Welt leben wir eigentlich? Eine Kurzantwort aus der Optik meines früheren Berufes als Sekundarlehrer: Wir befinden uns in einer Phase des Umbruchs, des Wertewandels, ja sogar des Wertezerfalls. Traditionen werden über Bord geworfen, die Individualisierung nimmt ständig zu, die Gesellschaft selbst wird dauernd egoistischer, aber auch anonymer. Viele Jugendliche konsumieren nur, sind passiv, abgestumpft und können sich nicht mehr auf das Wesentliche konzentrieren. Unsere Kinder leben in einer reizüberfluteten Welt. Die moderne Informationsgesellschaft überschwemmt uns. Das Materielle wird überbetont, die hektische Multioptionsgesellschaft scheint das Innenleben zu verkümmern.

Eine zweite Kurzantwort aus der Optik des Politikers: Die Begriffe Globalisierung, Deregulierung und Privatisierung beherrschen nach wie vor die Szene. An vielen Orten findet eine Entfremdung statt, am offensichtlichsten ist sie zwischen Wirtschaft und Politik. Ihre Auswirkungen sind bekanntlich alles andere als positiv. In den 60er-Jahren galt die Maxime «klein, aber fein», heute ist Gigantomanie in. Alles steht unter Kostendruck, überall muss die Effizienz gesteigert werden. Leider wird auch der Wert und die Leistungsfähigkeit der älteren Menschen immer noch zu wenig erkannt und genutzt. Selbst in der doch so privilegierten Zentralschweiz fallen etliche Personen durch die engen Maschen des Sozialnetzes und finden in unserer Gesellschaft keinen Halt mehr.

Schliesslich noch die dritte Kurzantwort aus der Optik eines Christen: Die lang anhaltende Epoche des zunehmenden Wohlstandes und Fortschritts hat uns selbstherrlich gemacht. Alles scheint möglich und ausprobierbar, der Machbarkeit sind kaum Grenzen gesetzt. Wozu brauchen wir also einen Gott? Leider büssen auch die traditionellen Sinnspender, unsere Religionen, laufend an Verbindlichkeit und Glaubwürdigkeit ein. Gleichzeitig stellen wir aber fest, dass das Bedürfnis nach Astrologie, Esoterik und neuer Mystik noch nie so gross gewesen ist wie heute. Man fühlt sich von einem «spirituellen Supermarkt» umgeben: Jeder Mensch holt sich das, was ihm entspricht, und zwar dort, wo er sich wohl fühlt. Die eigene Religion kann dies offenbar nicht mehr bieten, dafür springen Sekten und ähnliche Gruppierungen in die Lücke. Spüren Sie den Widerspruch? Unsere Kirchen, wo alles und jedes möglich ist, wo die Freiheit kaum Grenzen kennt, müssen für ihre Leute kämpfen, und die Sekten, die ausserordentlich hart und streng, ja sogar totalitär sind, werden immer attraktiver.

Diese Welt erleben wir heute. Zugegeben, ich habe eine bewusst pointierte Aufzählung der Schwächen gemacht, um aufzuzeigen, wie viel Arbeit uns allen noch bevorsteht. Natürlich könnte, ja müsste man auch viel Positives und Wertvolles festhalten. Denn es gibt sie überall, diese Perlen, und wenn wir von der Zukunft sprechen, dann müssen wir auf den vorhandenen positiven Fundamenten aufbauen! Jammern allein bringt gar nichts, es wäre auch falsch, den Schwarzen Peter hin- und herschieben zu wollen.

Was heisst dies alles nun für uns, die wir in der Gesellschaft und in unserem Staat Verantwortung tragen? Was heisst dies für all jene, die mit Spendengeldern in der Zentralschweiz Not lindern und Benachteiligten helfen wollen? Leben heisst auch Dasein für andere, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Wie wir mit solchen Mitmenschen umgehen, zeigt gerade den Wert jedes Einzelnen, den Wert unserer Gesellschaft, den Wert unseres Lebens.

Auf der Welt erleben wir immer wieder mit aller Deutlichkeit, wie das Leben ist. Einerseits voller Licht und Wärme. Schön und friedlich. An anderen Orten – ich denke jetzt speziell an Syrien und an den Gazastreifen – zutiefst zerstörend und furchterregend, durchsetzt von Kräften der Gewalt und der Brutalität. Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann hat dies einmal so ausgedrückt: «Es gibt keinen Ausweg für unsereins. Immer wieder teilt sich alles in oben und unten, gut und böse, hell und dunkel, Freund und Feind.»

Alles in unserer Welt, in unserem Leben, in unserem Tun und Lassen ist sehr nahe beieinander. Dazwischen stehen wir Menschen, stehen Sie als Verantwortliche in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, herausgefordert zur Entscheidung, zur Entscheidung zwischen den Kräften des Lebens, der Solidarität, des Rechts, des Vertrauens einerseits und den Kräften der Unterdrückung, der Macht, des Unrechts, des Misstrauens andererseits. Gerade die Erfolgsgeschichte unseres Heimatlandes Schweiz beruht darin, dass wir Trennendem immer Verbindendes entgegengestellt haben. Ausgrenzungen, Polarisierungen und Extrempositionen bringen uns nämlich nicht weiter.

Dieses Verbindende, dieses Ergänzende, dieses Ausgleichende scheint mir äusserst wichtig, auf unsere Situation bezogen heisst dies: das Verbindende zwischen den Behörden und der Bevölkerung, zwischen den Jungen und Alten, zwischen den Reichen und Armen, zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zwischen den Einheimischen und Ausländern, zwischen den Spendern und jenen Familien und Einzelpersonen, welchen die Hilfe der LZ-Weihnachtsaktion zugutekommt. Letztlich geht es um ein harmonisches Nebeneinander und Miteinander in unserem Alltag. Dafür sollten wir uns einsetzen.

Niemand darf nur eine Nummer im Getriebe der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft sein. Die Stärke eines Volkes misst sich immer am Wohl der Schwächsten – so steht es bereits in der Präambel unserer Bundesverfassung!

Sind wir uns dessen tatsächlich immer bewusst? Die LZ-Weihnachtsaktion hat genau dieses soziale, dieses wohltätige und gemeinnützige Engagement zum Ziel: den Einsatz für jene Mitglieder unserer Gesellschaft nämlich, welche dringend Unterstützung brauchen. Die vergangenen Jahre seit 1996 dokumentieren diese Hilfe, diese Solidarität, ja diesen Wert einer menschlichen Gemeinschaft, welche nicht einfach tatenlos zuschaut oder gar wissentlich wegschaut, ganz eindrücklich.

Wenn wir dieses Licht als Quelle des Lebens und der Liebe zu den Mitmenschen und in ihre Welt hinaustragen, dann wird es dort nicht nur heller und wärmer, sondern auch friedlicher! Und dann wird aus unserer Gesellschaft eine starke, überlebensfähige Gemeinschaft, eine Gemeinschaft, die sich auch und gerade für Benachteiligte einsetzt.