Noch nicht alle Rätsel gelöst

Auch zehn Jahre nach dem Brand gibt es offene Fragen zum Kapellbrückenbrand. Nicht zuletzt, weil zwei Jahre vorher mit dem Anzünden gedroht worden war.

Markus von Rotz
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Feuerwehrleute verrichten Aufräumarbeiten nach dem Brand der Kapellbrücke in Luzern, aufgenommen am 19. August 1993. (KEYSTONE/Str)

Feuerwehrleute verrichten Aufräumarbeiten nach dem Brand der Kapellbrücke in Luzern, aufgenommen am 19. August 1993. (KEYSTONE/Str)

«Ganz klar wurde nie, wie und wo der Brand entstanden ist, und vor allem nicht, wer allenfalls beteiligt war.» Das sagt Markus Tschabold, damaliger Präsident der Geschäftsprüfungskommision im Luzerner Stadtparlament. Er war von der Stadt wenige Tage nach dem Brand eingesetzt worden, um abzuklären, ob die Stadtpolizei Bänder, die die Alarmaufzeichnungen besorgten, manipuliert habe. Doch davon später.

Die Brandursache untersuchte damals Amtsstatthalterin Verena Lais. Sie berichtete im Mai 1994, der Brand sei «am ehesten von dem unter der Brücke auf dem Liegeplatz Nummer 13 vertäuten Boot ausgegangen». Dessen nicht flammenhemmende Blache sei leicht durch eine offene Flamme entzündbar gewesen. Es gebe «keine Hinweise auf eine Brandentstehung zufolge eines technischen Defektes an oder in einem der Boote». Auch sei eine «Brandentstehung an oder im Bereich der Brückenkonstruktion sehr unwahrscheinlich.»

Im Ausschlussverfahren gesucht

Gewissheit hatte man also nicht. «Die Brandursache musste auf Grund eines Eliminationsverfahrens ermittelt werden », sagte Lais. Ausgeschlossen wurde dabei eine menschliche Einwirkung an der Brücke, auch Brandlegung an einem Boot sei «wenig wahrscheinlich».

Nahrung bekamen Brandstiftungsgerüchte, weil ein anonymer Anrufer der Stadt zwei Jahre vor dem Brand gedroht hatte, Bauwerke in Luzern anzuzünden. Diese Drohung wurde später von Rosie Bitterli, heutige Chefin Kultur in der Stadt, bestätigt. Nach diesem Anruf wurden damals die Bilder der Kapellbrücke abgenommen und fotografiert. Diese Dokumentation diente dann für die Rekonstruktion. Nach dem Brand hatte ein Mann in einem anonymen Brief gedroht, weitere Bauwerke anzuzünden. Die Polizei fand ihn – aber keinen Zusammenhang mit der Kapellbrücke.

Auch Video bewies nichts

Heute sagt Lais, es habe seit Abschluss des Verfahrens keine neuen Hinweise gegeben, die eine Wiederaufnahme nötig gemacht hätten. «Wir haben damals alles untersucht, auch Punkte, die wir nur vom Hörensagen hatten.» Auch das ominöse Video, das gemäss der neusten «Luzerner Woche» Brandstiftung beweisen solle, habe man sich angesehen. Den Beweis aber fand man nicht.

Bleiben noch die Vorwürfe, Polizei und Feuerwehr seien zu spät ausgerückt. 23 Minuten Differenz gabs zwischen dem von Augenzeugen behaupteten ersten Anruf und dem von der Polizei registrierten ersten Alarm. Anwohner Manfred vom Hoevel war einer, der noch heute sagt, «es kam mir sehr lange vor, bis das Auto des Feuerwehrpiketts kam». Er und seine Frau hätten mehrmals angerufen. Sie beobachteten die laufende Zeit am Videorecorder, erinnert er sich. Die Polizei registrierte die ersten Anrufe um 0.50 Uhr, während Anwohner behaupteten, sie hätten kurz nach 0.30 Uhr angerufen. Auch soll um diese Zeit bei der Kantonspolizei ein Anruf eines Taxifahrers eingegangen sein, der nicht weitergeleitet wurde.

Keine Manipulation gefunden

Klarheit gab es im Fall der Kantonspolizei nicht, weil die Bänder jeweils nach Tagen gelöscht wurden und nicht mehr abgehört werden konnten. Bei der Stadtpolizei fehlten bei diversen Anrufen die üblicherweise mit aufgezeichneten Anrufzeiten. Der von der Stadt mit einer Untersuchung beauftragte Markus Tschabold kam zum Schluss, der gegen die Stadtpolizei erhobene Vorwurf der Manipulation von Bändern sei falsch. Auch kam er zum Schluss, nur Spezialisten würden es und nur mit viel Aufwand schaffen, Anrufe zu löschen.

Das Stadtparlament kritisierte damals die von Stadtpräsident Franz Kurzmeyer im Alleingang bei Tschabold bestellte Untersuchung. Es liess dessen Bericht durch einen alt Oberrichter und ein Ingenieurbüro überprüfen. «Diese Abklärungen kosteten zwar viel mehr als mein Bericht, kamen aber zum gleichen Ergebnis», sagt Tschabold.

Probleme gabs seit Juli 1993

Doch Zweifel blieben: Eine nachträgliche Manipulierung der Bänder könne «mit grösster Wahrscheinlichkeit» ausgeschlossen werden, schrieben die Ingenieure. Dass die Zeitaufzeichnungen nicht mit den Anrufen erfolgten, war auf technische Probleme der Aufzeichnungsanlage zurückzuführen, die man seit 20. Juli 1993 bei der Steuerung der Gesprächsaufzeichnung hatte.

Eine ganz andere Theorie entwickelte damals die Zeitung «Schweizerzeit». Man wisse, dass sich auf den Booten unter der Brücke immer wieder folienrauchende Drogenabhängige aufgehalten hätten. Auf dem Polizeifunk seien in der Brandnacht Meldungen zu hören gewesen, wonach Drogenabhängige den Brand verursacht hätten. Die Stadt aber wolle das nicht publik machen, weil man die Abstimmung im Herbst 1993 über die Weiterführung des Fixerstüblis nicht gefährden wolle. Indizien in dieser Richtung habe man damals keine gefunden, sagt heute Markus Tschabold.

Werner Koch, der damalige Parlamentspräsident, sagt heute: «Die Zweifel rund um die Brandursache und die Zeitumstände konnten nie ganz ausgeräumt werden. Es konnte aber auch nie das Gegenteil bewiesen werden.» Und Tschabold glaubt, wenn nicht Kommissar Zufall neue Erkenntnisse bringe, werde es wohl auch in zehn und zwanzig Jahren noch Gerüchte geben. So hat eine frühere Angestellte eines bekannten Luzerner Hoteliers, die behauptet, mehr zu den Hintergründen des Brandes zu wissen, noch heute Angst zu reden.

Dieser Text wurde erstmals in der Ausgabe vom 16. August 2003 publiziert.