Sprechstunden über den Bildschirm und Antikörper-Tests: Notfallpraxis am Bahnhof Luzern setzt auf neue Mittel

Die Ärzte des Medcenters Permanence am Bahnhof Luzern machen neu Videokonsultationen. Was zurzeit insbesondere für Corona-Verdachtsfälle gedacht ist, soll längerfristig in den Praxisalltag integriert werden.  

Evelyne Fischer
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Abstand halten, zu Hause bleiben: Man könnte diese Social-Distancing-Massnahmen auch als goldene Corona-Regeln bezeichnen. Doch sie haben ihre Schattenseiten: Hausärzte stellen immer häufiger fest, dass Patienten aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus den Gang in die Praxis bis aufs Äusserste hinauszögern

Diese Beobachtung macht auch das Medcenter Permanence am Bahnhof Luzern, das aufgrund der Coronakrise im Umkreis von 20 Kilometern seit Mitte März Hausbesuche macht. «Die Hälfte aller besuchten Patienten müssen wir sofort ins Spital überweisen», sagt Clarence P. Davis, der ärztliche Leiter der Notfallpraxis. «Entweder wegen Verdachts auf das Coronavirus oder weil sie eine notfallmässige Behandlung brauchen.»

Bis zu zehn Videoanrufe täglich

Zuwarten, bis es unter Umständen zu spät ist: Diese Tendenz sei verheerend, sagt Davis. Darum gibt die Permanence nun Gegensteuer. Seit Ende März setzen die Ärzte der Notfallpraxis neu auf Videokonsultationen. Vorerst vor allem für Corona-Patienten, denen sie die Testresultate übermitteln.

Die Medcenter-Notfallpraxis am Bahnhof Luzern bietet neu Sprechstunden per Videoanruf an.

Die Medcenter-Notfallpraxis am Bahnhof Luzern bietet neu Sprechstunden per Videoanruf an.

Bild: PD

«Wir machen fünf bis zehn Videoanrufe täglich, das erste Fazit fällt sehr positiv aus», sagt Davis. «Wir wollen das System auch langfristig in den Praxisalltag integrieren.» Grosses Potenzial sieht Davis beispielsweise bei Hautausschlägen: «Hier sehe ich schnell, ob ich jemandem eine rezeptpflichtige Salbe verschreiben kann oder ob eine ärztliche Untersuchung nötig ist.»

Abgewickelt wird die Sprechstunde via Bildschirm über «OneDoc», laut eigenen Aussagen der Schweizer Marktführer für medizinische Online-Termine, mehr als 1600 Gesundheitsdienstleister arbeiten bereits mit diesem System. «Über unsere Webseite können Patienten selber einen Termin für eine Videokonsultation reservieren, nach wie vor ist aber auch eine telefonische Vereinbarung möglich», sagt Davis. Zehn Minuten vor dem Termin erhält der Patient einen Weblink per SMS und E-Mail mit dem Login zum Videoanruf. Davis sagt: «In der Schweiz steckt die Telemedizin noch in den Kinderschuhen. In Amerika ist sie längst gang und gäbe.»

Telemedizin geniesst nicht den besten Ruf

Hierzulande gibt's bislang vor allem Krankenkassen, die Telmed-Modelle anbieten. Diese stehen aber regelmässig in der Kritik. So sagte beispielsweise Ueli Zihlmann, Geschäftsführer der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern, kürzlich gegenüber unserer Zeitung: «Im Zweifelsfall schicken jene Callcenter-Mitarbeiter einen Patienten direkt in den Notfall, und dies lieber einmal zu viel als zu wenig.»

Clarence Davis kennt solche Fälle aus eigener Erfahrung, betont aber gleichzeitig: Die Videokonsultation habe gegenüber der Telemedizin einen klaren Vorteil. «Ich habe den Patienten vor Augen. Wenn ich sehe, wie er sich vor Schmerzen krümmt, erhalte ich mehr Informationen als wenn ich ihn nur am Telefon höre.» Davis schätzt, dass sich die Sprechstunden vor Ort durch den Einsatz von Videokonsultationen langfristig um einen Drittel reduzieren liessen. 

Mittel zur Triage bei Bagatellfällen

Doch könnte der niederschwellige Zugang zu ärztlichem Rat die Nachfrage nach medizinischen Leistungen insgesamt nicht doch befeuern? Clarence Davis sagt: «Dass sich neben echten Notfällen auch Bagatellfälle in den Notfallpraxen vorstellen, ist ein Fakt, den wir akzeptieren müssen. Wichtig ist die Triage, damit Bagatellen nicht länger den regulären Notfall verstopfen.» 

Videoanrufe seien eine Kostenbremse. Ein Patient auf dem Notfall koste im Schnitt über 400 Franken. «Video-Sprechstunden können derzeit aufgrund des Tarmed-Tarifs nur wie Telefonkonsultationen abgerechnet werden», sagt Davis. 10 Minuten kosten rund 25 Franken, die maximale abrechenbare Video-Konsultationszeit beträgt eine halbe Stunde. «Rein finanziell gesehen ist ein Videoanruf nicht halb so interessant wie eine Sprechstunde vor Ort.»

Nun sind Antikörper-Tests erhältlich

Medcenter bietet ab Karfreitag in der Notfallpraxis Permanence am Bahnhof Luzern und in der Praxis bei der Mall of Switzerland Corona-Antikörper-Tests an. Laut eigenen Aussagen als eines der ersten Testcenter im Kanton. Der sogenannte IgG/IgM-Test weist die Antikörper nach, die nach einer Covid-19-Infektion messbar sind. Der Schnelltest, der auf einer Blutentnahme basiert, liefert nach 10 Minuten das Resultat. Er kostet 50 Franken und dürfte nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Gemäss Hersteller werden Erkrankungen in 97,4 Prozent der Fälle auch als solche erkannt. «Der Test kann von jeder Person gemacht werden, die über ihren Immunstatus Bescheid wissen möchte und von einem unserer Ärzte untersucht wurde», sagt Clarence P. Davis, der ärztliche Leiter der Notfallpraxis. Zum Vergleich: Mit dem als Coronatest bekannten Rachenabstrich kann das Virus direkt nachgewiesen werden. Die Krankenkassen vergüten den Test mit 180 Franken.

Antikörper-Tests: Kanton mahnt zur Zurückhaltung

Eine Übersicht darüber, welche Arztpraxen Coronatests – die sogenannten PCR-Tests – oder Antikörper-Tests durchführen, existiert nicht. «Der Dienststelle Gesundheit und Sport müssen nur die positiven Resultate von PCR-Tests gemeldet werden», sagt Kantonsarzt Roger Harstall auf Anfrage. Kritisch zeigt er sich gegenüber den bisher erhältlichen Antikörper-Tests: «Diese sind aktuell noch nicht ausreichend validiert. Sprich: Deren Resultate sind noch nicht genug verlässlich.» Christos Pouskoulas, Leiter der Gesundheitsversorgung, ergänzt: Sobald es validierte Tests gebe und der Bund die Anwendung dieser Tests im Rahmen der Bekämpfung der Pandemie definiert habe, könne deren Anwendung durch geschulte Fachpersonen sinnvoll sein. «Wir raten aber ausdrücklich davon ab, sich selbst Tests von fraglicher Qualität im Internet zu beschaffen und daheim durchzuführen.» Auch sollte ein Test nur auf Anordnung einer medizinischen Fachperson durchgeführt werden.

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