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NOTTWIL: «Allez hopp, gib Gummi»

Ihr Leben wendete sich schlagartig. Nun fahren neun Patienten des Schweizer Paraplegiker-Zentrums erstmals nach den Unfällen gemeinsam auf die Rigi – für viele ein Neuanfang mit Hürden.
Christian Hodel
Ein Bahnarbeiter hilft Corinne Oehen aus Oberkirch in den Wagen der Rigi-Bahn. (Bild Corinne Glanzmann)

Ein Bahnarbeiter hilft Corinne Oehen aus Oberkirch in den Wagen der Rigi-Bahn. (Bild Corinne Glanzmann)

Manchmal vergisst Michelle, dass ihre Beine sie nicht tragen. Dann erwacht sie morgens im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil und sieht den Rollstuhl im Zimmer.

5-Meter-Sturz vom Fenstersims

Es war ein Sonntag Ende April, als Michelle Schönenberger (19) in einem Wohnhaus im Berner Oberland von Fenster zu Fenster klettert, sich an einem der Holzläden festhält, dieser nachgibt und Michelle fünf Meter in die Tiefe stürzt.

131 Tage nach dem Unfall steigt Michelle zusammen mit acht weiteren SPZ-Patienten an der Talstation der Rigi-Bahnen in Vitznau aus einem Kleinbus. Viele von ihnen machen heute die ersten Fahrversuche ausserhalb des Zentrums. «Learning by doing» nennen sich die Anlässe. Die heutigen Ziele: Schwellen und Stufen überwinden, Fahren mit der Zahnradbahn – und sich auf den neuen Alltag im Rollstuhl vorbereiten, abseits der rollstuhlgängigen Rehabilitationsklinik.

Was es braucht, ist Geduld

«Anheben, stossen. Anheben, stossen», ruft Tim Shelton (47), als Michelle nach der Ankunft mit den kleinen Vorderrädern in einer der Zahnradbahnschienen bei der Talstation stecken bleibt. Shelton gehört zu den sogenannten Peers des SPZ. Vor 27 Jahren stürzte er mit einem Töff und ist seither querschnittgelähmt. Nun gibt er Michelle und den anderen Patienten Tipps, wie die kleinen und grossen Hindernisse zu überwinden sind. «Langsam, Michelle, langsam. Achte auf die Ba­lance, nicht zu schnell. Geht ja.»

Michelle rollt Richtung Perron. Wanderer gehen an ihr vorbei, holen sich Tickets, eilen zur Zahnradbahn. Was sich für sie in wenigen Minuten abspielt, braucht bei der Gruppe aus Nottwil Zeit. Um 14.45 Uhr sind die Rollstuhlfahrer bei der Talstation angekommen, um 15.10 Uhr sind sie für die Abfahrt nach Rigi-Kaltbad bereit.

«Man muss lernen, geduldig zu sein», sagt Angela Fallegger (25) aus dem Kanton Obwalden. Es sei nicht nur ihr Körper, der sie nach dem Unfall vor fünf Monaten verändert habe. Auch im Kopf hat sich einiges getan.

Damals, am 10. April, es war ein Freitag, schnürt Angela in Wolfen­schiessen ihren Gleitschirm. Windböen lassen sie höher und höher steigen – so wie unzählige Male zuvor. Ihr Freund, ein Gleitschirmlehrer, unterrichtet gerade Schüler am Boden, als über ihm in der Luft irgendetwas schiefgeht. Er ist der Erste an der Unfallstelle.

17 Meter fällt Angela in die Tiefe. Offener Fussbruch, mehrfacher Beckenbruch, Splitterbruch am zwölften Wirbel im Rücken und Bruch des elften Wirbels – Rega, Intensivstation, Nottwil. «Ich hatte Glück im Unglück», sagt Angela heute. «Ich könnte tot sein.»

Am Anfang habe sie nur die Schmerzen im Körper gespürt. Nach einigen Wochen kam die psychische Belastung hinzu. «Es gibt Nächte, da weine ich oft. Es gibt aber auch Tage, an denen ich vergesse, im Rollstuhl zu sein», sagt Angela. So sei das im Leben. «Auf ein Tief folgt ein Hoch, auf ein Hoch ein Tief.»

«Muss lernen, sich Hilfe zu holen»

Hoch über dem Vierwaldstättersee, auf 1453 Metern über Meer in Rigi Kaltbad, liegt Nebel. Die Reha-Patienten des SPZ reichen sich Pullover und Jacken, helfen sich gegenseitig beim Überziehen. «Unter Mitpatienten zu sein, ist enorm wichtig», sagt Angela. «Neben der eigenen Familie und den Freunden geben diese Halt.» Es sei mehr als nur eine Zweckgemeinschaft unter Gleichgesinnten. In Nottwil würden Freundschaften entstehen.

Dennoch muss letztlich jeder der Patienten mit seinem eigenen veränderten Leben klarkommen. «Man muss lernen, sich Hilfe zu holen», sagt Angela. Sei es, um einen Randstein zu überwinden. Sei es, um sich im Geschäft das passende Haarfärbemittel zu beschaffen, weil es nicht in den unteren zwei oder drei Regalen liegt. Oder sei es, um den Schotterweg in Richtung Aussichtspunkt auf Rigi Kaltbad hinunterzukommen – so wie heute.

Angela hat Mühe, im leicht abfallenden Gelände das Gleichgewicht zu halten. Die Schotterstrasse ist zwar nur ein paar Meter lang – Fussgänger schenken dem Weg keine Beachtung – doch für Angela ist er ein Problem. Immer wieder rutscht ihr Rollstuhl nach unten ab, das Vertrauen in die zwei Räder ist noch nicht gänzlich gefestigt.

Freundin Michelle hingegen hat den Abstieg schon hinter sich und ruft ihr zu: «Allez hopp, gib Gummi.»

Zwar wird auf Kaltbad laut der Rigi Plus AG, der Koordinationsstelle der Tourismuspartner und Dienstleister der Rigi, seit längerem daran gearbeitet, den Ortsteil barrierefrei zu machen. So hat etwa das Hotel Rigi Kaltbad seit kurzem ein rollstuhlgängiges Zimmer eingerichtet. Das Mineralbad ist mit einem Lift erschlossen. Verschiedene Rundwege sind mit dem Rollstuhl erreichbar. Dennoch gebe es noch viele Hindernisse, wie Angela sagt. «Das WC zum Beispiel ist hier zu klein.» Zudem gebe es nur eines, das für Rollstuhlgänger zugänglich sei. Toiletten seien meist das Problem, so Angela weiter. «Immer wenn ich irgendwo bin, halte ich zuerst Ausschau nach einem WC, in das ich mit meinem Rollstuhl reinpasse.»

Schöne, sinnlose Rillen

Mit anderen Hürden schlägt sich Isabelle Walz herum. 16 Jahre alt wird die Thurgauerin im nächsten Monat. Seit Januar ist sie Tetraplegikerin, vom fünften Halswirbel herab gelähmt. Sie fiel vom Pferd auf den Kopf – ein Reitunfall.

Isabelles Rollstuhl hat sich in einer Rille verfangen. «Halt», ruft ihr Tim Shelton, der Begleiter vom SPZ, zu. «Beinahe wäre Isabelle samt Rollstuhl gekippt, wegen dieser Rille, wo niemand weiss, für was sie gut ist», sagt er. «Jeder Architekt sollte vor dem Abschluss eines Bauprojektes drei Tage im Rollstuhl verbringen.» Erst dann würde er wohl merken, was für Dinge er realisiert, die zwar schön aussehen, aber keinen Sinn ergeben. Dennoch: Die Schweiz sei in den vergangenen Jahren rollstuhlgängiger geworden. Und für viele Probleme gebe es inzwischen Lösungen.

«Ein Schock für die ganze Familie»

Mit Lösungen für die Zukunft beschäftigt sich derzeit Bettina Kärcher, Isabelles Mutter. Das Badezimmer, der Hauseingang, die Schwelle zum Sitzplatz: Alles im Haus wird umgebaut. «Es war ein Schock für die ganze Familie, als wir von Isabelles Lähmung hörten», sagt sie. Aber man habe rasch Hilfe bekommen – auch für die anstehenden Umbauarbeiten. «Das Leben geht weiter.» Man müsse nach vorne schauen, das Positive mitnehmen, sagt Kärcher. Und das Negative versuchen, zu vergessen. So sitzt Isabelle seit einigen Wochen wieder auf Pferden – trotz ihres Reitunfalls. Durch das Reiten stärkt sich ihre Rückenmuskulatur. «Der Umgang mit den Pferden tut ihr gut», so ihre Mutter.

Und auch Angela will bald wieder Gleitschirm fliegen. «Im Tandem, mit meinem Freund», sagt sie. Aber dafür lasse sie sich noch ein wenig Zeit. Angela überlegt kurz, lächelt und fügt an: «Das läuft mir ja nicht davon.»

Christian Hodel

Angela Fallegger und Michelle Schönenberger (von links) schauen Tim Shelton vom Schweizer Paraplegiker-Zentrum zu, wie die Schienen der Zahnradbahn bei Vitznau zu überwinden sind. (Bild: Corinne Glanzman / Neue LZ)

Angela Fallegger und Michelle Schönenberger (von links) schauen Tim Shelton vom Schweizer Paraplegiker-Zentrum zu, wie die Schienen der Zahnradbahn bei Vitznau zu überwinden sind. (Bild: Corinne Glanzman / Neue LZ)

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