NOTTWIL: «Die Akzeptanz war gering»

Vor vierzig Jahren gründete er die Schweizer Paraplegiker-Stiftung: Guido A. Zäch. Er erzählt von den Höhen- aber auch den Tiefpunkten dieser bewegten Geschichte.

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Guido A. Zäch in der Eingangshalle des Paraplegiker-Zentrums in Nottwil. (Bild Philipp Schmidli)

Guido A. Zäch in der Eingangshalle des Paraplegiker-Zentrums in Nottwil. (Bild Philipp Schmidli)

Guido Zäch, Sie waren das siebte von neun Kindern. Was hat das Leben in einer Grossfamilie Sie gelehrt?

Guido A. Zäch: Ich bin 1935 per Hausgeburt auf die Welt gekommen. Es war eine schwierige Zeit voller Entbehrungen. Wir waren früh gewohnt, mitzuarbeiten und aufeinander Rücksicht zu nehmen. Ein wohlgemeintes «Es kommt alles, wie es muss» meiner Mutter hat immer wieder für Mut und Zuversicht gesorgt.

1975 haben Sie die Schweizer Paraplegiker-Stiftung (SPS) gegründet. Warum?

Zäch: Als Chefarzt des Basler Paraplegiker-Zentrums habe ich festgestellt, wie wichtig eine prompte Direkthilfe wäre. Nach einem Unfall braucht es eine unbürokratische Kostenübernahme von baulichen Massnahmen und der Motorisierung für Rollstuhlfahrer – damit diese eine Perspektive für ihr künftiges Leben haben. Früher wurden die Betroffenen damit grösstenteils allein gelassen.

Welche Widerstände galt es zu überwinden, um Ihre Vision wahr werden zu lassen?

Zäch: Viele. Zum Beispiel hat der Luzerner Regierungsrat Karl Kenel 1984 als Vertreter der damaligen Sanitätsdirektorenkonferenz massgeblich dazu beigetragen, dass wir das Zentrum nicht in Risch bauen konnten. An der Gemeindeversammlung riet er den Stimmbürgern, die Hände vom Projekt zu lassen. Kein Kanton wolle die Zusammenarbeit, die Kosten könnten nicht getragen werden, und das Ganze würde mit einer Bauruine enden, warnte er. Ein Gemeinderat blies ins gleiche Horn: Risch wolle attraktiv sein für anständige Leute – Menschen im Rollstuhl gehörten seiner Ansicht nach wohl nicht dazu.

Woher kam diese ablehnende Haltung?

Zäch: Die gesellschaftliche Akzeptanz war damals erstaunlich gering. Ich erinnere mich an einen Buben aus dem Tessin, der auf der Schulreise gestürzt war und im Rollstuhl landete. Wir bauten einen Lift, damit er weiter zur Schule gehen konnte. Doch die Kameraden mieden ihn. Ich bin hingefahren, um herauszufinden, was los ist. Dabei stellte ich fest, dass die Frau des Schulabwarts die Kinder vor Ansteckung gewarnt hatte. Damals war die Angst vor einer Polio-Infektion noch weit verbreitet.

Warum hatten Sie in Nottwil Erfolg?

Zäch: In der Gemeinde Nottwil waren Menschen mit Behinderungen durchaus willkommen. Die Firma Eichhof hat uns das Gelände relativ günstig verkauft, und die nötige Umzonung wurde von der Stimmbevölkerung deutlich angenommen.

Die Stiftung umfasst inzwischen über 1,8 Millionen Mitglieder. Warum sind so viele Menschen bereit, Paraplegiker finanziell zu unterstützen?

Zäch: Eine Querschnittlähmung trifft einen Menschen plötzlich unvorhersehbar und lebenslänglich. Dieses Schicksal kann jede und jeden treffen. Die Stiftung ermöglicht eine ganzheitliche Betreuung ab Unfallort – das ist eine gemeinsame Basis der Hoffnung. Ein Grossteil der Patienten ist heute nach der Rehabilitation wieder erwerbsfähig und gesellschaftlich integriert.

Soziale Institutionen, die sich für die Integration von Menschen mit Behinderungen einsetzen, müssen wegen gekürzter Leistungsverträge mit dem Kanton mit immer weniger Geld auskommen. Was halten Sie davon?

Zäch: Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung hat noch nie staatliche Hilfe bekommen. Bei ihr gibt es keine Leistungsverträge, die gekürzt werden könnten. Es ist meiner Meinung nach richtig, wenn sich soziale Institutionen unabhängig von staatlicher Hilfe engagieren. Das Paraplegiker-Zen­trum (SPZ) wäre inexistent, wenn wir auf staatliche Hilfe gewartet hätten.

Auch das SPZ leidet gemäss Direktor Hans Peter Gmünder darunter, dass die Tarife die Kosten nicht decken.

Zäch: Die Spezialklinik in Nottwil hat für die Hospitalisation von Querschnittgelähmten noch nie kostendeckende Tarife bei den Krankenkassen und Unfallversicherungen bekommen. Die Differenz von mehreren Millionen Franken pro Jahr hat von jeher die Stiftung bezahlt. So garantieren wir eine chancengleiche Behandlung von Patienten aus allen Kantonen. Unser Ziel ist klar: Jeder soll kommen können. Und dank der Solidarität der Gönnerinnen und Gönner ist das möglich.

Der Kampf um Spendengelder wird härter. Was braucht es, um dennoch Erfolg zu haben?

Zäch: Der Kampf um Spendengelder war immer hart. Für mich gilt der Grundsatz, dass man die Einnahmen nach den Ausgaben richten muss – nicht umgekehrt, wie es sonst üblich ist. Die Bereitschaft der Schweizer, in einer Notsituation zu spenden, ist gross. Das Geld liegt auf der Strasse. Man darf aber nicht zu bequem sein, sich danach zu bücken.

Es gab eine Zeit, da überschatteten Vorwürfe wegen Veruntreuung von Spendengeldern Ihre Leistungen. Sie wurden 2007 wegen Veruntreuung verurteilt. Was würden Sie heute anders machen?

Zäch: Das Verfahren ist vor fast zehn Jahren mit einem Fehlurteil der Gerichte abgeschlossen worden und betraf die Gönnervereinigung, nicht die Stiftung. Eine Veruntreuung von Spendengeldern der Stiftung hat nie stattgefunden. Die rechtlich fraglichen Forderungen der Gerichte habe ich auf den letzten Rappen zurückbezahlt. Ich bin niemandem etwas schuldig geblieben. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Das würde ich wieder tun.

Wie hat das Strafverfahren Sie persönlich verändert?

Zäch: Die durch eine Medienschlammschlacht bewirkte Vorverurteilung führte damals zum Fehlurteil. Fehlurteile könnte man vielleicht eines Tages korrigieren, Vorurteile bekanntlich nie. Ich habe inzwischen gelernt, damit zu leben. In Kenntnis aller Fakten und Hintergründe hat mich der Stiftungsrat 2007 zum Ehrenpräsidenten der Schweizer Paraplegiker-Stiftung ernannt.

2010 wurde Ihnen die Verdienstmedaille der Luzerner Regierung verliehen – eine Anerkennung für Ihren unermüdlichen Einsatz. Haben Sie dies auch als Rehabilitation empfunden?

Zäch: Die Auszeichnung hat mich besonders gefreut, vor allem, weil jetzt das Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil im Kanton Luzern volle Anerkennung geniesst.

Wie sieht Ihr Engagement für die SPS heute aus?

Zäch: Ich bin in beratender Funktion tätig, sei es in schwierigen Behandlungsfragen, sei es in sozialen Härtefällen oder zurzeit auch in baulichen Fragen. Dazu übernehme ich Einführungen für Besuchergruppen und Fachvorträge. Ein besonderes Augenmerk verdient nach wie vor die Mittelbeschaffung. Gerade im Hinblick auf die geplanten Erweiterungsbauten.

Sie waren bis 2003 für die CVP im Nationalrat. Dieser wurde letzten Sonntag neu gewählt. Welcher Themen sollten sich die frisch Gewählten prioritär annehmen?

Zäch: Der Sicherung der AHV, der bilateralen Verträge mit der EU und der erneuerbaren Energieversorgung. Zudem verlangt die Flüchtlingsfrage Antworten. Unmenschlich finde ich die Unterscheidung zwischen politisch Verfolgten und Wirtschaftsflüchtlingen. Wer Hunger hat, braucht Nahrung, und wer schutzlos ist, braucht ein Dach über dem Kopf. Das ist machbar, wenn wir wollen. Vor allem sollten wir in den Herkunftsländern aktiv werden. Hilfe vor Ort stoppt die Flüchtlingsströme.

Was gibt es in Sachen Gesundheitspolitik zu tun?

Zäch: Dass die Krankenkassenprämien jedes Jahr derart steigen, gibt mir zu denken. Ich finde, sie sollten lediglich der Teuerung angepasst werden – sodass sie für alle bezahlbar bleiben. Für die Spitex und andere Pflegeleistungen sollte der Staat mit Steuergeldern aufkommen. Denn im Gegensatz zur Kopfprämie, bei welcher der Millionär gleich viel zahlt wie der Sozialhilfebezüger, werden Steuern einkommensgerecht erhoben.

Ihrer Website ist zu entnehmen, dass Sie in Zofingen und Djerba leben. Welche Verbindung haben Sie zu Tunesien?

Zäch: Die Insel ist seit einigen Jahren eine beliebte Feriendestination für unsere Familie. Dabei habe ich 2011 die Jasmin-Revolution hautnah miterlebt. Seither unterstütze ich verschiedene Projekte. Vor einigen Jahren habe ich zudem auf dem Festland eine Olivenplantage angelegt, die für mehrere Familien eine Existenzgrundlage geworden ist. Tunesien ist gerade jetzt auf Hilfe aus der Schweiz angewiesen, wenn der Arabische Frühling eine Zukunft haben soll.

Interview Lena Berger

Hinweis

Guido A. Zäch (80) ist der Gründer der Schweizer Paraplegiker-Stiftung.