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NOTTWIL: Ein Dorf kämpft um seinen Bahnschalter

Trotz steigender Umsätze planen die SBB, den bedienten Schalter am Bahnhof Nottwil auf Ende Jahr zu schliessen. Die Gemeinde fürchtet um die Mobilität der Patienten des Paraplegiker-Zentrums. Der Kompromissvorschlag sei «unbefriedigend».
Lena Berger
Marie-Theres Murer am SBB-Schalter in Nottwil. (Bild: Pius Amrein (Nottwil, 7. September 2016))

Marie-Theres Murer am SBB-Schalter in Nottwil. (Bild: Pius Amrein (Nottwil, 7. September 2016))

Wer ein Zugbillett haben will, soll dieses am Automaten kaufen. Die IG Bahnhof Nottwil darf ab nächstem Jahr keine Tickets mehr verkaufen, so entschied es die SBB-Leitung im September. Bislang wurde der Bahnschalter durch Verkaufsprovisionen für Abos und Billette finanziert. Jetzt steht das Angebot vor dem Aus.

Dagegen regt sich Widerstand. Seit Bekanntwerden der Kündigung haben zwischen der IG und den SBB diverse Gespräche stattgefunden, wie Gemeindepräsident Walter Steffen bestätigt. «Ein akzeptabler Vorschlag, dass unser bedienter Bahnhof noch drei zusätzliche Jahre weiterexistieren darf, wurde nicht unterbreitet. Die Vorschläge sind für die IG unbefriedigend.» Dass der technologische Fortschritt dazu führt, dass es weniger bediente Schalter braucht, ist Steffen bewusst. Er weist aber darauf hin, dass die Situation in Nottwil durch das Paraplegiker-Zentrum besonders ist. Dienstleistungen für Behinderte durch das Bahnhofspersonal würden sehr geschätzt. Die Mitarbeiterinnen hätten sich über die Jahre eine wertvolle Expertise angeeignet.

Der Kauf von Billetten: Menschen mit Behinderungen haben vielfach Mühe, den Automaten zu benutzen, weil ihre Fingerfertigkeiten dies nicht zulassen. Am Schalter wird das Billett ausgedruckt und dem Kunden direkt in die gewünschte Tasche gelegt.

Reisevorbereitung für Rollstuhlfahrer: Diese sind beim Ein- oder Aussteigen darauf angewiesen, dass zwischen dem Zug und dem Perron kein «Niveau» besteht. Das Bahnhofsteam klärt für einzelne Rollstuhlfahrer und vor allem Gruppen ab, an welchen Bahnhöfen man ohne Hilfe ein- und aussteigen kann. Aufgrund dieses Wissens stellen sie nach den Bedürfnissen der Rollstuhlfahrer die Reisepläne zusammen.

Mobihelfer: Die Mitarbeiterinnen organisieren die Aus- und Einsteighilfen beim Ziel- oder Umsteigeort. Das ist gemäss Steffen wichtig, wenn sie nicht lange im Voraus die Reisezeiten festlegen können oder wenn Unvorhergesehenes den Reiseplan durcheinandergebracht habe.

Die modernen Verkaufs- und Beratungskanäle der SBB seien noch nicht ausgereift, findet Steffen. Die Plattformen im Internet und die Automaten würden ältere und behinderte Menschen vor grosse Probleme stellen, so der Gemeindepräsident. Für diese «benachteiligte» Klientel der SBB gäbe es deshalb zurzeit keine Alternative zum bedienten Schalter.

Reto Schärli, Sprecher der SBB, bestätigt die Verhandlungen. Am Entscheid, den Billettverkauf durch Dritte einzustellen, werde aber nicht gerüttelt, sagt er. Man sei jedoch bereit, für eine Übergangslösung Hand zu bieten: Die IG Bahnhof Nottwil könnte während zweier Jahre Beratungen anbieten – und würde dafür von den SBB entschädigt. Wie hoch die Entschädigung ausfallen würde, dazu äussert sich der SBB-Sprecher nicht. «Wird auf das Angebot eingetreten, würde die Übergangslösung ab Januar 2018 in Kraft treten. Bis mindestens 2020 hätte die IG Bahnhof Nottwil dann Zeit, sich ein neues Standbein aufzubauen.» Dass Bahnschalter zunehmend zu Beratungszentren werden, sei ein Trend. «Immer mehr Tickets werden heute online gekauft, weil es die einfachste Möglichkeit ist, an ein Billett zu kommen», sagt Schärli. Es stimme zwar, dass die Umsätze am Schalter Nottwil stetig angestiegen seien. Das Wachstum im Onlinebereich sei aber massiv grösser. An den Schaltern sei dagegen vertiefte Beratung gefragt, weshalb man diese in den grösseren Städten auch ausbaue. «Aus finanziellen Gründen ist es aber nicht möglich, diese Dienstleistungen an allen 800 Bahnhöfen in der Schweiz anzubieten.»

Der Behauptung, dass es für Menschen mit Behinderungen keine befriedigende Alternative zur Beratung am Schalter gebe, widerspricht Schärli. «Unser Callcenter Handicap ist täglich von 6 bis 22 Uhr für telefonische Beratungen erreichbar. Täglich werden 200 Anrufe entgegengenommen, 150 Reisewünsche und 350 Hilfeleistungen koordiniert.» Infos zum barrierefreien Reisen seien über den Onlinefahrplan der SBB abrufbar. Weiter könnten Billettautomaten auch durch Mitarbeiter der SBB ferngesteuert bedient werden, wenn ein Kunde auf die Hotline anrufe. «Die Tickets für die Betroffenen können so vor Ort ausgedruckt werden.»

Gemeindepräsident: «Wir geben nicht auf»

Die IG Bahnhof Nottwil verlangt indes, dass der Schalter am Bahnhof Nottwil noch bis Ende 2020 offen bleibt, um die Kunden auf die neuen Verkaufskanäle vorzubereiten. Das Angebot der SBB für Beratungsdienste sei unbefriedigend. Um eine gute Lösung zu erreichen, wolle man weiter verhandeln – und über Bundesparlamentarier auch politisch Druck ausüben, so Steffen. «Wir geben nicht auf.»

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

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