Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

NOTTWIL: Flüchtlingshilfe auf Arabisch

Janine Bannwart leistet Flüchtlingshilfe an der mazedonisch-serbischen Grenze. Dabei sieht sie Dinge, die andere nur vom Hörensagen kennen.
Claudio Zanini
Eine Flüchtlingsfamilie bei der Rast in der Nähe von Tabanovce, Mazedonien. Vom dortigen Transitcenter geht ihre Reise weiter über die serbische Grenze nach Presevo. (Bild: Keystone/Boris Grdanoski)

Eine Flüchtlingsfamilie bei der Rast in der Nähe von Tabanovce, Mazedonien. Vom dortigen Transitcenter geht ihre Reise weiter über die serbische Grenze nach Presevo. (Bild: Keystone/Boris Grdanoski)

Janine Bannwart setzt sich an einen grossen Tisch in einer Pizzeria. Über ihr ein opulenter Kronleuchter, neben ihr ein üppig dekorierter Tannenbaum. Die Szenerie steht im krassen Gegensatz zum Tischgespräch: Flüchtlingshilfe an der mazedonisch-serbischen Grenze. «Das ist genau der Punkt. Wir dürfen dieses Thema nicht links liegen lassen, weil es uns hier so gut geht», sagt Bannwart. Fünf Tage war die 28-jährige Nottwilerin in Tabanovce, einem kleinen Ort in Mazedonien, direkt an der serbischen Grenze. Etwa 8000 Flüchtlinge überqueren dort täglich die Grenze, um schliesslich im Flüchtlingscamp des serbischen Presevo für maximal 72 Stunden Unterschlupf zu finden und sich dort registrieren zu lassen. Bannwarts Aufgabe am Bahnhof von Tabanovce: Flüchtlinge empfangen, ihnen zeigen, wo Wolldecken und WCs sind, in welche Richtung die Weiterreise verläuft oder wo sie in temporär aufgestellten Baracken übernachten können. Organisiert hat sie den Einsatz nicht über eine offizielle Organisation, sondern über eine lose Gruppe namens «Help the refugees in macedonia», die sie auf Facebook entdeckte.

Sprachbarriere an der Grenze

«Die Hilfe soll kein Selbstzweck sein. Ich gehe nicht dorthin, um mit anderen freiwilligen Helfern Selfies zu machen», sagt Bannwart. Getreu diesem Motto übernahm sie Schichten in der Nacht, bei Temperaturen um drei Grad. Die Züge erreichen Tabanovce im 24-Stunden-Betrieb. «Sie sind meist total überfüllt.» Die Flüchtlinge kommen vor allem aus Syrien, Afghanistan und dem Irak über die Balkanroute (siehe Kasten). «Unglaubliche Bilder. Die Menschen steigen aus den Zügen aus und wissen oftmals gar nicht, wo sie sind.» Auf den Bahnsteigen Gedränge, unruhiges Umherfragen, totale Erschöpfung. «Das erinnert mich an ganz dunkle Kapitel der Geschichte.»

Die am Bahnhof von Tabanovce ankommenden Flüchtlinge treffen zumeist auf lokale Helfer, die so gut wie kein Arabisch sprechen. Bannwart lernte die arabische Hochsprache während ihres Studiums in Islamwissenschaften und Sozioanthropologie an der Uni Bern. Mit dem Hocharabisch wäre sie bei ihrem Einsatz jedoch nicht weit gekommen. Die Umgangssprache eignete sie sich während Einsätzen für lokale NGO im Libanon und in Jordanien an.

Den Entschluss, Islamwissenschaften zu studieren, fasste sie, nachdem sie den Islam in Indien kennen lernte. Danach reiste sie mehrmals in den Nahen Osten. «Meine Familie hatte manchmal Angst, weil ich als junge Frau immer wieder in den Nahen Osten reiste. Aber ich habe immer viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft erlebt.» Die Berichterstattung über die angespannte Flüchtlingslage missfällt Bannwart oftmals. «Es ist ein komplexes Thema, zu dem viele Leute eine Meinung haben, aber die wenigsten tatsächlich Konkretes wissen.» Ihr Appell deshalb: «Es wird vor allem über Konflikte berichtet, aber zu oft vergessen, dass hinter jedem Flüchtling ein Mensch steht. Das soll nicht abgedroschen klingen. Aber das sind Menschen mit eigenen Ideen und Interessen – genau wie wir.»

Riskante und teure Flucht

Janine Bannwart kennt vor allem die Geschichten der Syrer aus erster Hand, da sie enge Kontakte zu Menschen aus syrischen Kriegsgebieten pflegt. «Im Moment sieht es nicht so aus, als ob sich der Konflikt in Syrien legen wird. Wir – in der Schweiz und in Europa – müssen uns damit arrangieren, dass die Flüchtlinge über längere Zeit bei uns bleiben.» Die Flucht sei insbesondere für in Syrien lebende Palästinenser kompliziert. «Sie haben aufgrund ihres Status als Staatenlose besondere Einreisebestimmungen. So können sie, nicht wie Syrer, visumfrei in die Türkei reisen. Auch um in den Libanon einzureisen, brauchen sie ein Visum. Das ist eine äusserst riskante und teure Flucht.»

Im Januar nach Presevo

Den nächsten Einsatz hat sie bereits geplant. Im Januar will Janine Bannwart zunächst mit dem Verein Borderfree Association aus Zürich in Presevo helfen. Danach soll ein Einsatz in Griechenland folgen.

Im Restaurant sind die Tische reich gedeckt, als sich Bannwart verabschiedet. «Schadensbegrenzung auf minimstem Niveau» sei das, was sie mache. «Ich wünsche mir, dass die Schweizer Bevölkerung ihre Verantwortung wahrnimmt und die Bereitschaft äussert, Menschen in Not zu unterstützen.» Den entsprechenden Worten müssen aber auch Taten folgen, fügt sie hinzu.

Claudio Zanini

Vier Millionen stammen aus Syrien

Flüchtlinge cza. Gemäss den Zahlen der UNO per Mitte 2015 gibt es weltweit knapp 60 Millionen Flüchtlinge. Rund 4 Millionen davon stammen aus Syrien. «Von diesen vier Millionen fliehen etwa 350 000 Menschen nach Europa. In Relation zum Anteil, der sich auf die umliegenden Länder verteilt, ist das nicht viel», sagt Janine Bannwart, Flüchtlingshelferin aus Nottwil. Unter den drei grössten Aufnahmeländern von Flüchtlingen befinden sich zwei direkte Nachbarn von Syrien: Türkei (1,8 Millionen) und Libanon (1,2 Millionen).

«Das erinnert mich an ganz dunkle Kapitel der Geschichte.» Janine Bannwart (28), Nottwil (Bild: pd)

«Das erinnert mich an ganz dunkle Kapitel der Geschichte.» Janine Bannwart (28), Nottwil (Bild: pd)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.