NOTTWIL: Samuel Koch verblüfft sein Publikum

Der querschnittgelähmte Samuel Koch las gestern im Paraplegiker-Zentrum aus seinem Buch. Eine bewegende Darbietung – umrahmt von erstklassiger Musik.

Hannes Bucher
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Samuel Koch wieder auf zwei Beinen: Vor der Lesung lässt er sich von seinem Studienkollegen bewegen, an dem er befestigt ist. (Bild Philipp Schmidli)

Samuel Koch wieder auf zwei Beinen: Vor der Lesung lässt er sich von seinem Studienkollegen bewegen, an dem er befestigt ist. (Bild Philipp Schmidli)

Auffallend viele junge Leute sind es, die an diesem Abend in die Aula des Schweizer Paraplegiker-Zentrums (SPZ) in Nottwil strömen. Sie alle lassen die in der Luft liegende Fasnacht draussen: Heute Abend ist nicht Platz für Überlautes, auch nicht für Oberflächliches. Zwei junge deutsche Männer, der Tetraplegiker Samuel Koch und sein Vornamensvetter, der Musiker Samuel Harfst, nehmen an diesem Abend das Publikum für sich ein. Voll und ganz. Sie erzählen ihre Lebensgeschichte – auf das erste Hören, den ersten Blick so unterschiedlich und doch wieder ähnlich.

Der Zufall will es, dass sie beide Samuel heissen. Beide haben sie mehr als wohl die meisten ihrer Altersgenossen im öffentlichen Rampenlicht gestanden und stehen es noch. Da ist der 26-jährige Samuel Koch. Sein Unfall im Jahr 2010 in der TV-Show «Wetten, dass ...?» ging Millionen ans Herz (siehe Box). Er ist seither vom Hals abwärts gelähmt. An den Rollstuhl gefesselt. Und er hat sich davon befreit, nicht im wörtlichen, aber im übertragenen Sinn. Er hat sich freigeschrieben. Er hat zum Hoffen zurückgefunden, zum Leben. 2012, zwei Jahre nach dem harten Schicksalsschlag, hat er seine Biografie geschrieben. Davon erzählt er und liest aus seinem Buch an diesem Abend.

Aufrecht vor dem Publikum

Bevor er aus seinem Buch liest, erlebt ihn das Publikum voller Überraschung aufrecht. Er ist auf raffinierte Weise in einem Bewegungsanzug an seinen Studienkollegen Robert Lang getapt und spielt so den Monolog des Ex-Affen aus Franz Kafkas «Bericht für eine Akademie». Er kann so mit der kollegialen Unterstützung Arme und Beine bewegen, gestikulieren. Diese Szene hat er als Abschlussspiel seines Schauspielstudiengangs in Hannover präsentiert.

Dann liest Samuel Koch, wieder im Rollstuhl, aus seinem Buch. Eindrückliche Ausschnitte, die zeigen, welchen Einschnitt der Unfall auf das junge, ungestüme Leben hatte. Wie er, der sich voller Taten- und Bewegungsdrang in allen Risikosportarten versucht hatte, auf einen Schlag auf den Rollstuhl reduziert wurde.

Aufstieg eines Strassenmusikers

Samuel Koch teilt die Bühne an diesem Abend mit seinem Freund, dem Musiker Samuel Harfst. Der deutsche Singer-Songwriter schaffte es vom Strassenmusiker – er hatte sich in Australien auf einmal mit leeren Taschen vorgefunden – ins grosse Musikgeschäft. Er brachte es in die iPhone-Werbung und gar ins Vorprogramm von Whitney Houston. Inzwischen hat er bereits sechs Alben veröffentlicht. Eindrücklich ist, mit welcher Feinfühligkeit, Liebenswürdigkeit und gleichzeitig mit welchem Witz die beiden aus ihrem Leben erzählen.

Beeindrucktes Publikum

«Ja, es gefällt uns sehr», sind sich Martin und Irene Kaufmann aus Hünenberg einig. «Positive Botschaften von Leuten hören, die es nicht nur leicht haben», das sei wertvoll. Die junge Julienne Ambühl aus Geiss, die selber als Fachfrau Gesundheit im SPZ arbeitet, freut sich ob der guten Stimmung. «Ja, es ist viel Heiteres mit dabei – aber auch viele Zwischentöne», sagt sie.

Unfall in Sendung «Wetten, dass ...?»

Samuel Koch war in der Sendung von «Wetten, dass ...?» am 4. Dezember 2010 in Düsseldorf bei einer Wette schwer verunfallt – vor Millionen Fernsehzuschauern. Koch wollte mit Sprungfedern einen Akrobatiksprung über ein fahrendes Auto absolvieren. Der Sprung misslang dem damals 22-Jährigen. Er berührte mit dem Kopf das Auto und blieb reglos am Boden liegen. Der Deutsche brach sich dabei zwei Halswirbel. Samuel Koch ist seither vom zweiten Halswirbel abwärts gelähmt und Tetraplegiker.

Ein Jahr in Nottwil

Wenige Tage nach dem Unfall wurde Koch ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum nach Nottwil verlegt. Während eines Jahres wurde er dort gepflegt und auf das Leben im Rollstuhl vorbereitet. Koch hat über sein Schicksal die Autobiografie «Samuel Koch – Zwei Leben» geschrieben. Bereits vor dem Unfall wollte er Schauspieler werden. Sein Schauspielstudium hat er 2012 wieder aufgenommen. Im Juni 2014 wird Koch sein Studium abschliessen.