«Landauf, landab»: Nümmerli

Thomas Lötscher alias Veri zeigt auf, wie sich der Arztbesuch in den Sechzigerjahren von jenem von heute - inklusive Eintrittgebühr für den Spitalnotfall - unterscheidet.

Thomas Lötscher alias Veri, Malters
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Thomas Lötscher

Thomas Lötscher

Eine mittlere Verletzung bei einem Bruder sahen wir als Kinder positiv: Mehr Platz am Küchentisch. Ein Arztbesuch in den 60er-Jahren konnte dauern. Man setzte sich ohne Anmeldung ins Wartezimmer, behandelt wurde der Reihe nach. Meistens. Wenn man auf ein Räderli Wurscht spekulierte, liess man auch mal den Metzgersburscht vor. Gemeinderat, Schreinermeister oder Näherin, alle mussten warten. Ausser so richtige Notfälle halt, blutig, hirngeschüttert oder wenn ein Fingerbeeri im Plastiksäckli mitgebracht wurde.

In den 70er-Jahren die Warteschlangenrevolution: Nümmerli. Kleine Aluschildchen, griffbereit neben der Tür. Menschen, für die Zeit auch Geld ist, schickten den Lehrbuben und begaben sich erst in die Praxis, wenn sie glaubten, dass ihre Zahl an der Reihe wäre. Hörte man den VW Käfer des Arztes auf Notfalleinsatz durchs Dorf knattern, rechnete man 30 Minuten oben drauf.

Es gab einen Schwarzmarkt. Marilyn Monroe – Name vom Autor geändert – tippelte oft nur zum Zeitvertreib frühmorgens zum Dokter und tauschte dann ihr einstelliges Nümmerli gegen kleine Gefälligkeiten mit Ungeduldigen: Gipfeli, Bauernhof-Zvieri oder Tipp für ergiebige Heubeeristauden. Verglichen mit ihrer Blockwohnung war wohl die Lebensqualität im Wartezimmer höher: interessante Diskussionen, Aquarium und echtes Hans-Erni-Bild.

Heute geht Marilyn am Stock, Hausärzte sterben aus. Menschen rennen in den Spitalnotfall und sollen bei Bagatellen bald 50 Stutz «Eintrittsgebühr» zahlen. Gröbere Sachen bleiben gratis. Dramatisch, wenn sich ein Boboli-Patient, sobald der Arzt kassieren will, zum Sparen den Kopf an der Tischplatte gröber blutig schlägt.

Hinweis: An dieser Stelle äussern sich jeweils Gastkolumnisten und Redaktoren unserer Zeitung zu einem frei gewählten Thema.