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Nur noch halb so viele Rekruten: Luzerner Zivilschutz hat Nachwuchsprobleme

2017 und 2018 brachen die Rekrutierungszahlen der Luzerner Zivilschützer ein. Der Kanton Luzern will nun reagieren: Mit speziellen Kursen oder gar der Auflösung der Reserven.
Niels Jost
Der Luzerner Zivilschutz hat Rekrutierungsprobleme. (Bild: Dominik Wunderli, Sempach, 15. Februar 2019)

Der Luzerner Zivilschutz hat Rekrutierungsprobleme. (Bild: Dominik Wunderli, Sempach, 15. Februar 2019)

Der Auftrag ist so simpel wie herausfordernd: Die Schweizer Bevölkerung vor Katastrophen und Notlagen schützen. Dies ist die Aufgabe des Zivilschutzes. Wer keinen Militär- oder Zivildienst leisten kann, aber dennoch «tauglich» ist, der wird hier eingeteilt. In orange-brauner Uniform führt der Einsatz häufig zur Bewältigung von Umweltkatastrophen oder zur Unterstützung bei Grossanlässen.

Nun steht der Zivilschutz im ganzen Land vor einer Notlage, die er selber nur bedingt entschärfen kann. Es plagen ihn Nachwuchsprobleme. Auch im Kanton Luzern: Die Anzahl der Neu-Rekrutierungen ist in den vergangenen Jahren stetig zurückgegangen, wie diese Grafik zeigt:

Waren es bis 2016 stets über 300 Schutzdienstpflichtige, welche den sechs Zivilschutzorganisationen (ZSO) im ganzen Kanton Luzern zugeteilt werden konnten, brach die Zahl 2017 auf 237 und im vergangenen Jahr gar um knapp die Hälfte auf 126 Personen ein. Zum Vergleich: Der Soll-Bestand, also die notwendige Anzahl an Zivilschutzrekruten, um den Auftrag ausführen zu können, liegt in Luzern bei 240 Personen pro Jahr.

Mangel beim Kulturgutschutz und in der Versorgung...

Diese sind nötig, um den Bestand in den sechs ZSO halten zu können. Aktuell ist das noch erfüllt: Der Kanton zählt derzeit 2720 aktive Zivilschützer – mindestens 2617 müssten es sein.

Doch in gewissen übergeordneten Fachbereichen wie dem Kulturgutschutz oder in der Versorgung besteht bereits heute starker Unterbestand. «Erhalten wir mittelfristig nicht mehr Schutzdienstpflichtige, können wir unseren Auftrag nicht mehr vollumfänglich erfüllen», sagt Daniel Enzler.

...und bei Köchen und Pionieren

Der Leiter der kantonalen Abteilung Zivilschutz gibt zu, dass ihn die Nachwuchsprobleme beschäftigen. «Mit den heutigen Rekrutierungszahlen können wir den angestrebten Soll-Bestand nicht mehr sicherstellen.» Bei den Köchen konnten 2017 nur 41 Prozent dieses Soll-Bestandes neu rekrutiert werden. Konkret: Statt 17 neue Köche wurden deren 7 ausgehoben, wie diese Grafik zeigt:

Die Zahlen von 2018 hat Enzler erst vor kurzem erhalten und deshalb noch nicht im Detail analysieren können – wie erwähnt habe sich das Problem aber gar noch zugespitzt. Betroffen sind vor allem Köche, Pioniere und Stabsassistenten.

Militär nimmt dem Zivilschutz Mitglieder weg

Über die Gründe kann Enzler nur mutmassen. Zwar wurden 2017 so wenige Luzerner ausgehoben, wie seit Jahren nicht (mehr dazu am Textende). Enzler hält aber auch für möglich: «Meine Wahrnehmung ist, dass der Zivilschutz in direkter Konkurrenz zum Militär- und Zivildienst steht.» Dies habe sich mit der 2018 eingeführten «differenzierteren Tauglichkeit» sogar noch verschärft: Um weniger Militärdienstpflichtige für untauglich zu erklären, wurden die medizinischen Rekrutierungskriterien angepasst.

Das Modell der differenzierten Tauglichkeit erlaubt es dem Militär nun, den vorhandenen Handlungsspielraum besser zu nutzen. Wer aus medizinischen Gründen – zum Beispiel aufgrund eines ehemaligen Kreuzbandrisses – leicht oder unerheblich eingeschränkt ist, kann neu durchaus in einer bestimmten Funktion militärdiensttauglich sein. «Vor 2018 kamen diese Personen zum Zivilschutz», sagt Enzler. «Nun verlieren wir sie an die Armee.»

Bund plant kürzere Dienstpflicht – Problem verschärft sich

Hinzu kommt: Der Bund plant derzeit, mit einer Totalrevision des Bevölkerungs- und Zivilschutzgesetzes das Dienstpflichtmodell im Zivilschutz jenem der Armee anzupassen. Die zukünftige Dauer der Schutzdienstpflicht soll 245 Tage betragen und auf 12 Jahre reduziert werden. Heute gilt die Pflicht vom zwanzigsten bis zum vierzigsten Altersjahr.

Für die Kantone bedeutet diese kürzere Dienstpflichtzeit, dass sie künftig auf noch weniger Personen zurückgreifen können. Daniel Enzler hat dieses Problem bereits Mitgliedern der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats geschildert, welche die Gesetzesrevision derzeit als erstes beraten. «Aus diesem Anlass müsste aus Sicht des Kantons Luzern auch dringend die Integration des Zivildienstes in den Zivilschutz geprüft werden.»

Einsatz nicht mehr zwingend bei Standortgemeinde

Den Personalmangel will der Luzerner Zivilschutz-Leiter auch mit den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten angehen. So werden die Zivilschützer neu nach absolvierter Grundausbildung «bedarfsgerecht» und unter Berücksichtigung der Bestände «überregional» in eine der sechs Zivilschutzorganisationen eingeteilt.

Bisher war es so, dass die Zivilschützer in der für die Gemeinde zuständigen ZSO Dienst leisteten. Besteht beispielsweise in der ZSO Pilatus ein Mangel an Pionieren, könnten diese aus einer ZSO mit genügend Bestand abdetachiert werden. «Dabei wird natürlich auch eine möglichst kurze Reisezeit zum neuen Einsatzort berücksichtigt», sagt Enzler.

Reserven auflösen: Geringes Potenzial

Eine weitere Möglichkeit bestehe darin, die Auflösung der noch wenigen Reservebestände zu prüfen. Das Potenzial schätzt Enzler aber eher als gering ein. In der Reserve befinden sich in der Regel ältere Zivilschützer oder solche, die noch keine Ausbildung abgeschlossen haben.

Geplant ist zudem die Einführung eines Fachkurses für Kochgehilfen. «Damit können auch nicht gelernte Köche aus ‹artverwandten› Kochberufen als Unterstützung im Bereich der Versorgung eingesetzt werden.» Weiter möchte der Kanton Luzern Einfluss auf die Rekrutierung nehmen. Daniel Enzler dazu: «Wir müssen die Entwicklung nun von Jahr zu Jahr analysieren und allenfalls funktionsspezifisch handeln.»

Schwache Jahrgänge: Weniger Luzerner wurden ausgehoben

So wenige stellungspflichtige Luzerner wie 2017 wurden seit Jahren nicht mehr ausgehoben. 2077 waren es an der Zahl – in der Regel sind es 100 bis 200 mehr. Ein Grund könnten die abnehmenden Geburtenzahlen um die Jahrtausendwende sein.

Von diesen 2077 ausgehobenen Personen 2017 wurden knapp 80 Prozent für den Militär- respektive den Zivildienst als tauglich erklärt. Lediglich 8,2 Prozent galten als tauglich für den Zivilschutz – auch das ist Negativrekord. Seit 2010 wurden dem Zivilschutz jeweils zwischen 9,3 und 11,2 Prozent aller ausgehobenen Personen zugeteilt, wie das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) in seiner jährlichen Tauglichkeitsstatistik aufführt.

Konstant geblieben ist hingegen der Anteil der Untauglichen: 2017 lag dieser bei 12,2 Prozent. Seit 2010 waren immer zwischen 10,8 und 14,2 Prozent der Stellungspflichtigen aus dem Kanton Luzern untauglich. (jon)

Zivilschutz, Zivildienst – das ist der Unterschied

Häufig werden Zivilschutz und Zivildienst verwechselt. Der grösste Unterschied liegt in der Rekrutierung: Dienstpflichtige, welche vollumfänglich als tauglich erklärt werden, müssen Militär- oder als Alternative Zivildienst leisten. Wer «einfach untauglich», aber nicht «doppelt untauglich» ist, der muss Zivilschutz leisten.

Anders als Militär und Zivildienst ist der Zivilschutz kantonal organisiert. In Luzern gibt es sechs regionale Zivilschutzorganisationen. Die Aufgaben des Zivilschutzes reichen von Hilfeleistungen in Katastrophenfällen bis zu Einsätzen in Asylzentren. Wie im Militär müssen die Zivilschützer jährliche Wiederholungskurse leisten. (jon)

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