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Nur vier Schläge für zwei Gänse: Kurzer Prozess am Gansabhauet in Sursee

Am Sonntag hat in Sursee der traditionelle Gansabhauet stattgefunden. Die erste Gans fiel nach nur drei Schlägen, die zweite gar beim ersten Hieb. Das brachte Gratulationen von höchster Stelle ein.
Niels Jost
Ein Schläger versucht am Gansabhauet in Sursee sein Glück. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))

Ein Schläger versucht am Gansabhauet in Sursee sein Glück. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))

4000 bis 5000 Schaulustige haben sich am St. Martinstag auf dem Surseer Rathausplatz eingefunden. Dicht gedrängt warteten Jung und Alt, bis der erste Schläger pünktlich um 15.15 Uhr unter Trommelwirbel auf die Bühne schritt und sich mit dem stumpfen Dragonersäbel an die bereits hängende Gans herantastete. Denn sehen können die Schläger nichts: Ihre Augen sind verbunden, auf dem Kopf tragen sie eine Sonnenmaske und um die Schultern einen roten Mantel.

Um das Vorhaben noch schwieriger zu gestalten, müssen die Freiwilligen zusätzlich einen gehörigen Schluck Wein trinken und sich einige Male um die eigene Achse drehen. Orientierungslos tasten sie sich dann zur hängenden – und bereits toten – Gans. Kaum ist das Ziel gefunden, wird nicht lange gezögert: Mit einem kräftigen Hieb auf den Hals des gefiederten Tieres wird versucht, dieses zu köpfen. Jeder Schläger hat nur einen Versuch. Es dauert deshalb bis zu 20 Schläge, bis die Gans herunterfällt.

Gansabhauet auf dem Rathausplatz in Sursee. Auf dem Bild zu sehen ist Nick Bürli aus Sursee, welcher die zweite Gans mit dem ersten Schlag vom Drahtseil holte. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Da war's geschehen: Der Kopf der Gans ist ab. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Jubel und Applaus für den siegreichen Schläger: Nick Bürli aus Sursee hat die zweite Gans mit dem ersten Schlag vom Drahtseil geholt. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Festschmaus ergattert: Der erfolgreiche Schläger Nick Bürli aus Sursee darf die Gans behalten. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Blindes Vertrauen: Die in einen roten Umhang und eine goldene Sonnenmaske gekleideten Schläger werden auf das Podest geführt. Dort ertasten sie die tote Gans, dessen Hals sie mit einem stumpfen Dragonersäbel zu durchschlagen versuchen. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Er hat die erste Gans gewonnen: Adrian Rutz aus Nottwil. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Gegen 6000 Besucherinnen und Besucher wohnten dem Surseer Traditionsanlass bei. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Nicht so einfach wie es aussieht: Üblicherweise braucht es bis zu 20 Schläge, bis die Gans herunterfällt. Nicht so aber am Sonntag: Nach nur drei Hieben respektive einem Hieb war die Gans abgehauen. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Denn sehen können die Schläger nichts – ihre Augen sind verbunden, auf dem Kopf sitzt eine Sonnenmaske, um die Schultern ein roter Mantel. Nach einem gehörigen Schluck Wein und einigen Umdrehungen sind die Freiwilligen deshalb orientierungslos. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Gansabhauet auf dem Rathausplatz in Sursee. Auf dem Bild zu sehen ist Nick Bürli aus Sursee, welcher die zweite Gans mit dem ersten Schlag vom Drahtseil holte. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Wie immer herrschte in der Altstadt von Sursee Volksfeststimmung. Neben der Hauptattraktion erfreuten sich die Kinder und Jugendlichen am Stangenklettern, Sackhüpfen und Grimassenschneiden. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Wie immer herrschte in der Altstadt von Sursee Volksfeststimmung. Neben der Hauptattraktion erfreuten sich die Kinder und Jugendlichen am Stangenklettern, Sackhüpfen und Grimassenschneiden. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Jahr für Jahr zieht der Anlass zahlreiche einheimische und auswärtige Schaulustige an. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Die Ursprünge des traditionellen Gansabhauet sind nicht genau bekannt. Fest steht lediglich, dass der Brauch um 1820 aus Sursee verschwand, aber bereits 43 Jahre später wieder zum Leben erweckt worden ist. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Dicht gedrängt und gespannt warteten Jung und Alt, bis der erste Schläger pünktlich um 15.15 Uhr auf die Bühne schritt. Vorher wurden die beiden aufzuhängenden Gänse feierlich auf das Podest vor dem Rathaus gebracht. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Jahr für Jahr zieht der Anlass zahlreiche einheimische und auswärtige Schaulustige an. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Die Reihenfolge der Schläger wird im Vorfeld durch das Los bestimmt. Die Ziehung findet immer beim Diebenturm statt. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Am Sonntag hatten sich 103 Männer und 10 Frauen angemeldet. Einer Frau ist der siegreiche Schlag bislang noch nie geglückt. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
Die Ursprünge des traditionellen Gansabhauet sind nicht genau bekannt. Fest steht lediglich, dass der Brauch um 1820 aus Sursee verschwand, aber bereits 43 Jahre später wieder zum Leben erweckt worden ist. (Bild: Pius Amrein (Sursee, 11. November 2018))
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Gansabhauet in Sursee: Das sind die besten Bilder

Zwei Einheimische gewinnen

Nicht so gestern: Nach nur drei respektive einem Hieb lagen die beiden Gänse am Boden. Tosender Applaus, Jubel-Schreie der Schläger und Gratulationen folgten. Gewonnen hat die erste Gans Adrian Rutz aus Nottwil. Der 40-Jährige war schon oft als Zuschauer anwesend, mitgemacht habe er aber noch nie. «Ein Freund hat mich am Freitag dazu überredet», sagte der in der Finanzbranche tätige Rutz sichtlich glücklich. Ob er die Gans nun selber zubereiten wird, wisse er noch nicht. «Mein Kollege ist Koch, vielleicht kann ich ihn dieses Mal überreden.»

Noch schneller ging’s bei der zweiten Gans: Diese fiel bereits nach einem einzigen Schlag, was nur selten vorkommt. Reüssiert hat Nick Bürli aus Sursee. Der 32-Jährige nimmt schon teil, seit er 18 ist, 2005 hatte er schon mal gewonnen. Eine spezifische Technik wende der Datennetzwerker nicht an. «Ich schlage immer mit der Rückhand. Ob die Gans dabei fällt oder nicht, ist aber immer mit viel Glück verbunden.» Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Reihenfolge der jeweils rund 100 Schläger im Vorfeld ausgelost wird. Je höher die Startnummer ist, desto geringer die Chance, überhaupt auf die Bühne treten zu dürfen. Angemeldet hatten sich gestern 103 Männer und 10 Frauen.

Ist der Brauch noch zeitgemäss?

Doch ist es überhaupt noch zeitgemäss, vor jubelnder Masse ein Tier zu köpfen? Diese Frage war gestern bei den Verantwortlichen als auch beim Publikum oftmals das Thema. Die Haltung der meisten war klar: Der Gansabhauet hat Tradition in Sursee und wird entsprechend fortgeführt. «Solange so viele Leute zum Anlass kommen und mitmachen, hat der Brauch sicherlich eine gewisse Legitimität», sagte auch Michael Blatter, Stadtarchivar und Präsident der Kommission Gansabhauet. Es sei allerdings wichtig, den Tierschutz zu diskutieren und andere Meinungen zuzulassen.

Laut Blatter nimmt der Gansabhauet sogar eine aufklärerische Funktion ein: «Es wird einem wieder mal bewusst, woher das Fleisch, welches wir tagtäglich konsumieren, stammt. Oder wann haben Sie das letzte Mal ein geschlachtetes Tier gesehen, und nicht bloss das Filetstück im Laden gekauft?» Blatter betonte zudem, dass die Gans nach wie vor ein wertvolles und wertgeschätztes Tier sei. So betrage der Kilopreis etwa zehn Mal so viel wie beim Poulet.

Stadtpräsident gratuliert höchstpersönlich

Doch zurück zu den gestrigen Gewinnern. Nach ihrem Triumph wurde ihnen gar von höchster Stelle gratuliert, von Stadtpräsident Beat Leu (CVP). Dieser hatte sich mit seinen Ratsmitgliedern sowie mit den geladenen Kadern der kantonalen Verwaltung auf den Ehrenplätzen eingefunden. Viel wichtiger schien den Gewinnern Rutz und Bürli aber, dass sie die Gans nun mit nach Hause nehmen dürfen. Oder im Fall von Nick Bürli: «Ich lasse sie im ‹Wilden Mann› in Sursee zubereiten. Das gibt ein Festmahl!»

Ursprung nicht gänzlich geklärt

Wieso in Sursee jeweils am Martinstag zwei Gänse geköpft werden, ist historisch nicht abschliessend belegt. Die gängigste Erklärung ist, dass der Brauch auf die jeweils am 11. November fällige Zehntelsabgabe an die Klöster Muri, St. Urban und Einsiedeln zurückzuführen ist. Womöglich offerierte das Kloster den Bürgern zu diesem Anlass eine Gans. Unklar ist ebenso, ob es «der» oder «die» Gansabhauet heisst.

Der Brauch wurde nach einem Unterbruch von über 40 Jahren erstmals wieder 1863 durchgeführt. Dabei müssen Schläger blind den Hals einer Gans durchtrennen – mit einem einzigen Hieb und mit einem stumpfen Säbel. Der Gansabhauet gehört zum immateriellen Kulturerbe der Schweiz und ist einer von 199 Bräuchen, der von der Unesco anerkannt ist. (jon)

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