OBERGERICHT: Neunmal geschossen: Aus Notwehr?

Vor zwölf Jahren streckte ein Kosovare in Sursee einen Landsmann auf offener Strasse nieder. Nach langer Flucht musste er sich nun in Luzern verantworten.

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(Symbolbild Michael Buholzer/Neue LZ)

(Symbolbild Michael Buholzer/Neue LZ)

12 Uhr mittags, Bahnhof Sursee. Der Kosovo-Albaner A. Z. fährt mit dem Auto vor. Er steigt hastig aus. Zieht die Waffe und streckt seinen Landsmann H. B. mit drei Schüssen nieder. Er nähert sich dem Opfer und feuert weitere sechs Schüsse auf den am Boden liegenden Mann ab. Etliche Zeugen beobachten die Tat. A. Z. flieht auf direktem Weg nach Kosovo, stellt sich aber später der Luzerner Polizei. Doch noch während des Strafvollzugs bricht er aus der Strafanstalt Wauwilermoos aus und taucht in Kosovo unter. Der lebensgefährlich verletzte H. B. überlebt die Schüsse wie durch ein Wunder.

«Er hätte ihn exekutieren können»
Diese aussergewöhnliche Bluttat geschah am 15. Mai 1996. Vor zwei Jahren wurde der heute 34-jährige A. Z. bei einem Drogendeal in der Schweiz erwischt. Deshalb musste er sich gestern vor dem Luzerner Obergericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft fordert 14 Jahre Haft für ihn, unter anderem wegen vollendeten Mordversuchs. A. Z. ist geständig, auf den Mann geschossen zu haben. Die Verteidigung spricht von Notwehr und versuchter vorsätzlicher Tötung. Sie beantragt maximal viereinhalb Jahre Haft.

Der Verteidiger versuchte das Gericht zu überzeugen, sein Mandant habe nie die Absicht gehabt, H. B. zu töten. «Er hätte ihn exekutieren können, als er am Boden lag», so der Verteidiger. «Er hat aber nicht einmal alle Kugeln im Magazin verschossen.»

Tatsächlich kam auch das Opfer bewaffnet zum Treffen. «Das ist eine kosovarische Tradition», sagte der Angeklagte. Gesichtsausdruck und Körperhaltung seines Gegenübers hätten darauf hingewiesen, dass er ihn angreifen würde. «Das spätere Opfer wollte zur Waffe greifen», erklärte gestern auch der Verteidiger. «Der Schusswechsel geschah im Affekt.»

Bereits 2002 wegen Tötung hinter Gittern
Für die Staatsanwaltschaft ist klar: A. Z. wollte seinen Gegenspieler töten. «Alle Kugeln haben den Körper getroffen. Das ist eine klare Tötungsabsicht.» Der Ankläger glaubt, dass die Tat geplant war. Am Morgen des 15. Mai ging A. Z. nicht zur Arbeit. Eine Waffe, Reisepass und 700 Franken in bar trug er bei sich.

A. Z. ist auch sonst kein Unbescholtener. Er wird des Diebstahls, der mehrfachen Sachbeschädigung und des Hausfriedensbruchs beschuldigt. 2006 wurde er mit einem Kilogramm Heroin erwischt. Und 2002 sass er in Kosovo für drei Jahre hinter Gittern, wegen Tötung in unverhältnismässiger Notwehr. Damals hatte das Opfer weniger Glück und erlag den Verletzungen.

Harry Tresch

Den ausführlichen Artikel lesen Sie am Dienstag in der Neuen Luzerner Zeitung.