Öffentliches WC: «Volkstoilette» und Bedürfnisanstalt

Sven Altermatt
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Öffentliche Toiletten waren und sind ein Zeichen des Fortschritts. Angefangen im Römischen Reich: Dort trafen Männer in Latrinen-Einrichtungen aufeinander. Trennwände für die Privatsphäre fehlten oft, und zwar bewusst. Das Imperium pflegte das «Verrichten der Notdurft als kollektive Veranstaltung», wie es der Althistoriker Martin Zimmermann in einem neuen Buch formuliert. Die Latrinen waren Orte sozialer Distinktion, philosophischer Gespräche und – in jeder Hinsicht – grosser Geschäfte. Daher soll auch der Ausdruck «ein Geschäft machen» rühren.

Erleichterung gegen Geld: die Bahnhof Toilette kostet 1.50 oder 2 Franken. (Bild: Stefan Kaiser, 2012)

Erleichterung gegen Geld: die Bahnhof Toilette kostet 1.50 oder 2 Franken. (Bild: Stefan Kaiser, 2012)

Der gesellschaftliche Umgang mit Toiletten wandelte sich. Bald wurden sie zu einem Raum höchster Privatheit. Unter Queen Victoria übernahm Grossbritannien im 19. Jahrhundert eine sanitäre Vorreiterrolle: Auf der ganzen Insel wurden im grossen Stil «Volkstoiletten» eröffnet. Mit der Industrialisierung erlebten öffentliche Toiletten als sogenannte Bedürfnisanstalten ihre Renaissance. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfügte in der Schweiz nicht jeder Haushalt über einen eigenen Abort.

Bald und immer häufiger wurden die stillen Örtchen zweckentfremdet – als Rückzugsort für Obdachlose und Drogenabhängige oder aber für amouröse Erlebnisse. Und heute? In einigen Teilen der Welt leisten öffentliche Toiletten noch immer Entwicklungshilfe. Das schreiben die Kunsthistoriker, die im Nürnberger Museum für Kommunikation eine Ausstellung zur Geschichte der Toilette konzipiert haben. Wer ein sauberes WC vorfinde, erkranke seltener an Infektionen.

Ebenso könnten sie einen wichtigen Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit leisten. Schliesslich seien Frauen in Ländern wie Afghanistan «von der Benutzung öffentlicher Toiletten und damit von der Teilnahme am öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen». In westlichen Breitengraden sind öffentliche Toiletten derweil zusehends bedroht, sie werden privatisiert oder aus Kostengründen ganz geschlossen.

Regelmässig werden öffentliche Toiletten zudem zu einem Politikum – auch in der Schweiz. So verfügt die Stadt Zürich, wo 1893 auf dem Bürkliplatz das erste städtische WC eröffnet worden ist, eigens über einen «Masterplan Züri-WC». Er dient als Instrument «der Planung und Koordination». Demnach müssen die Zürcher Toiletten in der Regel gratis sein. Dass für manche Kabinen trotzdem bezahlt werden muss, erregt zuweilen Ärger. Die Stadtoberen verteidigen die Schutzgebühren jeweils: Gäbe es sie nicht, würden die Kabinen zu oft von Obdachlosen oder Drogenabhängigen genutzt.