Reportage
Ohne Maschinen und dafür mit Kunden, die anpacken: Ein Kollektiv denkt in Neuenkirch die Landwirtschaft neu

Die produzierende Landwirtschaft in der Schweiz steht unter Druck. Die «Randebandi» aus Neuenkirch setzt für ein Umdenken ein.

Rahel Lüönd
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Sarah Peter, Präsidentin der Gemüsebaukooperative «Randebandi», auf deren Hof in Neuenkirch.

Sarah Peter, Präsidentin der Gemüsebaukooperative «Randebandi», auf deren Hof in Neuenkirch.

Bilder: Jakob Ineichen (7. April 2020)

Vereinzelt ist ein Schild zu sehen, auf dem «Lauch» oder «Fenchel» steht, und in diesen Reihen gucken bereits ein paar Blätter aus der Erde. An den meisten Stellen ist der Boden in der Rippertschwand aber noch spröde und fest, kleine Hügel mit Gräsern durchziehen das Feld. Im hinteren Teil stechen Sarah Peter, Christa Birbaum-Meyer und Anita Bättig mit Spaten in die Tiefe und ziehen die vielen Blacken heraus, die sich gerne vermehren und dem angepflanzten Gemüse Platz und Nährstoffe streitig machen.

Die Szene dieser drei Frauen, die schwere Handarbeit auf dem offenen Feld verrichten, könnte genauso gut aus einer früheren Zeit stammen. Sie nehmen Stich für Stich in Angriff, drücken das mannshohe Werkzeug mit den festen Schuhen in den Boden, ziehen kräftig, lösen die Erde ab und werfen das Kraut mitsamt Wurzel in einen Kübel. Einmal, zweimal, hundertmal. Seit Wochen schon machen sie dies mehrmals pro Woche für ein paar Stunden, und ein Blick aufs Feld reicht aus, um zu sehen: Fertig sind sie noch lange nicht. Bald sollen hier unter anderem Brokkoli, Pak Choi und Rettich wachsen.

Die Frauen gehören zur Gemüsebaukooperative «Randebandi», die auf dem Hof der Familie Meyer solidarische Landwirtschaft betreibt und das gezogene Gemüse rund um die Stadt Luzern vertreibt. Anders als im Detailhandel oder im Hofladen haben die Produkte keinen Preis: «Unsere Mitglieder bezahlen die Betriebskosten und erhalten als Gegenleistung das ganze Jahr über frisches, saisonales Gemüse», sagt die Vereinspräsidentin Sarah Peter. Zusätzlich helfen sie für vier bis zehn Halbtage pro Jahr auf dem Feld mit.

Ökologisch und vielfältig

Anita Bättig, die als Gartenfachkraft bei der Randebandi angestellt ist, kommt in Schuss, wenn sie nach dem diesjährigen Anbau gefragt wird: «Wir haben über 40 Kulturen – von Auberginen, Tomaten und Gurken bis hin zu exotischerem Gemüse, etwa Haferwurzel oder weissviolett geringelter Rande.» Es gibt Lagergemüse wie Kartoffeln oder Sellerie, ausserdem winterharte Produkte wie der Nüsslisalat.

Das System ist ausgeklügelt und geht Hand in Hand mit der Natur. Die Kulturen ziehen jedes Jahr von Parzelle zu Parzelle weiter, damit der Boden nicht zu stark beansprucht wird, gerne auch mal mit einem Streifen Blumen für Nützlinge dazwischen. Letzterer dient dazu, Insekten anzuziehen, welche wiederum die Schädlinge fressen. Durch die Gemüsevielfalt sinkt natürlich auch das Risiko von Ausfällen. Hat es eine bestimmte Raupe auf den Blumenkohl abgesehen, werden sie den Rest nicht anrühren und auch die Rehe, die sich im letzten Winter über den Salat hergemacht haben, hinterliessen die anderen Kulturen unbeschädigt. Die Angestellten und die Mitglieder arbeiten vor allem von Hand, da sich spezielle Geräte und Maschinen für die kleine Menge nicht lohnen. Das ist zwar anstrengend und nicht gleich effizient wie ein landwirtschaftlicher Betrieb, der drei, vier Kulturen im grossen Stil bewirtschaftet. Aber es ist ökologisch.

Der Randebandi geht es auch nicht in erster Linie um Schnelligkeit, sondern vielmehr um ein Umdenken in der Art, wie wir uns ernähren. «Die Mitglieder der Randebandi haben ihr Kochverhalten massgeblich verändert», sagt Sarah Peter. «Nicht mehr das Menü steht an erster Stelle, sondern eben das Produkt.» Wenn man einfach das kocht, was gerade vorhanden ist, erhöht man nicht nur den Anteil an saisonalem Gemüse, sondern hat auch viel weniger Abfälle.

Das Modell der solidarischen Landwirtschaft ist für die 32-jährige Emmenbrückerin, in verschiedenen möglichen Ausprägungen, durchaus zukunftstauglich und würde die Wertschätzung gegenüber der hiesigen Landwirtschaft stärken. Es denkt unsere Lebensmittelproduktion komplett neu: Weg vom Preisdruck mit hohem eigenem Risiko – wo ganze Ernten als Gründünger enden, weil sie den Ansprüchen der Konsumenten nicht genügen. Hin zu einer gesicherten Produktion, wo die Gemüsebäuerin den Absatz im Vorfeld kennt. Ist es da wirklich so wichtig, ob es heute Tomaten- oder Rüeblisalat zum Zmittag gibt? Können wir unsere Gewohnheiten nicht einfach nach der Produktion und der Saison richten?

In Form von Gemüseabos, die sich vielerorts etabliert haben, wird diese «Vertragslandwirtschaft» ebenfalls praktiziert, einfach ohne Arbeitseinsätze. Auch die solidarische Landwirtschaft, wie sie seit zwei Jahren auf dem Hof der Familie Meyer in Neuenkirch betrieben wird, gibt es im Ausland und in anderen Teilen der Schweiz schon länger (siehe Box unten). Trotzdem hat es eine Weile gedauert, bis das Team ein Grundstück und das Vertrauen für seine Idee erhalten hat. Anders als in der Westschweiz ist der Ansatz in der Deutschschweiz noch wenig bekannt.

Solidarische Landwirtschaft: Drei
Anbieter im Kanton Luzern

In der Schweiz gibt es gemäss der Kooperationsstelle für solidarische Landwirtschaft rund 40 Angebote in diesem Bereich, ein Grossteil davon in der Westschweiz. Dort wurde mit den Jardins de Cocagne, den Schlaraffengärten, das schweizweit erste Projekt Ende der 1970er Jahre gegründet. Anders als beim Direktverkauf, wo Konsument und Landwirt ebenfalls ohne Zwischenstelle miteinander in Kontakt treten, schliessen die beiden Parteien bei der solidarischen Landwirtschaft einen Vertrag. Bei vielen Projekten arbeiten die Konsumentinnen zudem mit. In den letzten Jahren habe es insbesondere in der Deutschschweiz einen Schub an Neugründungen gegeben, schreibt die Fachstelle auf ihrer Website. Im Kanton Luzern bieten neben der Randebandi das Naturgut Katzhof (Richenthal) sowie die im Januar 2020 gegründete Kooperative Querbeet (Grosswangen) Produkte aus solidarischer Landwirtschaft an.

Fast wie ein eigener Garten

Damit die Vision der Randebandi wirklich mitgetragen wird, ist das Mithelfen vor Ort für das Kernteam ein wichtiger Bestandteil. «Sobald die Leute auf dem Feld sind, wird es zu ihrem Gemüse», sagt die Präsidentin. Ganz so, als hätten sie einen eigenen grossen Garten. Die «Härdöpflete» im Herbst ist schon zu einem Event mit Kind und Kegel avanciert. Und obwohl Sarah Peter jetzt allein mit der Grelinette den Boden unter sich auflockert, kann man sich den wachsenden Zusammenhalt vorstellen, wenn eine Handvoll Mitglieder auf dem Feld anpackt. Das Erlebnis auf dem Hof vergleicht sie mit einem Skiausflug – körperlich zwar intensiv, aber auf jeden Fall eine Reise wert. Im Moment, da die Leute viel Zeit in ihren eigenen vier Wänden verbringen, sei das Interesse an Einsätzen besonders gross.

Schon in wenigen Wochen wird das Team das Blackenstechen hinter sich haben und das wachsende Gemüse hegen und pflegen. In die wöchentlichen Taschen kommen dann nicht mehr die gelagerten Produkte vom letzten Jahr, sondern die vielfältigen und bunten Neuankömmlinge der diesjährigen Ernte.

Das Konzept lautet: Gemüse gegen Arbeit

Die Randebandi kann mit ihrem Gemüseanbau auf 60 Aaren Land zurzeit rund 60 Abonnenten beliefern. Das saisonale Gemüse kommt im Sommerhalbjahr wöchentlich, im Winter alle zwei Wochen, jeweils freitags in verschiedene Depots im Kanton Luzern. Diese befinden sich in der Stadt Luzern, Kriens, Emmenbrücke, Sursee, Sempach und Neuenkirch. Die Mitglieder holen ihr Gemüse dort ab. Neumitglieder kaufen mindestens einen rückzahlbaren Anteilschein für 500 Franken und bezahlen anschliessend je nach Einsatzbereitschaft 1200 (zehn Halbtage Einsatz) bis 1650 Franken (vier Halbtage Einsatz) pro Jahr. Die Einsätze können selber eingeteilt werden und beinhalten Arbeiten auf dem Feld wie auch das Abpacken oder Ausliefern von Gemüse. Es hat im Moment noch freie Abos. Hinweis Mehr Informationen finden Sie unter www.randebandi.ch.