Einlassprozedur fast wie am Flughafen: Warteschlangen in Weggis vor Geburtstags-Orgelkonzert von Olivier Eisenmann

Livekonzerte sind Sinnesspektakel: Konzertorganist Olivier Eisenmann gab ein erstes Klassikkonzert gemäss Schutzkonzeptauflagen.

Urs Mattenberger
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Lange Warteschlangen vor einem Klassikkonzert – das gibt’s vor allem dann, wenn Weltstars im KKL auftreten und Fans auf letzte oder retournierte Tickets hoffen. Am Sonntag aber zeigte sich dieses Bild beim Orgelrezital von Olivier Eisenmann vor der katholischen Kirche Weggis. Zum ersten Klassikkonzert nach dem Lockdown in der Region zogen sich die Warteschlangen beidseitig bis hin zur Strasse.

Als das Konzert mit zehn Minuten Verspätung begann, füllten über 120 Besucher die geräumige Kirche im Rahmen des Schutzkonzepts. Selbst mit den geringeren Abständen von einem bis anderthalb Metern, die in anderen gelten, hätten nicht viel mehr Leute in den Kirchenbänken Platz gehabt.

Einlassprozedur fast wie am Flughafen

Damit bestätigte sich im Kleinen, was die Infektiologin Ursula Maria Flückiger in unserer Zeitung bereits vor Wochen prophezeit hatte: dass wir uns, bis ein Impfstoff verfügbar ist, bei Konzerten auf zeitaufwendige Einlassprozeduren einstellen müssen, wie wir sie an Flug­häfen längst gewohnt sind.

In Weggis zeigte sich, wie gelassen das Publikum damit umgehen kann. Die Stimmung war aufgeräumt, erwartungsvoll und ohne jede Spur von Angst. Ja, die Warteschlangen ermöglichten paradoxerweise Gespräche und damit Kontakte, die die Schutzkonzepte eigentlich minimieren wollen. Dank Corona könnten also Konzertbesucher künftig viel stärker miteinander ins Gespräch kommen, als das normalerweise der Fall ist.

Eine Frau zeigte die Visitenkarte umher, die sie ausgedruckt hatte, um das Erstellen der Adresslisten zu beschleunigen. Andere diskutierten skeptisch – alle ohne Schutzmaske –, wieso Schutzmasken selbst in Bussen von kaum jemandem getragen werden. In der Kirche selbst setzten sich die Besucher in lockeren Gruppen und in ungefähren Sicherheitsabständen in die offenen Bänke, vor denen – wie in Gottesdiensten – jeweils eine Bankreihe gesperrt war.

Videostill: Tele 1

Das «Happy Birthday» sang die ganze Kirche mit

Den Höhepunkt an Normalität verdankte das Konzert aber einem anderen besonderen Anlass, nämlich dem 80. Geburtstag des in Weggis wohnhaften Konzertorganisten Olivier Eisenmann.

Bild: Boris Bürgisser (Weggis, 3. Juni 2020)

Gemeindeammann Baptist Lottenbach verwies in seinem Grusswort an den Jubilar auf dessen zahlreiche Aktivitäten als Konzertorganist und Veranstalter auch in Weggis – und wünschte ihm, dass ihm wenigstens «in den Pausen» der Partituren etwas Ruhe vergönnt sei. Dann fasste er sich ein Herz und stimmte, ungewöhnlich für eine Kirche, das «Happy Birthday»-Lied für Olivier an – und die ganze Kirche sang aus voller Kehle mit, hier ganz am Ende des Videos von Tele 1 zu hören und sehen:

Damit war der letzte Bann gebrochen und gehörte der Rest der Veranstaltung ganz Olivier Eisenmann an der Orgel. Auch sein Programm vom Barock bis zur Gegenwart war auf einen überaus festlichen Ton angelegt. Da wurde auch klar, weshalb sich Orgelrezitals zu Corona­-Zeiten vorzüglich eignen – weil sie quasi ein ganzes Orchester bieten ohne die dazugehörigen Abstandsprobleme auf der Bühne.

In einer Toccata von Georg Muffat und in einem Präludium von Fanny Hensel-Mendelssohn stellte Eisenmann mit viel Strahl­kraft und scharfen Mixturen lyrische Zwischenspiele in den Schatten.

Bild: Boris Bürgisser (Weggis, 3. Juni 2020)

Und er hob erst recht mit spätromantischen Werken von Gustav Adolph Merkel und Max Reger zum grossen Abflug ab: unglaublich, wie sich flüchtige Bewegungsmuster hier zu sinfonischen Gebilden verdichteten, aus denen solistische Holzbläserfarben in allen Schattierungen plastisch hervortraten.

Auch in der Edward-Elgar­-Hommage von Christopher Tambling und Hans Uwe Hielschers «Californa-Wine-Suite» versammelten sich duftige Holzklänge, mächtig vibrierende Bässe und glöckelnder Glanz zu einem Sinnesspektakel, das nicht zuletzt ein Lob des Livekonzerts war. Ein starker Anfang dafür war hier gemacht.