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So wird man zur Sanitätssoldatin ausgehoben - ein Erfahrungsbericht

Schweizerinnen dürfen seit 2004 denselben Militärdienst leisten wie Männer. Doch wie ist es, als Frau unter Männern an der Aushebung teilzunehmen? Ein Erfahrungsbericht unserer Autorin Chiara Zgraggen.
Chiara Zgraggen
Chiara Zgraggen stimmt sich schon mal auf die RS ein. (Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 3. August 2018))

Chiara Zgraggen stimmt sich schon mal auf die RS ein. (Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 3. August 2018))

118. Diese Nummer begleitete mich während zweier Tage. Kein Grund zur Sorge, die Feuerwehr musste in den Tagen nicht ausrücken. Ich durfte jedoch einrücken, und zwar an die Aushebung der Schweizer Armee. 118 war meine persönliche Kennnummer – und der Ersatz für meinen Namen. Mit zittrigen Knien und schwitzigen Händen begab ich mich also kürzlich zum Rekrutierungszentrum in Rüti (ZH). Die Sorge, für dienstuntauglich befunden zu werden, raubte mir den Schlaf. So erging es allen Frauen. Und einigen Männern.

Kaum angekommen, wurden wir in vier Gruppen eingeteilt – eine davon bildeten wir Frauen. Nach der Einführung durch den Kommandanten, bei der wir Frauen unnötigerweise extra begrüsst wurden, folgte die Zimmerzuweisung nach Nummern. Wir Frauen wurden im untersten Stock am Ende eines Gangs eingeteilt. Man hatte uns mit einer Wand von den Männern getrennt und ermahnte uns, ja nicht das «falsche» Bett oder den «falschen» Schrank zu benützen. «Stressen, um zu warten», eine Phrase vieler Soldaten, konnten wir schon bald bestätigen. Geschätzt die Hälfte der Zeit des ersten Programmpunktes, dem medizinischen Check, verbrachten wir mit herumsitzen.

Statt Pasta tricolore gab’s Kartoffelstock

Am Vorabend der Rekrutierung habe ich viel mit meinen Freunden übers Militär gesprochen. «Du wirst sicherlich Pasta tricolore essen», hatte mein Mitbewohner mir gesagt. Die Schweizer Armee habe Unmengen davon auf Lager. Deshalb komme man während der Rekrutenschule regelmässig in den Genuss dieser Speise. Uns tischte man zum Zmittag hingegen Kartoffelstock und Gemüse auf. Geniessen konnte es keine der Frauen, denn der Sporttest folgte sogleich. In fünf Disziplinen (Einbeinstand, Medizinballstossen, Weitsprung, Ausdauer und Rumpfkraft) hätte ich mein Können unter Beweis stellen können. Hätte, denn nach viel Schweiss, Fluchen und Verzweiflung stand fest: Ich war nicht im Stande, mein Potenzial abzurufen. Ehrlich gesagt habe ich auf der ganzen Linie versagt. Einziger Trost: Auch die meisten anderen Frauen glänzten beim Sporttest nur durch Schweiss statt durch Leistung.

«Rekrutierungszentrum ist wie booking.com»

Nach einer Dusche und einer Stunde «Pause» präsentierte der Kommandant die Funktionen der Armee. Völlige Zeitverschwendung, schliesslich hatten alle Anwesenden den Orientierungstag besucht. Mit den Worten «Das Rekrutierungszentrum ist wie booking.com» gewann er dennoch unsere Aufmerksamkeit. Die Truppengattung sei die Feriendestination, die Funktionszuteilung das Hotel. Scheinbar ist am Ausdruck grüne Ferien doch was dran, dachte ich mir. Ohne Wartezeit folgte gleich der Striptease. Also der Seelen-Striptease. Mit Fragen zum Drogenkonsum, zum Selbstbewusstsein oder wie man mit seinen Aggressionen umgehen kann, wollte man unsere mentale Stärke ermitteln. Die Aufgaben waren durchschaubar.

Doch die Frage: «Könnten Sie jemanden töten?» liess mich aufhorchen. Natürlich war die Frage eher auf das zivile Leben ausgerichtet (schliesslich wird den meisten Rekruten eine Waffe in die Hand gedrückt, die sie nach Hause nehmen können). Dennoch: Die Frage, ob ich im Kriegsfall töten könnte, ist eine schwierige. Hoffentlich muss ich darauf nie eine Antwort geben. Nach einem Bier war der anstrengende Tag geschafft. Schlaf fand ich kaum; die Nervosität wegen der Funktionszuteilung am nächsten Tag liess meine Gedanken nicht ruhen.

Kommandant: «Sie werden Spitalsoldatin»

Nach der unruhigen Nacht, wieder viel Wartezeit und dem zweiten Psychologietest (es ging um unser Führungspotenzial) war es endlich soweit: Der Kommandant führte mich in ein leeres Sitzungszimmer. Sein autoritäres Auftreten und die tiefe Stimme jagten mir Angst ein. Mit der Frage: «Frau Zgraggen, wohin soll ich sie einteilen?» liess er mich glauben, ich hätte bei der Funktionszuteilung freie Wahl. Ganz so war es nicht. Wir sprachen gewiss 20 Minuten über meine Zukunft. Für ihn war klar: «Sie werden Spitalsoldatin.» Für mich kam das auf gar keinen Fall in Frage. Schliesslich will ich nicht meine ganze Militärzeit in einem Spital verbringen. So diskutierten wir hin- und her, bis wir zum Entschluss kamen, mich als Sanitätssoldatin einzuteilen. «Immerhin etwas mehr Action denn als Spitalsoldatin», dachte ich mir. Vielleicht war es der Kommandant auch einfach leid, noch weiter zu verhandeln.

Es fehlte nur noch meine Unterschrift, dann war meine Wehrpflicht beschlossene Sache. Der vorgelegte Vertrag liess mich ein letztes Mal vor Nervosität erstarren. Aus jedem bisherigen Vertrag hatte ich die Möglichkeit, auszusteigen. Diese Unterschrift ist jetzt aber mein «One-Way-Ticket» für 245 Tage grüne Ferien. Als ich das Besprechungszimmer des Kommandanten verliess, schossen Tränen der Freude und der Erleichterung in meine Augen. Schnellstmöglich wollte ich mein Dienstbüchlein und die Kampfstiefel abholen. Der Weg dahin war ein altbekannter: Warten, warten, warten.

Den kritischen Stimmen zum Trotz

Vor, während und nach der Rekrutierung sieht man sich als Frau oft mit der Aussage konfrontiert, ob man wahnsinnig sei, freiwillig Militärdienst zu leisten. «Das schaffst Du eh nicht», lauten die Vorurteile meist. Auch Anschuldigungen unter der Gürtellinie sind keine Seltenheit. Wie ich in Airolo ab Januar 2019 gegen diese Stimmen vorgehe? Ich ignoriere sie, denn ich will meinen Erfahrungsschatz während 245 Tagen Militärdienst erweitern.

Frauen in der Schweizer Armee haben eine über 100-jährige Geschichte

1903 erhielten Schweizerinnen die Möglichkeit, sich dem Rotkreuzdienst zu verpflichten. Die Frauen wurden im Laufe des ersten Weltkriegs und während der spanischen Grippe im Jahr 1918 vor allem in Militärspitälern und Soldatenstuben eingesetzt. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 wurden sie von Frauenvereinen ermuntert, sich für die Hilfsdienste der Armee zu melden. Der Bundesrat, zu jener Zeit nur in Männerhand, erstellte eine Verordnung über den Frauenhilfsdienst (FHD), der dem Rotkreuzdienst angegliedert wurde. Geschätzte 1000 Frauen meldeten sich für den Motorwagendienst. Der FHD, dessen Organisation sich Henri Guisan annahm, bestand aus zwei Zweigen: dem zivilen und dem militärischen. Das zivile Gebiet umfasste beispielsweise Wäschereiarbeiten oder die Soldatenfürsorge. Die militärische Richtung beinhaltete etwa den Motorwagendienst, die Fliegerbeobachtung oder Küchenarbeiten. Durch den Einsatz der Frauen standen mehr Männer für die Kampftruppen zur Verfügung. Ende 1941 zählte der FHD über 23 000 Angehörige. Nach dem Krieg wurde der Rotkreuzdienst wieder unabhängig, der FHD unterstand immer noch den Generalstabsdiensten.

Frauen konnten sich erst seit 1991 bewaffnen

Grundlegende Veränderungen brachte der 1981 in der Bundesverfassung verankerte Grundsatz der Gleichstellung von Mann und Frau. Fünf Jahre später wurde aus dem FHD der Militärische Frauendienst (MFD). Das bedeutete unter anderem, dass Frauen die identischen Dienstgrade wie Männer erreichen konnten. Schweizerinnen wurde es aber erst ab 1991 möglich, sich auf freiwilliger Basis zu bewaffnen. Auswahl gab es keine – nur eine Pistole zur Selbstverteidigung kam in Frage. Mit der vorletzten Armeereform «Armee 95», die von 1995 - 2003 galt, wurde der MFD durch die Dienststelle Frauen in der Armee (FDA) ersetzt. Seitdem untersteht die FDA direkt dem Armeechef. Frauen wurden dennoch aus Funktionen ausgeschlossen, die einen Kampfauftrag enthielten. Am 18. Mai 2003 nahm die Schweizer Bevölkerung mit einem Ja-Stimmen-Anteil von 75 Prozent die Armeereform XXI an. Durch diese erhielten Frauen ab 2004 den Zugang zu allen Funktionen, die selbe Bewaffnung, die gleiche Dienstdauer und die Möglichkeit, sich an Auslandseinsätzen zu beteiligen, beispielsweise im Kosovo. Der einzige Unterschied zwischen den Geschlechtern heute: Frauen können freiwillig Militärdienst leisten. Zudem müssen Schweizerinnen keine Wehrpflichtersatzabgabe bezahlen. (zgc)

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