OPER: «Nur der Papagei war etwas ratlos»

Von Brasilien über An­dré Rieu ans Luzerner Theater: Carla Maffioletti sagt, was sie in der Glanzrolle der Zerbinetta in Richard Strauss' «Ariadne» alles verbinden kann.

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Kam nach Tourneen mit André Rieu relativ spät auf Theaterbühnen: Carla Maffioletti (35). (Bild: Pius Amrein /  Neue LZ)

Kam nach Tourneen mit André Rieu relativ spät auf Theaterbühnen: Carla Maffioletti (35). (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Interview Urs Mattenberger

Selten kommen Interviews so schnell in Fahrt. Bei Carla Maffioletti (35) genügt ein erstaunter Blick auf den Mantel, in dem sie trotz sommerlicher Temperaturen im Theaterfoyer erscheint. Sie schüttelt die blonden Locken und lacht, aus ihrer Heimat Brasilien sei sie ganz anderes gewohnt: «Sommer ist erst, wenn ich ihn auf der Haut spüre, und das ist noch nicht der Fall!» Sie sagt es mit dem quirligen Temperament, das man von ihren Auftritten im Luzerner Theater kennt, zuletzt mit akrobatischen Koloraturen in der Produktion von «La Fura dels Baus».

Und schon sind wir mitten im Gespräch über die ungewöhnliche Kar­riere dieser Sängerin, die relativ spät zur Bühne fand. Und die jetzt, in der Oper «Ariadne auf Naxos» von Richard Strauss, eine Paraderolle als Koloratursopran hat: als Komödiantin Zerbinetta mischt sie mit fröhlicher Lebenszuversicht die Klagen der Ariadne auf, die aus verratener Liebe am Leben verzweifeln will.

Carla Maffioletti, in der «Ariadne» prallen mit der schwermütigen He­roine und der quicklebendigen Zerbinetta Welten aufeinander. Entsprechen Sie auch privat eher dem Zerbinetta-Typ?

Carla Maffioletti: Ja, die Zerbinetta und ich, das passt perfekt zusammen nur nicht, was ihre vielen Liebhaber anbelangt! Aber die Leichtigkeit, die sie verkörpert, diese Freiheit eines Vogels gewissermassen, entspricht durchaus meinem Lebensgefühl, zumal die Zerbinetta doch auch ihre melancholische Seite hat. Meiner leichten, beweglichen Stimme liegen solche Koloraturpartien ohnehin.

Koloraturgesang hat ja etwas unbändig Flatterhaftes an sich. Muss man dafür neben der Stimme auch das passende Temperament mitbringen?

Maffioletti: Ich denke schon, dass es nicht nur von der Stimme abhängt, sondern auch eine Typenfrage ist, in welchem Fach man sich musikalisch wohlfühlt. Bei einem lyrischen Sopran, wo stark das Gefühl im Vordergrund steht, dürfte sich auch die Persönlichkeit anders entwickeln. Es war deshalb wohl kein Zufall, dass ich beim Studium in Brasilien von meinem ursprünglichen Instrument, der klassischen Gitarre, zum Gesang gewechselt habe. Für mich spiele ich zu Hause zwar noch immer Gitarre, weil ich die Melancholie dieser Musik mag. Aber das Singen und Spielen auf einer Bühne entspricht doch mehr meinem Temperament.

Trotzdem fanden Sie relativ spät zur Opernbühne, weil Sie als Sängerin insgesamt zehn Jahre mit André Rieu auf Tournee gingen. Was reizte Sie daran, in seinen Shows mitzuwirken?

Maffioletti: Die Shows von André Rieu sind eine Art Varieté mit ganz unterschiedlichen Elementen. Ich kannte ihn bereits von meinem Studium in Brasilien her, und als er mich anfragte, in seinen Tourneen mitzuwirken, war das für mich eine grosse Chance. Denn die Rolle, die er mir zudachte, passte ganz zu meiner Stimme und zu meinem Temperament. Mit Opern- und Operettenarien sowie spektakulären Koloraturen brachte ich ein lustiges und komisches Element mit ein. Zudem begleitete ich mich in Bossa-Nova-Liedern auf der Gitarre.

Wie ergiebig waren diese Jahre musikalisch?

Maffioletti: Die grosse Kraft von André Rieus Shows liegt sicher in der guten Laune, mit der sie das Publikum mitreisst. Aber Rieu, der heute vor allem dirigiert, war auch ein wunderbarer Geiger und unglaublich musikalisch. Seine Sensibi­lität spürte man selbst in den Proben, wo er manchmal praktisch mit Tränen in den Augen dirigierte.

Seit Ihrem ersten Theaterengagement vor vier Jahren in Giessen haben Sie wiederholt zeitgenössische Opern gesungen, die selten mit Emotionen zu Tränen rühren. War das nicht ein Schock nach den Rieu-Shows?

Maffioletti: Nein, aber das ist tatsächlich eine ganz andere Herausforderung, und gerade das mag ich an Neuer Musik. Ungewohnte Melodien so zu gestalten, dass sie für den Hörer zugänglich werden, ist unglaublich spannend. Auch da muss das Ziel sein, eine Lebendigkeit mit hineinzubringen, die unmittelbar anspricht.

Kunst- und Koloraturgesang passen nicht zu Brasilien-Klischees rund um Bossa Nova, Karneval oder Fussball. Wie fanden Sie in diese Welt?

Maffioletti: Ich war mit meinem klassischen Gesang schon etwas eine Aussenseiterin das wurde mir bewusst, wenn die Kinder aus meiner Nachbarschaft mein Singen (sie deutet eine Koloratur an) zum Spass imitierten. Aber meine Mutter war Musikpädagogin und klassische Musik zu Hause präsent. Dass alles nebeneinander Platz hatte, zeigte sich in unserer Familie, weil meine beiden Brüder Hip-Hop-Musik machen. Da hörte man an einem Ende der Wohnung meine Opernarien, während von der gegenüberliegenden Seite ihre Rhythmen (sie imitiert mit der Stimme elektronische Beats) hämmerten. Aber ich mag ihren Hip-Hop, und sie fasziniert mein Gesang. Nur der Papagei in der Mitte war etwas ratlos, wo er mitplappern sollte.

Mit der Zerbinetta singen Sie eine Hauptrolle, die Ihnen auf den Leib geschneidert ist. Können Sie in der Inszenierung von Holger Müller-Brandes Ihr Temperament ausleben?

Maffioletti: Ja, die Inszenierung rückt stark die beiden Frauenrollen, die Ariadne und die Zerbinetta, ins Zentrum und reduziert das Geschehen darum herum. Es gibt keinen Slapstick für Zerbinettas Komödiantentruppe, aber der Verzicht auf vordergründige Klischees ermöglicht es, die Geschichte ganz natürlich vom Emotionalen her zu erzählen.

Als Mitglied des Theaterensembles leben Sie seit zwei Jahren in Luzern. Vermissen Sie hier nicht etwas die Vitalität Ihrer brasilianischen Heimat?

Maffioletti: Nein, überhaupt nicht! Ich bin in einer Grossstadt aufgewachsen und fand die Hektik und den Lärm furchtbar! Deshalb liebe ich die Ruhe und die Übersichtlichkeit dieser Stadt und die fantastische Stille in den Bergen. Schon als ich das erste Mal nach Luzern kam, dachte ich ungläubig: Was, hier kann man arbeiten? Das ist ja das Paradies!

Hinweis

Premiere: Sonntag, 19. April, 19 Uhr, Luzerner Theater, mit dem Ensemble des Theaters und dem Luzerner Sinfonieorchester unter Howard Arman

Vorverkauf: Telefon 041 228 14 24.